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EU-Navigationssystem Galileo Teures Prestigeprojekt


Das Projekt kostet den Steuerzahler viel Geld und hinkt seinem Zeitplan um Jahre hinterher: Sogar der angekündigte Start der ersten beiden Satelliten des EU-Navigationssystems Galileo musste verschoben werden. Überblick über ein Milliardengrab.

Sie heißen Natalia und Thijs, wiegen je rund 700 Kilogramm und werden zum Wohle Europas ins All geschossen. Die ersten beiden Satelliten des EU-Navigationssystems Galileo sollen an diesem Freitag vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abheben. Eigentlich sollten sie schon einen Tag zuvor starten, doch Probleme mit der Rakete durchkreuzten die Pläne.

Die beiden Satelliten haben ihren Namen von zwei Kindern aus Bulgarien und Belgien, die einen Malwettbewerb gewonnen hatten. Auch sonst gibt sich das von der EU-Kommission gemanagte Programm bürgernah und bodenständig: Dank Galileo sollen Autofahrer leichter ihren Weg finden, verletzte Bergwanderer geortet oder Bauern bei der Aussaat geholfen werden.

Teuer und verspätet

Doch das Projekt ist umstritten: Galileo ist Europas Pendant zum US-System GPS (Global Positioning System), dessen erster Satellit bereits 1978 in den Weltraum startete. Eigentlich sollte es mit Galileo schon 2008 losgehen, doch mittlerweile ist der Betriebsbeginn auf 2014 verschoben. Statt der geplanten 3,4 Milliarden Euro sind mittlerweile laut EU-Kommission nahezu fünf Milliarden Euro in die Infrastruktur von Galileo geflossen.

Und wozu das alles, wo doch GPS schon seit Jahren im Einsatz ist? Galileo, so das hehre Ziel der Europäischen Kommission, solle die Unabhängigkeit Europas in einem Sektor sichern, der für die Wirtschaft wie auch die Bürger "kritisch" geworden sei. Zudem sei es fortschrittlicher, effizienter und verlässlicher als das US-System.

Fünf verschiedene Dienste sind vorgesehen, die ab 2014 stufenweise den Betrieb aufnehmen. Der wichtigste für den Normalbürger ist der sogenannte offene Dienst, der von jedem gratis empfangen werden kann, etwa im Auto oder vom Landwirt auf dem Trecker. Das hilft beim richtigen Abbiegen oder beim Säen oder Düngen, wenn die Ackerfurche genau zu treffen ist, und nicht zuletzt auch Piloten beim Landeanflug. Noch genauere Daten sollen Unternehmen oder Vermesser bekommen - wenn sie dafür zahlen.

Hochtechnologie aus Deutschland

Denn Galileo soll zum einen präziser als GPS sein, aber auch mit ihm kombiniert werden können, wodurch die geballte Kraft beider Systeme genutzt wird. Die Branche werde sich darauf einstellen und die Navigationsgeräte der Zukunft so konstruieren, dass sie beide Signale auffangen, sind die Kommissionsexperten überzeugt.

Ein Großteil der Hochtechnologie stammt aus Deutschland. Die Satelliten und zwei weitere wurden von EADS Astrium gebaut, Tochter des europäischen Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsriesen EADS. Die Verantwortung lag beim deutschen Astrium-Zweig. Die nächsten vierzehn Stück werden unter Federführung des Bremer Unternehmens OHB gefertigt. Am Ende sollen 30 Satelliten in über 23.000 Kilometern Höhe um die Erde kreisen. All das kostet. Der Plan, private Investoren ins Boot zu holen, ist gescheitert. Auch der kostenpflichtige Dienst gilt nicht als Goldesel. Stattdessen verweisen die Planer auf den mutmaßlichen volkswirtschaftlichen Nutzen: Wie das Internet bilde das Navigationssystem quasi einen Katalysator für viele Aktivitäten in der Wirtschaft.

Eine politische Entscheidung

"Ob man mit einem Tanker anlegen will, oder ein Zug auf Gleis A oder Gleis B steht - da machen ein paar Meter schon etwas aus", bestätigt Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Der Raumfahrt-Forscher Ulrich Walter von der Technischen Universität München macht dagegen geltend, dass für gewöhnliche Anwender wie Autofahrer Galileo keine Verbesserung bringe. "Da reichen ein paar Meter." Und bei Präzisionsanwendungen wie dem Ausbringen von Saatgut seien ohnehin andere technische Lösungen in Gebrauch. Als nützlich verbucht Walter aber unter anderem, dass das Satellitensystem einen Rückkanal vorsieht. Damit könnten etwa verunglückte Bergsteiger weltweit ihre Position angeben.

Letztlich sei die Rieseninvestition eine "politische Entscheidung", die vor allem mit dem Wunsch der Unabhängigkeit von den USA zu tun habe, glaubt SWP-Experte Dickow. Dabei spielt für einige EU-Staaten eine wichtige Rolle, dass Galileo auch vom Militär genutzt werden könnte. Total europäisch ist das System allerdings nicht einmal beim Start: Natalia und Thijs fliegen mit einer russischen Sojus-Rakete ins All.

Phillipp Saure, AFP AFP

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