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Dreadlock-Eklat Her mit den Utopien – wir brauchen die haarspalterischen Plagegeister!

Die Hannover-Gruppe von Fridays for Future ist unter Beschuss, weil sie eine Sängerin erst ein- und dann wieder auslud – weil sie Dreadlocks hat
Die Hannover-Gruppe von Fridays for Future ist unter Beschuss, weil sie eine Sängerin erst ein- und dann wieder auslud – weil sie Dreadlocks hat
© Sachelle Babbar/ / Picture Alliance
Fridays for Future will nicht, dass die Künstlerin Ronja Maltzahn beim Klimaprotest am Freitag Musik macht. Weil sie Dreadlocks trägt.

Um Gottes willen! Schon wieder ein Skandal! Fridays for Future Hannover hat die Musikerin Ronja Maltzahn ausgeladen, weil sie Dreadlocks trägt. Die Klimaaktivisten sehen künstliche Filzlocken bei Weißen als kulturelle Aneignung. 

Ja, lieber Himmel, was ist denn bloß mit unseren jungen Menschen los? Was ist denn das nun wieder für ein Theater? Geben die denn niemals Ruhe? Worüber die alles nachdenken. Und immer alles gleichzeitig. Und immer so laut. Man kann ihnen ja kaum noch folgen. Haben die denn keine Kommunikationsberater? Das ist ja ein einziges Durcheinander. Schlimmer als die Dreadlocks von Bob Marley.

Fortschritt nervt manchmal, aber es geht nicht anders

War die Kernkompetenz dieser CO2-Plagegeister denn nicht ursprünglich mal Klimarettung? Haben die denn jetzt schon ihr Nullgradziel erreicht? Oder warum haben die plötzlich Zeit, sich auch noch um Filzlockenproblematik zu kümmern? Wie können die sich denn jetzt bloß Gedanken über die politische Korrektheit von Hairstyling machen, während in Mariupol und Kiew die Bomben fallen? Ist denen denn eigentlich alles gleichzeitig wichtig?

Nun, offensichtlich schon. Das Alter mit den gnadenlosen Prioritätenlisten kommt wahrscheinlich erst noch. Jetzt will die Generation Woke erst einmal alles. Und zwar sofort. Klimarettung, soziale Gerechtigkeit, Gendersternchen, wahre Diversität und was es alles sonst noch gibt, das das Leben auf diesem Planeten für alle gerechter macht.

Und was soll ich sagen? Das ist auch gut so. Denn überhaupt nur deshalb kamen all diese Themen auf die gesellschaftliche Agenda. Gäbe es keine nervigen, haarspalterischen Plagegeister, würden wir alte Säck:innen ja einfach jeden Morgen unsere abgegriffenen Bauklötzchen in unsere speckigen Denkschubladen einsortieren und zum Tagesgeschäft übergehen. Würden fröhlich weiter N*küsschen mampfen, uns an Karneval unsere Gesichter schwarz anmalen, weiter mit Easysjet zum Kurzurlaub nach Prag fliegen, und jeden Freitag gäb's Zigeunerschnitzel. Wenn die "Bild" jetzt aber plötzlich über Dreadlocks und kulturelle Aneignung spricht, und ein paar tausend Leute das erst mal googeln, ist ja immerhin schon mal etwas gewonnen. Gesellschaftlicher Fortschritt nervt manchmal, nimmt vielleicht auch hier und da einmal ein zwei etwas zu radikale Abzweigungen, aber es geht halt leider nicht anders. 

Kulturelle Aneignung: Darum geht es 

Und ist dieses Konzept der kulturellen Aneignung wirklich so lächerlich und unwichtig, wie nun überall getan wird? Schauen wir doch einmal nach, was es überhaupt bedeutet. Um es gleich vorweg zu sagen: Wenn sich Fritzchen Müller einen Teller Spaghetti kocht oder Lieschen Müller ein bisschen Englisch spricht, ist das ausdrücklich keine kulturelle Aneignung.

Kulturelle Aneignung ist, wenn ein Mitglied einer dominanten Kultur sich den Bestandteil einer Minderheitenkultur zu eigen macht. Und schlimmstenfalls sogar noch bräsig damit einherstolziert. Wenn sich also der texanische Eisenbahnmagnat mal am Feierabend in vergnügter Runde im örtlichen Saloon den Federschmuck des Native American aufsetzt, dem er erst am Nachmittag eine Millionen Hektar Land geraubt hat. Lustig, oder?

Nein. Nicht lustig. Scheiße ist das. Und das überhaupt einmal zu thematisieren, ist richtig und wichtig. Und nur, weil Klimarettung sehr wichtig ist, heißt das ja nicht, dass alles andere plötzlich unwichtig ist. Auch, wenn die "Bild" das nun gegeneinander ausspielen will, weil sie am liebsten gerne all diese Themen diskreditieren würde. Aber genau das ist die Strategie rechter Populisten, die in unserer Gesellschaft gerade leider immer stärker werden.

"Fridays for Future"-Aktivisten hätten ihren Standpunkt kreativer deutlich machen können

Ob man nun tatsächlich die Musikerin mit ihren Dreadlocks gleich wieder ausladen muss, kann man diskutieren. Zumal man sie ja offensichtlich so gut gefunden hat, dass man sie mal eingeladen hat. Unsere Klimaaktivisten hätten sicher etwas kreativer damit umgehen können, dass ihnen irgendwann aufgefallen ist, dass sie ein grundsätzliches Filzlockenproblem haben. Man hätte vielleicht noch einen Poetry Slammer einladen können, der vor Maltzahns Auftritt ein feuriges Gedicht über Dreads und Cultural Appropriation vorträgt. Es gibt auf dieser Welt sicher spielerischere Problemlösungen als Verbote. Und vielleicht sind sie sogar auch effizienter.

Man kann nun besserwisserisch auf strategisch unklugen Klimaaktivisten herumhacken, die mit sophistischer Haarspalterei potentielle Sympathisanten vergraulen. Und man kann über angebliche Cancel Culture schimpfen. Aber das sollte man sich vielleicht noch einmal überlegen. Denn über Cancel Culture schimpfen meist nur diejenigen, die es sich einfach gern mit ihren alten Rollenbildern gemütlich machen wollen. Die weiterhin genüsslich ihr Zigeunerschnitzel mampfen wollen. 

Statt nun reflexhaft auf die undiplomatischen Klimaaktivisten zu schimpfen, sollten wir dankbar dafür sein, dass es irgendwo in dieser Gesellschaft überhaupt noch Idealisten gibt, die alles immer sofort haben wollen. Her mit all den undiplomatischen Utopien. Strategische Realpolitik gibt’s grad genug.

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