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Sophia Loren wird 80: Als die Diva Mortadella schmuggelte

Sophia Loren ist die große Diva des europäischen Kinos und ein Weltstar. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag traf der stern auf eine erstaunlich fidele Italienerin.

Von Jochen Siemens und Christine Zerwes

Warten auf Sophia Loren. Ein sonniger Tag in Genf, ein Hotel direkt am See, sie wohne hier in der Nähe sagt jemand. Nein, sie wohne ein wenig weiter weg, da oben in den Hügeln, sagt jemand anders. Es sind ihre Sekretäre, Agenten und Betreuer und man fragt sich, wozu sie die alle braucht. Man schaut zur Tür und auf das monströse gebogene Sofa und die Sessel mit beige-braunen Brokatpolstern, die so aussehen, als könnten sie auch im Kreml stehen. Die Polster sind hoch wie Ballons, und irgendwie wünscht man sich, dass gleich eine Loren hereinkommt, die man aus all den Filmen kennt. Schnell, mit flammenden Blick, und mit Händen, die sie sich in der Schürze abtrocknet, und immer etwas empörter Stimme, so als seien das hier die Straßen von Neapel, in denen sie ihren Mann sucht, der wieder nicht Hause gekommen ist - oder so ähnlich. In ihren alten Filmen schimpft sie in einem wunderbaren gossigen Neapel-Dialekt, lange her.

Und nun merkt man kaum, dass sie da ist. Ein Auftritt ja, aber ein leiser, sie spaziert in die Szene und man ist erstaunt, dass 104 Frauenrollen, die sie gepielt hat, zwei Oscars und sowieso der Herzschlag des Leinwandzaubers, als das Kino noch "Breitwand" und nicht "Multiplex" war; dass also soviel Monumentales sich in einer solch schmalen Person versammelt hat. Ihr Händedruck ist, als ob eine Katze die sanfte Pfote reicht, und wenn sie in die Polster sinkt, sinkt sie eben nicht, sondern bleibt fast oben wie auf einem Ballon. Zwei Bücher werden bald erscheinen, eines über ihr jetzt 80-jähriges Leben und eines, nun ja, über die Rezepte der italienischen Küche, die sie einmal vor über 45 Jahren zusammengestellt hat und die jetzt noch einmal als Wiederauflage erscheinen. Ein Sophia-Loren-Kochbuch aus der Zeit, als es selbstverständlich war, mit viel Butter, Olivenöl und Mehl zu kochen und zwischen den Gängen bei Tisch zu rauchen, wie sie es damals beschrieb und auch schon beklagte.

Frau Loren, sprechen wir heute mal über das Kochen.
Warum?

Weil Sie ein Kochbuch gemacht haben, das "In cucina con amore" heißt und das jetzt wieder erscheint. Das Buch haben Sie 1968 hier in Genf gemacht.


Das weiß ich nicht mehr.

Sie waren damals schwanger und sollten sich auf Anraten der Ärzte möglichst wenig bewegen. Und da haben Sie angefangen, Rezepte aufzuschreiben. So steht es jedenfalls im Vorwort.


Ja, stimmt, ich erinnere mich. Ich war schwanger mit... , warten Sie, 1968... das muss Carlo, mein erster Sohn gewesen sein. Ja, Carlo.

Es ist ein fast historisches Kochbuch, weil sie die alten Rezepte der italienischen Küche noch einmal aufschreiben...


Hören Sie, Rezepte zum Kochen sind nie alt. Sie überliefern sich, bleiben aber immer aktuell, wenn die Menschen mögen, was gekocht wird. Besonders auf dem Land. Das Ragu, Melanzane Parmigiana, das wird es ewig geben, weil es so gut ist.

Sie waren ein sehr mageres Kind, man nannte Sie "den Zahnstocher".


Es war ja Krieg und es gab wenig zu essen. Und man muss ja essen, sonst wächst man nicht.

Sie ist in Rom geboren und in der Kleinstadt Pozzioli bei Neapel aufgewachsen - ohne Vater, der die Familie früh verließ. In Pozzuoli erlebte sie das Bombardement der Alliierten und der Nazis 1943. Ihre Mutter schickte sie früh zu Misswahlen und in die Filmstudios, damit Sophia Geld verdiente. 1950 wurde sie bei den Wahlen zur Miss Rom zweite und lernte einen Mann kennen, der 20 Jahre älter war als sie: Carlo Ponti, Filmproduzent, ihr Entdecker und seit 1957 bis zu Pontis Tod 2007 ihr Ehemann. Er sei, schreibt sie in ihrer Biografie, auch ein Vaterersatz gewesen.

Sie sind in der Nähe von Neapel aufgewachsen, für die ganze Welt sind Sie ein italienisches Symbol. Aber Sie leben hier in der Schweiz und sind nie nach Italien zurückgekehrt.


Ich bin schon oft in Italien. Aber hier in Genf sind meine Söhne geboren und ich war immer glücklich hier. Warum sollte ich umziehen? Auch wenn ich finde, dass Italien das schönste Land der Welt ist.

Aber verliert ein Land in der Krise wie Italien nicht die Identität, wenn zum Beispiel die Italiener nicht mehr den von ihnen erfundenen Espresso sondern den Schweizer "Nespresso" aus Blechkapseln trinken?


Den rühre ich nicht an. Ich habe immer noch die gute alte Macchinetta di Cafe, wissen Sie, diese Kanne, die man aufschraubt und auf den Herd stellt. So macht man den Café. Und man muss den Deckel geschlossen halten, sonst weht das Aroma davon. Aber wissen Sie, die Zeiten ändern sich, das muss man akzeptieren. Die Zeiten sind schneller geworden und die Menschen mehr in Eile. Vielleicht haben sie morgens keine Zeit mehr, die Macchinetta aufzuschrauben, den Café einzufüllen und am Herd zu warten. So ist es eben. Und ob jemand nun Espresso in einer Bar oder diesen Nespresso trinkt, das erklärt die Krise nicht.

Jetzt wird sie mehr die Loren, die man sich wünscht. Sitzt da und kann auf Augenhöhe sehr charmant herabblicken, fast coole Diva. Wenn da nicht diese eigenartig große 70er Jahre Brille wäre, die sie sich vor das Gesicht gesetzt hat, und hinter der wirklich spinnenbeinlange Wimpern im rechten Winkel nach oben gebogen sind, damit sie beim Lidschlag nicht die Brille touchieren.

Wir stellen uns Signora Loren in der Küche vor. Immer noch Pizza aus der Pfanne, Spaghetti ragu, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben?


Nein, wenn man das alles isst, kann man ziemlich schnell dick werden.

Aber Sie essen wie jeder Italiener dreimal am Tag?


Nein, nein, meistens lasse ich den Abend aus, wenn es am Mittag genug war.

Wenn es also drei Gänge waren, primo, secondo und dolce?


Wenn man nicht zunehmen will, muss man da aufpassen. Ich esse gegrilltes Huhn und sehr wenig Mehlspeisen.

Das Kochbuch erschien dann 1971, im selben Jahr machten Sie einen Film der "Mortadella" hieß, und in dem Sie eine Arbeiterin spielten, die mit einer großen Mortadella-Wurst in die USA einreisen will und am US-Zoll scheitert. Die Wurst durfte nicht rein.


Ja, aber das war kein sehr guter Film, ein wenig unter Niveau würde ich sagen. Aber die Geschichte kannte ich. Als ich in den 60er Jahren zum ersten Mal in die USA reiste, hatte meine Mutter zuvor drei Tage für mich gekocht. Kaninchen auf Jägerart, Melanzane, Sugo, mein Koffer war voll mit Dosen und Töpfen. Am Zoll in den USA haben die Zöllner dann irgendetwas gerochen und ich musste die Koffer öffnen. Sie haben alles beschlagnahmt und ich bin sicher, sie haben es auch gegessen, ich habe nur gesagt: "buon appetito!" Meine arme Mama, sie hatte so viel gekocht.

Wenn man Sie in Ihren Filmen von damals sieht, kann man sich gut vorstellen, dass Sie in den Drehpausen in der Küche standen.


Das habe ich auch manchmal gemacht und Pasta für alle gekocht und auch in Europa, wenn ich mit Marcello Mastroianni drehte, war ich oft in der Küche. Marcello liebte Pasta Fagioli, Nudeln mit Bohnen. Er selbst konnte nicht kochen, er hatte nicht einmal die Geduld zu warten, bis ein Topf Wasser kochte. Marcello liebte Restaurants, weil dort das Essen immer schon fertig war.

Und Ihre anderen Kollegen? Gary Grant, Gregory Peck, John Wayne?


Die waren Amerikaner, die hat italienisches Essen nicht so interessiert. Sinatra schon, der hatte ja italienische Wurzeln. Als ich einmal in Rom drehte und im Studio auf einer Herdplatte Ragu kochte, kam Al Pacino vorbei, der einen anderen Film drehte, und aß mit. Er hatte das Ragu gerochen.

Die Liste der Leinwand-Helden, mit denen Loren spielte, ist einzigartig. Und die Liste der Gerüchte darum herum auch. Gary Grant, mit dem sie Filme wie "Stolz und Leidenschaft" und "Das Hausboot" drehte, machte ihr einst einen Heiratsantrag, der sie sehr ins Zweifeln brachte, bevor sie "nein" sagte. "Ich hatte Angst, mein ganzes Leben zu verändern, mich von meiner Mutter zu entfernen. Aber vor allem war Carlo das Problem", erinnert sich Loren.

Sie haben sicher den Briefkasten voll mit Drehbüchern und Rollenangeboten.


Da sind schon einige, aber es ist kaum etwas dabei, was zu mir passt. Und so habe ich auch nie gearbeitet. Die Rollen, die ich spielte, waren für mich geschrieben, und dann suchte man alles andere zusammen. Zur Zeit gibt es ein Projekt, das mich interessiert, es ist ein russisches Buch. Aber das wird noch dauern.

Das heißt, Sophia Loren wird auf die Leinwand zurückkehren?


Wieso? Ich war doch nie weg.

Von:

und Christine Zerwes