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Islamisierung?: Wie ein Halbmond auf einem Berliner Spielplatz Hass schürt

Es wirkt ein wenig absurd: An einer gelben Mondsichel auf einem Kletterturm eines Berliner Spielplatzes wollen Kritiker die schleichende "Islamisierung" Deutschlands erkennen. Der Grund für das umstrittene Spielgerät liegt tatsächlich im Orient.

Ein Halbmond auf einem Spielplatz sorgt in Berlin für Diskussionen (Symbolbilder)

Ein Halbmond auf einem Spielplatz sorgt in Berlin für Diskussionen (Symbolbilder)

Berlin ist wahrlich nicht für seine hervorragende Infrastruktur bekannt. Die Bürger der Hauptstadt klagen über heruntergekommene U-Bahnstationen, überfüllte Einwohnermeldeämter oder marode Schulgebäude. Verbesserungswürdig ist ebenfalls der Zustand vieler Spielplätze. Auch jener in der Walterstraße im Stadtteil Neukölln gehörte zu dieser Kategorie: Ein in die Jahre gekommenes Klettergerüst-Ensemble, das Holz zum Teil morsch, Unkraut, ein Bolzplatz, der nur noch aus Sand und verrosteten Toren bestand - alles in allem kein Ort, der sonderlich zum Spielen einlud.

Nicht nur Eltern und Kinder sahen Handlungsbedarf, auch die Berliner Politik hatte ein Einsehen: Sie veranschlagte 220.000 Euro im Haushalt, um das etwa 1000 Quadratmeter große Areal wieder auf Vordermann zu bringen - eine gute Sache, sollte man meinen.

Streit um gelbe Mondsichel auf Turm

Anfang Juni rückten die Bauarbeiter der Firma "Spielart" aus Sachsen-Anhalt an und begannen mit ihrer Arbeit. Schnell stand das Spielgerät, das jetzt für "Hass, Hass, Hass" (Zeitung "B.Z.") sorgt, im Sand: Ein Kletterturm mit Holzwänden, vielleicht drei Meter hoch, in bunten Farben: gelb, blau, braun, weiß, rot. Oben drauf: eine Kuppel. Auf ihrer Spitze: eine gelbe Mondsichel.

Und genau dieses Symbol rief Kritiker auf den Plan: "Neuer Spielplatz in Schmalkalden - aber 'eine Islamisierung findet nicht statt'", ereiferten sich zum Beispiel die Administratoren des anonym betriebenen Twitter-Accounts "@AfD_Support", auch wenn sie sich dabei im Ort irrten. Das zugehörige Foto zeigt die Spielplatz-Baustelle in Berlin-Neukölln.

Seitdem schlossen sich Hunderte, wenn nicht Tausende, in den sozialen Netzwerken der Hetze an. Auch sie vermuten hinter dem eine religiöse Aussage und damit einhergehend die "Islamisierung" des Abendlandes - vom Kinderspielplatz aus. Eine kleine Auswahl der bisweilen geschmacklosen Äußerungen:

- "Unglaublich, wie devot unsere Politiker sind."

- "Bitte sofort abreißen - was kommt als nächstes? Steinigung spielen im Sandkasten?"

- "Ich würde da Schweinefleisch hinschmeißen."

- "Warum? Da kann man doch eine Moschee mit so richtig dreckigen Schuhen belatschen und mit Sand bewerfen."

- "Abfackeln das Teil."

- "Berlin ist nicht mehr unsere Hauptstadt, sie ist die erste islamistische Stadt, mit geduldeten dummen Deutschen in Deutschland."

Kinder in Berlin durften mitbestimmen

Kritik an der Gestaltung des Spielplatzes gibt es auch von Burkard Dregger, seines Zeichens Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus für Integrationspolitik. "Man könnte so eine Spielplatzgestaltung natürlich als originell bezeichnen. Oder auch ganz einfach als schwachsinnig", zitiert ihn der "Berliner Kurier". Er vermute, dass sich ein Beamter das Projekt ausgedacht habe, um einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten zu können.

Im Bezirksamt von Berlin-Neukölln kann man die Aufregung um den Spielplatz nicht nachvollziehen. Der Halbmond solle weder den Islam symbolisieren noch solle das Holztürmchen ein Minarett darstellen. Hinter der ganzen Angelegenheit stehe etwas ganz anderes: Wie auch in vielen anderen deutschen Städten üblich, ließ man die Kinder aus der Umgebung bei der Umgestaltung "ihres" Spielplatzes ein Wörtchen mitreden.

Keine 500 Meter von dem Spielplatz entfernt hat der nach eigener Darstellung "multi-kulturelle" Kinderladen "Ali Baba und seine Räuber" seinen Sitz. Da lag es nahe, die Erzählung des armen Holzfällers aus "Tausendundeiner Nacht" auch als Thema für den Spielplatz zu wählen. "Es ist langjähriger Brauch, dass die Neuköllner Spielplätze Märchen und Kindergeschichten zum Thema haben", teilt die Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey dem stern mit. Es gebe Pippi-Langstrumpf- und Robin-Hood-Spielplätze oder Schneewittchen- und Käpt'n-Blaubär-Gelände.

Spielplatz wird im November eröffnet

Und die SPD-Politikerin stellt klar, dass es sich bei dem umstrittenen Spielgerät "nicht um einen 'religiös anmutenden' Kletterturm, sondern um eine stilisierte orientalische Burg handelt". Alle Beteiligten seien von den Plänen begeistert gewesen.

Jedem, der anhand des Ali-Baba-Spielplatzes eine vermeintliche Deutschlands erkennen wolle, rät Giffey, "sich einfach einmal an die eigene Kindheit zu erinnern, in der sich viele bei der Erzählung dieser spannenden Geschichte in das Morgenland geträumt haben".

Die Diskussion um den Platz sei "absurd". Bei der Entwicklung sei "mit keiner Silbe jemals ein Indiz für eine 'Islamisierung' auch nur gedacht worden". Aus einem kaputten Baulückenspielplatz habe ein "märchenhaft" schöner Ort für die werden sollen.

Übrigens: Im Berliner Volkspark Hasenheide gibt es bereits seit einigen Jahren einen nach dem Thema "Tausendundeine Nacht" gestalteten Platz zum Toben und Spielen. Inklusive fliegendem Teppich, Kamelen und Pyramiden. Dass dieser zu einer "Islamisierung" geführt hat, ist nicht bekannt.

Die Umgestaltung in der Neuköllner Walterstraße soll Ende November beendet sein - dann übernehmen die Kinder auf dem Areal das Kommando. Und ihnen wird die Diskussion vermutlich herzlich egal sein - sie werden sich über ihren neuen Spielplatz freuen. Spaß statt Hass.

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