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Meinung

Absturz von Jan Ullrich: Ulle, es tut verdammt weh, dich so zu sehen!

Für unseren Autor war Jan Ullrich das einzige Sportidol, das er in der Jugend hatte. Umso mehr schmerzt es ihn jetzt, dass der als Jahrhunderttalent gefeierte Tour-Sieger ganz unten angekommen zu sein scheint.

Ich bin in einer sportbegeisterten Familie groß geworden. Wann immer irgendein Event in der Nähe stattfand, wir waren da. Kam Sport im Fernsehen, dann lief die Flimmerkiste auch. Das erste bedeutende Sportereignis, an das ich mich erinnern kann, ist die Fußball-WM 1990 in Italien. Ich war damals sieben Jahre alt und verstand nicht wirklich, was da gerade passierte, als Andreas Brehme den Elfmeter zum 1:0 gegen Argentinien versenkte und die Mannschaft wenig später jubelnd über den Platz lief. Nur die Reaktion meiner Eltern und Großeltern verriet mir, dass da gerade etwas Großes geschehen sein musste. Auch Dieter Baumanns 5000-Meter-Sieg bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona verfolgte ich live am Bildschirm. Wie er damals - eigentlich in aussichtsloser Position liegend - plötzlich noch an allen vorbei sprintete, werde ich niemals vergessen. Und doch: Weder Matthäus und Co. noch Baumann schafften es für mich zum Idol. Dafür musste erst ein junger Mann aus Rostock kommen: Jan Ullrich.

Ich hatte die Tour de France auch schon vorher gern verfolgt, 1996 aber, als Ullrich, damals 22 Jahre alt, erstmals die Große Schleife fuhr, wurde aus Interesse Begeisterung für den Radsport. Mich faszinierte, wie kraftvoll und dabei doch so ruhig im Sattel sitzend er die tagtäglichen Strapazen bewältigte, wie er sich für seinen damaligen Kapitän Bjarne Riis den sprichwörtlichen Arsch aufriss. Noch heute kenne ich kaum einen anderen Profi, der so schön Rad fahren kann, wie Ullrich es konnte. Dass er 1996 eigentlich schon der Beste im Feld war, seine Edelhelfer-Rolle aber den möglichen Sieg verhinderte, wurde mir erst später klar. Mir reichte es, einfach nur mitzufiebern. Stundenlang.

"Ulle" gewinnt die Tour - und ich hab einen Helden

Man kann sich vorstellen, wie es sich anfühlte, als er ein Jahr später die Tour tatsächlich als erster und bisher einziger Deutscher gewann. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mir die verpixelten Aufnahmen seines Antritts im Anstieg nach Andorra-Arcalis ansehe (hier gibt es ein Video). Ullrich drückte damals mächtige aufs Tempo und alle Topfahrer so heftig unter Druck. Immer wieder blickte er sich nach Kapitän Riis um, der da schon sichtlich litt, um seinem Helfer irgendwann mit einem Nicken zu signalisieren: Fahr, Junge! 

Das tat Ullrich dann auch. Ein Konkurrent nach dem anderen flog aus seinem Windschatten und "Ulle" selbst quälte sich ins Gelbe Trikot, das er bis Paris nicht mehr abgab. Nicht nur für mich war ein Held geboren, gefühlt ganz Deutschland lag dem als Jahrhunderttalent gefeierten Profi zu Füßen. Dass damals wohl nahezu jeder Fahrer gedopt war und auch Ullrichs Triumph nicht allein durch Trainingsfleiß und Talent zu Stande kam, wusste man da noch nicht. Stattdessen sagte man Ullrich eine glänzende Zukunft samt weiterer Tour-Siege voraus.

Dann halt nächstes Jahr wieder!

Nur ein Jahr später erhielten die Erwartungen der Öffentlichkeit - und auch meine - einen ersten Dämpfer. In einer von Kälte geprägten Etappe musste Ullrich den Italiener Marco Pantani (später ebenfalls des Dopings überführt) am Galibier machtlos ziehen lassen. Mit vom Regen stark angeschwollen Augen kam er am Ende weit abgeschlagen ins Ziel. Ich litt mit ihm mit. Trotzdem hoffte ich bis zum Schluss, er könne Pantani doch noch vor Paris wieder abfangen. Es klappte nicht, Ullrich wurde Zweiter. Dann halt nächstes Jahr, war ich mir sicher!

Dass es nie wieder für ganz oben reichen sollte, hätte ich damals nicht geglaubt. Klar, es ärgerte mich, dass der Ausnahmekönner das Wintertraining in den Folgejahren offensichtlich regelmäßig schleifen ließ und stattdessen wegen seines Übergewichts für Schlagzeilen sorgte. Und doch war für mich klar: Er wird das Ding noch mal holen. Und so saß ich Jahr für Jahr direkt nach der Schule, später dann auch im Studium, wieder Stunde um Stunde vor dem Fernseher. 

Auch, als Lance Armstrong ab 2000 das Geschehen dominierte (inzwischen sind dem geständigen Texaner alle sieben Tour-Siege wegen Dopings aberkannt). Die Hoffnung auf einen weiteren Ullrich-Sieg war ja auch nicht unberechtigt: Sowohl 2000 als auch 2001 kam "Ulle" jeweils auf Rang zwei. Dann halt nächstes Mal!

Der erste Kratzer

2002 bekam mein Ullrich-Bild einen ersten Kratzer. Er war - nur wenige Wochen nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss - positiv auf Amphetamine getestet worden. Ullrich erklärte den Befund mit "Pillen", die ihm ein Unbekannter in einer Diskothek gegeben habe. Wie dumm kann man sein, waren meine Gedanken. Und doch sagte ich mir auch: "Ist halt auch nur ein Mensch, zum Glück war er nicht im Rennen gedopt - sollte nicht passieren, ist es aber." Ziemlich naiv im Rückblick. Ullrich wurde damals für ein halbes Jahr gesperrt, die Sache war für mich damit aber gegessen. 

2003 kam Ullrich einem Tour-Sieg so nah wie nie wieder - und ich war voller Euphorie, dass es jetzt doch endlich noch mal klappt. Zu Beginn der Rundfahrt plagten "Ulle" Magenprobleme, er biss sich trotzdem durch und legte auf der zwölften Etappe ein famoses Zeitfahren hin. Die Hoffnung lebte. Am Ende fehlten ihm in Paris 61 Sekunden auf seinen zweiten Erfolg. Schade, dann halt nächstes Jahr!

Doch auch 2004 (4. Platz) und 2005 (3. Platz) wurde es nichts. Der sportliche K.o.-Schlag erfolgte im Jahr darauf. Im Vorfeld der Tour waren Verstrickungen Ullrichs zum spanischen Dopingarzt Fuentes bekannt geworden. Nach einigem Hin und Her durfte der Rostocker nicht teilnehmen - ein Schock für mich!

Ein Tiefpunkt, der traurig macht

Es war der Moment, von dem an ich Ullrich nicht mehr bewundern konnte, zu viel drang an die Öffentlichkeit. Dass Ullrich ein Doper wie viele andere war, enttäuschte mich maßlos. Zumal er es in der Folge - anders als andere Fahrer - versäumte, reinen Tisch zu machen. Das hätte die Sache zwar nicht besser gemacht, trotzdem hätte ich mir eine Erklärung gewünscht. Vom einstigen Idol zum Fan, ganz einfach. Enttäuschte Liebe, würde man anderer Stelle vielleicht sagen.

Nichtsdestotrotz, und auch wenn von meiner Bewunderung nicht viel übrig geblieben ist, so macht es mich nun extrem traurig, dass er nach seiner erneuten Trunkenheitsfahrt mit Unfall 2014 und der Alkoholbeichte im Juni nun durch den Eklat auf dem Villengelände von Til Schweiger auf Mallorca am bisherigen Tiefpunkt angekommen zu sein scheint. 

Daher: Auch wenn du, Jan, (Sportler duzen sich nun mal) diesen Text vermutlich nie lesen wirst, so möchte ich dir doch an dieser Stelle sagen:

Ulle, es tut verdammt weh, dich so zu sehen!