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Erfurt: Gedenken an die Opfer des Schulmassakers

Rund 10 000 Menschen haben ein Jahr nach dem Erfurter Schulmassaker in einer bewegenden Feier auf dem Domplatz der 16 Opfer gedacht. Schüler, Lehrer und Angehörige erinnerten an die schreckliche Bluttat

Rund 10 000 Menschen haben ein Jahr nach dem Erfurter Schulmassaker in einer bewegenden Feier auf dem Domplatz am Samstag der 16 Opfer gedacht. Schüler, Lehrer und Angehörige erinnerten sich in Trauer an die schreckliche Bluttat, mahnten aber zugleich mehr Miteinander in der Gesellschaft an. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) rief zu mehr Zuversicht auf, aber auch zum Umdenken. "Noch ist nicht alles Menschenmögliche getan, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt", sagte er. Die Feier begann mit Glockenläuten und einer Schweigeminute.

Die Erinnerung an das grausame Massaker wurde vor der imposanten Kulisse des Domes für viele wieder lebendig. Schüler umarmten sich, und Trauer spiegelte sich in Gesichtern vieler wider. "Wir können nicht vergessen, wir wollen nicht vergessen", sagte Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU). Die Gedenkfeier unter dem Motto "Erinnern - Leben" sollte auch Zeichen des Neubeginns sein: Mehrere Schüler, Hinterbliebene, Schuldirektorin Christiane Alt und Polizeidirektor Rainer Grube verlasen Lebenswünsche. "Ihr seid die Mahnung, dass wir lernen müssen, besser miteinander umzugehen", sagte Opfervertreter Eric Langer, der die Namen der 16 Opfer vorlas.

Auf den Domstufen waren ein Kreuz und ein "G" aus Sonnenblumen als Symbol der Schule zu sehen. Schüler legten 16 Blumengebinde für die Opfer nieder. Aus Haydns "Schöpfung" erklang "Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort". Vogel bezeichnete die Gutenberg-Schüler und -Lehrer als Vorbild, weil sie der Mut nicht verlassen habe und sie ein Klima des Miteinanders geschaffen hätten. "Wo ist der Wille zur Veränderung geblieben?", fragte Pfarrerin Ruth-Elisabeth Schlemmer mit Blick auf die gesellschaftlichen Konsequenzen.

Um 10.53 Uhr läuteten in Erfurt die Glocken fast aller Kirchen. Um diese Zeit begann der ehemalige Gutenberg-Schüler Robert Steinhäuser vor einem Jahr das Morden, bei dem er 16 Menschen umbrachte und sich selbst erschoss. Um 11.00 Uhr verharrte die Stadt in einer Schweigeminute. Am frühen Morgen hatten rund 1000 Menschen bei der Kranzniederlegung am Gutenberg-Gymnasium der Opfer gedacht. "Hier wollen wir beieinander stehen für die, die uns so fehlen", sagte Schuldirektorin Alt. "Der 26. April 2002 hat Wunden geschlagen, die nie völlig verheilen werden", sagte Vogel. Ein brennendes Herz aus Kerzen war am Boden zu sehen.

In mehreren Thüringer Zeitungen erinnerten Traueranzeigen an die Toten. Die Eltern des Gutenberg-Attentäters Robert Steinhäuser äußerten in Pressebeiträgen Ratlosigkeit über die Bluttat ihres Sohnes und gaben sich eine Mitschuld. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beklagte am Samstag eine zunehmende Jugendgewalt in Deutschland. Am Freitag hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu mehr Mitmenschlichkeit aufgerufen und die Verschärfungen von Waffenrecht und Jugendschutz betont. Vogel forderte weitere Änderungen.