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Syrienkonflikt: Atempause: Was in Syrien auf dem Spiel steht und was du darüber wissen solltest

Russland und die Türkei haben sich geeinigt und einen Angriff in Syrien vorerst abgewendet. Von ihrem Kompromiss für die Provinz Idlib im Norden des Landes hängen über drei Millionen Menschenleben ab.

Mann springt durch brennenden Reifen

Das Feuer ist noch nicht gelöscht: In Syrien herrscht seit 2011 Bürgerkrieg.

DPA

Zerstörte Häuser, Menschen auf der Flucht, Bombenangriffe– diese Bilder sehen wir mittlerweile jeden Tag in den Nachrichten. Auch aus : Seit sieben Jahren tobt dort ein Bürgerkrieg in den auch westliche Staaten verwickelt sind. Immer wieder stand zur Debatte, ob Deutschland sich militärisch beteiligen soll. Die politische Zukunft des Landes könnte sich nun in einer finalen Schlacht in der Provinz Idlib entscheiden. Nach Verhandlungen zwischen der Türkei und Russland gibt es aber erst einmal eine Atempause. Doch wie ist eigentlich die Lage in Syrien? Und wie kam es dazu?

Was passiert gerade in Syrien?

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad und seine Verbündeten in Russland und im Iran wollen militärisch im Nordwesten des Landes eingreifen. Ihr Ziel ist es, die Provinz zurückzuerobern, die an die Türkei grenzt. Sie gilt als letzte Hochburg von Rebellen, die sich seit sieben Jahren gegen das Regime des syrischen Machthabers stellen und ihn stürzen wollen. Würde Assad die Provinz erobern, hätte er fast alle dicht besiedelten Gebiete in Syrien wieder unter seiner Kontrolle. Obwohl Idlib eigentlich als Deeskalationszone gilt, in der es keine Gefechte geben soll, will die syrische Regierung dort eingreifen.

Assad will wieder über ganz Syrien herrschen, denn zeitweise musste er um seine politische Zukunft bangen. 2015 stand er vor der politischen Niederlage, die Rebellen hatten einen Großteil des Landes erobert. Doch dann bekam Assad Unterstützung von unter Wladimir Putin. Er unterstützte die syrische Regierung militärisch mit Waffen, Kampfflugzeugen und Bodentruppen.

Was bedeutet die Lage in Idlib?

Mit dem Angriff auf die Provinz droht eine humanitäre Katastrophe. Insgesamt sind circa drei Millionen Menschen in Idlib eingeschlossen, ein großer Teil davon Zivilbevölkerung und Kinder. Die Weltgemeinschaft fürchtet außerdem, dass Präsident Assad Chemiewaffen einsetzen wird, um die Rebellen zu vertreiben. Zudem sind durch den jahrelangen Konflikt zehntausende Menschen bereits auf der Flucht. Circa 1,5 Millionen sind in den letzten Jahren aus anderen Teilen Syriens nach Idlib geflohen. Die , der Libanon und auch Israel, die Grenzen zu Syrien haben, fürchten einen Flüchtlingsansturm auf ihr Land und verschließen nun ihre Grenzen. Die Bevölkerung und die Rebellen sind quasi eingeschlossen.

Wie geht es jetzt weiter?

Ein Angriff auf Idlib sollte noch in dieser Woche erfolgen. Russland und der Iran unterstützen den Vorstoß, als Verbündete des Machthabers . Besonders die Türkei will ein Eingreifen in Idlib aber verhindern, da sie unter anderem einen Flüchtlingsansturm auf ihr Land befürchtet. Nach mehreren Gesprächen zwischen Erdogan und Putin in den letzten Wochen, wird die Offensive nun vertagt.

Gestern einigten sie die beiden Staatschefs, bis zum 15. Oktober eine demilitarisierte Zone um den Kern des Rebellengebiets in Idlib einzurichten. Schwere Waffen, Panzer und Raketen sollen bis zum 10. Oktober aus diesem Gebiet abgezogen werden. Auch die Rebellen müssen die Zone verlassen. So soll der Zivilbevölkerung eine Atempause verschafft werden. Doch es bleiben offenen Fragen: Noch ist unklar, wie Syriens Diktator Baschar al-Assad mit der Einigung umgeht. Auch wer die Pfufferezone verwalten wird und wie die unterschiedlichen Lager zusammenarbeiten, scheint noch ungeklärt.

Wie kam es dazu?

Syrien hat historisch und politisch eine sehr vielfältige Geschichte. Der Staat in Vorderasien ist umgeben von Israel und Jordanien im Süden, dem Libanon im Westen, dem Irak im Osten und der Türkei im Norden. Damit liegt er in einem geografischen, religiösen und politischen Spannungsfeld. In Syrien gibt es zudem zahlreiche ethnische und religiöse Gruppen. 90 Prozent der Bevölkerung sind Araber, die unterschiedlichen Glaubensausrichtungen angehören. Überwiegend sind das Sunniten, aber auch Schiiten und Alawiten.

Seit den 1970er Jahren wird das Land von der Familie Assad regiert, die der alawitischen Minderheit angehören - seit dem Jahr 2000 regiert Baschar al-Assad. Im Jahr 2011 brach dann ein Bürgerkrieg aus. Damals protestierten Teile der Bevölkerung im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings gegen die Regierung. In vielen Ländern der arabischen Halbinsel waren besonders junge Menschen mit den politischen Systemen unzufrieden und begehrten auf. In Ländern wie Tunesien oder Ägypten kam es zum Sturz der dortigen Regierungen – in Syrien gelang dies nicht.

Warum ist die Lage so kompliziert?

Seitdem ist die Lage unübersichtlich: Es haben sich unterschiedliche oppositionelle Gruppen mit ganz unterschiedlichen Zielen gebildet. Teile im Nordwesten und Süden sind von gemäßigten Rebellen besetzt. Im Nordwesten Syriens gibt es wiederum eine radikalere Opposition, die versucht, Assad und die gemäßigten Rebellen zu bekämpfen. Im Norden versucht eine kurdische Minderheit einen eigenen Staat zu errichten. Auch andere Gruppen sind in den letzten Jahren in den Konflikt eingestiegen: Zum Beispiel der sogenannte Islamische Staat. Diese Organisation will einen islamischen Gottesstaat errichten und kämpft gegen alle anderen Staaten. Hinzu kommt, dass ausländische Staaten wie die USA, Russland oder die Türkei den Konflikt in Syrien für ihre Interessen nutzen – sie führen dort einen sogenannten Stellvertreterkrieg.

Wer unterstützt Assad?

Baschar al-Assad erhält vor allem militärische Unterstützung von Russland und seinem direkten Nachbarn, dem Iran. Russland hofft vor allem auf eine Stärkung der Region im wirtschaftlichen Sinne, um sich gegen den Westen zu positionieren. Zudem sieht Präsident Putin das Ziel, Syrien von "Terroristen" zu säubern. Der Iran steht seit den Aufständen 2011 an der Seite Syriens. Er sucht vor allem einen Partner im Kampf gegen den Irak und Saudi-Arabien. Zum anderen sichert sich das Land damit einen strategisch wichtigen Zugang zum Mittelmeer und einen Weg über Land in den Libanon. Dort unterstützt der Iran die sogenannte Hisbollahmiliz. Diese Streitkräfte kämpfen wiederum gegen Israel, einen Erzfeind des Iran.

Wer ist gegen ihn?

Die USA und die Türkei hingegen unterstützen die Rebellen, indem sie die Ausbildung der Kämpfer fördern und Bodentruppen entsenden. Jedoch unterstützt die USA auch die kurdische Minderheit des Landes. Dies missfällt der Türkei, die einen eigenen Kurdenstaat direkt an der eigenen Grenze zu Syrien vermeiden will. Daher ist sie mit Truppen in den Norden des Landes einmarschiert. Saudi-Arabien wiederum unterstützt die radikalen Oppositionellen in Syrien im Kampf gegen Assad. Sie hoffen, nach dem Sturz seines Regimes die religiöse Vormachtstellung in der Region zu übernehmen. Ein Sturz des Diktators wäre für den Golfstaat von Vorteil, da sich die politische Ausrichtung des Landes ändern könnte. Zur Zeit ist die Regierung unter Baschar al-Assad mit dem Erzfeind Saudi-Arabiens, dem Iran, eng verbunden. 

lau