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Solidaritäts-Armbänder: Besser mit Gummi?

Am Anfang stand der Wille zur guten Tat, jetzt werden mit Silikon-armbändern vor allem Geschäfte gemacht. Dabei ist es schwierig, Original und Kopie auseinander zu halten.

Es ist schwierig zu sagen, womit der Hype begann. Vielleicht mit Lukas Podolski, dem jungen deutschen Fußballstürmer, der beim Länderspiel gegen Nordirland ein weißes Band um das Handgelenk trug. Oder schon mit Bill Clinton, Nelson Mandela, Nicole Kidman und Kylie Minogue, an deren Unterarmen Bänder in Weiß, Gelb und Pink baumeln. Fest steht jedenfalls, dass ein einfaches Accessoire binnen kurzer Zeit den Aufschwung in höchste Modeweihen geschafft hat: das Silikon-Armband. Es hängt in Sportläden, Tankstellen, Boutiquen, wird in Internetshops angeboten und von gemeinnützigen Organisationen. Alle wollen haben, was Fußballprofis, Popstars und Politiker tragen.

Die Idee ist gerade mal

ein Jahr alt: Im vergangenen Juli zeigte sich Lance Armstrong bei der Tour de France mit einem gelben Bändchen, in das das Wort "Livestrong" graviert war. Damit wollte der Radrennprofi auf seine Stiftung aufmerksam machen, die er nach seiner Krebserkrankung ins Leben gerufen hatte. Zusammen mit dem Sportartikelkonzern Nike bringt er seitdem in großem Stil gelbe Bänder unters Volk, vor allem über die Website www.wear yellow.com. Vom Kaufpreis (ein Dollar) gehen 75 Cent an die Stiftung, bis heute wurden mehr als 40 Millionen Bändchen verkauft. Mittlerweile sind sie so begehrt, dass man auf die Lieferung mehrere Wochen warten muss.

Die zweite Stufe

der Bändchen-Begeisterung wurde von dem französischen Fußballer Thierry Henry gezündet. Der Sohn karibischer Einwanderer, der bei Arsenal London spielt, kreierte ein schwarz-weißes Doppelband, auf dem "Stand Up Speak Up" zu lesen ist. Es soll ein Zeichen gegen Rassismus in Fußballstadien setzen, auch hier ist Nike verantwortlich für Produktion und Vertrieb. Das Bändchen wurde fünf Millionen Mal gefertigt und an ausgewählte Sportläden in ganz Europa geliefert, wo es zum Preis von 2,50 Euro verkauft wird. Zwei Euro fließen in die König Baudouin Stiftung in Brüssel, die mit dem Geld Projekte gegen Rassismus unterstützt. Inzwischen ist das Doppelband nahezu ausverkauft.

Das führt zu Begehrlichkeiten, die überwiegend von kleineren Händlern bedient werden, etwa über die Einkaufsplattform von Ebay. Dort bieten viele Verkäufer, unter ihnen Vitrine24, Allround-Trend und Zim-Di-Com, Bänder an, die den Originalen sehr ähnlich sehen: eine Vielzahl von "Stand Up Speak Up"- sowie "Livestrong"-Modellen. Oft stammen sie aus Lieferungen von Helmut Glöditzsch, dem Inhaber des Großhandels "Durchgeknallt - Top-Media" in Ludwigsburg. Glöditzsch bezieht seine Ware aus Fabriken in China und gesteht ein: "Die Gefahr könnte bestehen, dass wir Kopien verkaufen. Aber so genau interessiert mich deren Herkunft auch gar nicht."

Noch lassen sich Geschäfte mit dem guten Gewissen machen, denn Ebay will erst gegen die Nachmacher vorgehen, "wenn ein Unternehmen meldet, dass Fälschungen bei uns im Umlauf sind. Dann sperren wir das Angebot", so eine Sprecherin. Um dies zu erreichen, macht Nike derzeit Testkäufe und erwägt, die Anbieter wegen Zweckentfremdung zu belangen. Solange jedoch Nike nichts unternimmt, fällt Fälschen leicht: Unter www.alibaba.com sind zahlreiche Fabriken in Asien verzeichnet. Die chinesische Firma Keren Toy Crafts etwa bietet an, "Livestrong"-Bänder ab einer Auflage von 5000 Stück herzustellen. Lieferzeit: 25 Tage. Vom Original sind diese schwer zu unterscheiden.

Trotzdem gibt es klare Merkmale, an denen sich eine Fälschung erkennen lässt. "Unsere Bänder tragen auf der Innenseite eine Nike-Prägung", sagt Charlie Brooks, ein Sprecher von Nike Europa. Grobe Regel: In Internetshops ist das Risiko hoch, ein Plagiat zu erwerben.

Wenn in Deutschland Ähnliches passiert wie in Amerika und England, steht uns ein bunter Sommer bevor: Mittlerweile findet sich im Ausland zu fast jeder Krankheit das passende Solidaritäts-bändchen - Pink steht für Brustkrebs, Orange für Multiple Sklerose, Magenta, das grelle Telekom-Rot, für Diabetes. Außerdem zu finden: Modelle gegen Mobbing (blau) und für Tierschutz (lila). In den USA kann man seine Unterstützung der Irak-Truppen bekunden (olivgrün) - oder aber signalisieren, dass man die Bändchen-Bekenntnisse allesamt für groben Unfug hält (schwarz). In Deutschland hingegen scheinen jegliche Farbregeln aufgehoben: Bei den an Tankstellen erhältlichen "Band of Belief"-Gummibändern ist beispielsweise Tierliebe gelb und Anti-Rassismus schwarz kodiert, wobei weder die eine noch die andere Variante auch nur einen gemeinnützigen Cent abwirft.

Wer also sichergehen

und modisch dennoch ganz weit vorn sein will, hält es am besten wie Podolski und viele andere Prominente, die das Symbol der Organisation Oxfam tragen: ein weißes Band, wahlweise aus Stoff oder Gummi. Das Zeichen der weltweiten Solidaritätsaktion gegen Armut in Afrika (siehe Interview mit Bono und Herbert Grönemeyer) trägt in Amerika die Prägung "One", in England "Make Poverty History", in Deutschland "Deine Stimme gegen Armut". In Deutschland erhält man es zum Stückpreis von zwei Euro unter www.deine-stimme-gegen-armut.de. Sollte es auch hier zu Lieferengpässen kommen, rät Christina Umani, Sprecherin der deutschen Aktion: "Basteln Sie sich selbst eines! Zum Beispiel aus Papier oder einem Stoffstreifen." Wo ein Wille ist, ist schließlich auch ein Band.

Oliver Creutz, Mitarbeit Gesa Schulte / print