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Unsichere Kommunikation: Ruf mich nicht an! Warum ich Telefonieren so hasse

Telefonieren gehört für unseren Autor zu den unangenehmsten Dingen überhaupt. Vor allem in der Öffentlichkeit. Können wir das nicht einfach sein lassen?

Mann schaut auf Telefon

Telefonieren bedeutet eine extrem unsichere Kommunikationssituation

"Mir vergeht das Lachen schon, wenn ich ans Telephon nur denke." Niemals würde ich es wagen, mich mit zu vergleichen, aber eines habe ich doch mit dem vielleicht wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gemeinsam: Dieser Satz, den Kafka am 14. November 1912 an seine Verlobte Felice schrieb, hätte auch von mir sein können.

Telefonieren gehört für mich nämlich zu den so ziemlich unangenehmsten , die passieren können. Deshalb versuche ich meistens, um jeden Preis Gespräche am Telefon zu vermeiden. Weil sie nervig, peinlich, unsicher und unnötig sind. 

Natürlich trage ich wie fast jeder andere auch den ganzen Tag lang ein Telefon mit mir herum. Das Smartphone ist aber eher ein , mit dem man zufällig auch telefonieren könnte, denn eigentlich nutze ich es nur zur schriftlichen Kommunikation. Wer versucht, mich anzurufen, muss schon ganz großes Glück haben, um mich auch wirklich zu sprechen. Einerseits weil ich Telefonieren nicht abkann, andererseits weil ich das Handy immer stumm geschaltet habe. Das Piepen oder Vibrieren bei jeder Nachricht würde mich kaputtnerven.

Telefonieren ist eine unsichere Kommunikationssituation

Meine Abneigung kommt wohl daher, dass das Telefonieren eine sozial sehr unsichere Veranstaltung ist. Voll von Ungewissheiten, Fettnäpfchen und seltsamen Situationen. Das geht schon ganz am Anfang los: "Hallo?" – "Hallo?" – "Hörst du mich?" Im schlimmsten Fall weiß man nicht, wer dran ist, hat den Namen nicht verstanden oder erkennt eine Stimme nicht, die man offenbar kennen sollte. Man hat keine Ahnung, in welcher Lage man den Gegenüber gerade erwischt, ob er Zeit hat, ob man stört. Andersrum natürlich genauso.

Immerhin hat unsere Generation von Telefonierern den Vorteil, sich nicht ständig von unbekannten Anrufern überrumpeln lassen zu müssen. Keine Ahnung, wie die Menschen es jahrzehntelang ertragen haben, einen Telefonhörer abzunehmen und nicht zu wissen, wessen Stimme sie gleich hören werden. Sich nicht auf diese Person einstellen und sich keine Sätze zurechtlegen zu können. Früher war Telefonieren also noch schwieriger.

Heute sorgen Anrufe mit unbekannter Nummer bei mir für kleine Panikattacken. Man findet seine Problemlösungen: die Nummer googeln, während es klingelt. Wenn man sie nicht findet, nicht abnehmen. Schon gar nicht zurückrufen. Wer etwas Wichtiges will, ruft wieder an. Vielleicht kann man ihn auch solange hinhalten, bis er eine E-Mail schreibt.

Könnt ihr mir bitte schreiben?

Dann nämlich kann man das Geschriebene immer wieder lesen, man muss nicht zuhören und sich gleichzeitig eine schlaue Antwort überlegen. Für die Reaktion bleibt Zeit, niemand macht Druck, und man darf seine Antwort in aller Ruhe überlegen, formulieren und wieder ändern. Am Telefon stammele ich meist nur vor mich hin, unterbreche andere und werde unterbrochen, verstehe unter Umständen nicht alles und vor allem fallen mir die guten und passenden Sätze immer erst später ein. Das wäre beim Schreiben nicht passiert.

Andere schätzen gerade diese Unmittelbarkeit, das Authentische und Direkte. "Ich rufe mal lieber schnell an, bevor wir hin- und herschreiben", sagen sie dann. Es gibt durchaus ein bis zwei gute Gründe fürs Telefonieren. Deshalb verabrede ich mich ab und zu tatsächlich auch mit Menschen zum Gespräch, solche Telefondates haben fast etwas von einem wirklichen Treffen. Das kann auch ganz schön sein, zumindest bis zu dem Punkt, an dem dann irgendwann keiner mehr weiß, was er sagen soll und man das Telefonat irgendwie elegant auflösen muss.

Natürlich muss ich manchmal auch Leute anrufen. Das schiebe ich oft stundenlang vor mir her – so lange, bis es nicht mehr sozial akzeptiert ist, zu einer solchen Uhrzeit jemanden noch zu stören, oder das betreffende Telefon nicht mehr besetzt ist. Das kann sich auch gern mal tage- oder wochenlang hinziehen, bis sich die Sache eh erledigt hat. Wenn ich mich aber doch durchringe, so schreibe ich mir vorher genau auf, was ich sagen will – zumindest die ersten Sätze. Der Rest: Unsicherheit, wie gesagt. Mittlerweile geht es sogar schon besser. Früher legte ich manchmal auf, nachdem ich die Nummer schon gewählt hatte.

Öffentlich telefonieren – auf keinen Fall!

Was aber trotzdem gar nicht geht, sind Anrufe, die mich unvorbereitet mitten im Leben erwischen. Am schlimmsten ist es, in der Öffentlichkeit zu telefonieren – eine reine Horrorstellung: Menschen, die zuhören, die jeden Satz bewerten können. Das ist im Büro genauso schlimm wie in der S-Bahn. 

Bei anderen stört mich das hingegen gar nicht. Ich höre gern Fremden beim Telefonieren zu. Dann staune ich, wie leicht und locker sie mit irgendjemandem am anderen Ende der Leitung sprechen – auch hier so wie Kafka, der seine Freundin für ihren unbeschwerten Umgang mit dem Telefon bewunderte. Vielleicht kann ich ja noch was lernen. Vielleicht werde ich ja eines Tages auch mal zum Telefonprofi. Bis dahin: Schreibt mir SMS, Mails, Whatsapps, Facebook-Nachrichten, schickt mir Brieftauben. Wenn es wirklich nicht anders geht auch eine Sprachnachricht. Aber ruft mich nicht an!


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