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Griechenland: Ich habe in einem Flüchtlings-Camp auf Lesbos geholfen – und bin schockiert

Auf der griechischen Insel Lesbos stranden jeden Tag hunderte Flüchtlinge. In einem Camp half unsere Community-Autorin aus und musste feststellen, wie schlimm die Zustände in dem berüchtigten Lager Moria sind. 

Von NEON-Community-Mitglied Grit

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

Ein Kind schaut durch einen Zaun im Flüchtlingslager Moria in Mytilini, Griechenland

Getty Images

Ich war eine Woche in Griechenland, genauer auf der wunderschönen Insel Lesbos, und habe dort mit einigen Freunden ein Workcamp zur Situation der Geflüchteten auf Lesbos besucht. Wir haben in einem Community-Center auf der Insel ausgeholfen, in dem geflüchtete Menschen für einige Stunden ihre Sorgen vergessen können. Das Center wird von Freiwilligen geführt und es gibt verschiedene Angebote für Klein und Groß: einen Kindergarten und eine Schule für Kinder und Jugendliche, Unterricht in Arabisch, Farsi und Französisch, Sprachkurse für Englisch und Griechisch, einen Safe-Space für Frauen, eine Küche, eine Bibliothek und vieles mehr. Einige Angebote werden von geflüchteten Menschen betreut, einige von Freiwilligen.

Täglich bis zu 600 neue Flüchtlinge

Täglich kommen circa 400 bis 600 Leute ins Camp. In der Nähe dieses Centers liegt eines der berüchtigtsten Flüchtlingslager der Insel: Moria. Oftmals habe ich Menschen im Camp nach Moria befragt und sie meinten alle, dass dies kein guter Ort sei. Ich beschloss, mir dieses Camp einmal von außen anzusehen, außerdem interessierte mich die Meinung zu diesem Lager bei den Bewohnern der Ortschaft. 

Ich fuhr also mit dem Bus nach Moria und schaute mir erstmal den Ort an. Im Zentrum steht eine hübsche Kirche, einige Gaststätten stehen herum, davor sitzen alte Männer und spielen Dame. Es wirkt idyllisch und ruhig. Der Eingang zum Kirchhof ist auf dieser Seite verschlossen, also gehe ich einmal um den Hof herum und finde eine offene Tür an der anderen Seite. Ich gehe hinein und bin nun auf dem Kirchhof. Ein Bauarbeiter spricht mich an. Ich sage auf Englisch, dass ich kein Griechisch verstehe. Er lächelt, nickt mit dem Kopf und deutet mir an, ihm zu folgen. Er führt mich zu einer kleinen, abgeschlossenen Kapelle und pfeift zweimal laut durch die Zähne. Ein verschlafener Priester taucht auf und schließt die Kapelle auf, bekreuzigt mich und macht sich auf den Weg, das Haupttor aufzuschließen. Ich setze mich in die Kapelle und warte.

Nach einiger Zeit taucht der Priester wieder auf. Er kommt in die Kapelle und bietet mir Tee an. Gemeinsam trinken wir, dann deutet er mir an, ihm zu folgen. Wir gehen in die Kirche, wo ich mich hinknien soll. Er segnet mich. Ich schaue mir die Kirche an. Leider spricht der Priester kein Englisch, aber über den Google-Übersetzer erfahre ich, dass er meint, dass es eine christliche Pflicht sei, Menschen in Not zu helfen, aber leider zu viele Menschen in Not in Moria seien.

Später frage ich in einem Cafe eine Verkäuferin und zwei alte Männer. Die Verkäuferin spricht gut Englisch, sie sagt, ihr tun die Kinder leid, sie könnten ja nichts dafür. Die Männer wollen nicht mit mir sprechen.

Überall sind Menschen

Ich schlendere durch den Ort und treffe zwei Väter mit ihren Töchtern. Sie sehen arabisch aus und ich frage sie, ob sie im Camp wohnen. Sie bejahen es und berichten mir davon. Im Sommer sei es okay, aber im Winter würden Menschen erfrieren. Einer der beiden deutet auf seine Tochter und meint, sie könne nicht zur Schule gehen, da die Schule im Camp überfüllt sei. Sie laden mich ein, ihre Unterkunft zu besuchen und ich frage sie, ob da nicht gefährlich sei. Sie verneinen, tagsüber sei es sicher, außerdem würden sie mich ja beschützen. Ich gehe mit.

Die beiden entpuppen sich als Kuwaitis aus dem Irak, die 2017 nach Griechenland gekommen sind und seitdem auf dieser Insel leben. Ich erzähle ihnen vom Community-Center und dass es dort kostenlosen Unterricht für die Kinder gäbe. Sie bedanken sich. Sie hätten noch nie von diesem Center gehört.

Der Weg zum Camp führt über ein Feld, es ist matschig und ich frage mich, wie es ist, hier im Dunkeln entlanglaufen zu müssen. Die Männer beruhigen mich; im Dunkeln würde hier niemand laufen, da abends das Camp geschlossen werde. Wie beruhigend. Das Camp selbst besteht größtenteils aus Zelten und Wohncontainern. Überall sind Menschen. Pro Familie gebe es Platz in einem Zelt, in den größeren Zelten würden auch zwei oder drei Familien wohnen, erzählen sie mir. Es ist staubig und es riecht nicht angenehm. 

Ein Container als "Vier-Sterne-Hotel"

Das Camp wurde für ungefähr 2000 Menschen errichtet, mittlerweile leben über 7000 Menschen dort. Einige für Monate, andere für Jahre. Hinter einem Stacheldrahtzaun stehen Menschen in langen Schlangen. Meine Begleiter erklären mir, es sei die Essensschlange. Es gäbe aber auch eine Arztschlange und eine Geldschlange. Es gäbe pro Monat 90 Euro pro Person.

Die Männer wohnen mit ihren Familien im zweiten Stock eines Containers. Sie nennen es "Vier-Sterne-Hotel", da es kein Zelt ist. Ihr Zimmer besteht aus einem Doppelstockbett und einem Stück Teppich. An der Wand hängt ein kleines Regal mit Kochutensilien und es gibt einen Propan-Gaskocher, auf dem auch gerade Wasser erhitzt wird. Wir trinken Tee und eine der Frauen bietet mir Kuchen an. Zaghaft esse ich, er schmeckt sehr gut.

Das Zimmer ist durch einen Vorhang vom Nachbarzimmer abgetrennt, insgesamt gibt es vier solcher "Zimmer" auf der Etage. Gleich kommen auch die Bewohnerinnen aus den Nachbarzimmern und zeigen mir ihre Bleibe. Ich bekomme Platzangst, doch mein Begleiter meint, im Gegensatz zu den Lagern in der Türkei sei dies hier "First Class".

EU, wo bist du?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut finden soll. Lesbos gehört zur EU, aber dieses Lager hier sieht eher nach Dritter Welt aus. Immer wieder kommt es zu Gewalttaten im Lager, und mein Begleiter erzählt, dass er seine Frau und seine Töchter bis zum Klo begleitet, aus Angst, ihnen würde sonst etwas passieren. Ich frage nach dem Wachschutz und er meint, dieser würde nur die Außengrenze des Lagers bewachen, was drin passiert, sei egal.

In Moria sind im letzten Winter Menschen erfroren, ein zwölfjähriger Junge hat versucht, sich umzubringen. "EU – Where are you?" steht auf einer Wand in der Inselhauptstadt Mytilene. Ja, EU, wo bist du?

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