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Karneval in der DDR: Vom Frohsinn im Sperrgebiet

Kamelle, Kostüme und Büttenreden - zur Karnevalszeit sind im Rheinland die Jecken los. Was der Kölner kann, kann der Tripkauer schon lange: Seit 52 Jahren pilgern hunderte Besucher zum Dorfkarneval, der zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet besonders ausgelassen gefeiert wurde.

Von Mareike Rehberg

Blechern und ein wenig schleppend setzt der Mainzer Narhallamarsch ein, als die Funkengarde den Saal betritt. Salutierend und Kusshände austeilend, bahnen sich die 14 Mädchen in blau-weißer Uniform ihren Weg. An Tischen mit klatschenden und sich zuprostenden Jecken vorbei, bis sie schließlich im Gleichschritt die Bühne erreichen und Aufstellung nehmen. Zwischen ihnen marschiert der Fahnenträger, gefolgt vom Vorstand, der Prinzen- und der Offiziersgarde und dem Elferrat. "Ob nüchtern oder blau", ruft der Präsident in die Menge. "Tripkau Helau!", schallt es hundertfach zurück.

Tripkau ist ein 300-Seelendorf, das in der norddeutschen Provinz liegt. Seit 1993 gehört der Ort zum niedersächsischen Landkreis Lüneburg, doch vor der Wende lag der heutige Gemeindeteil des Amtes Neuhaus im Sperrgebiet auf Seiten der DDR, in das Fremde nur mit Passierschein und aus triftigem Grund reisen durften.

Hier saßen im November 1958 neun Leute in der Gastwirtschaft des Ehepaars Alma und Willi Banz zusammen und hatten das, was Karnevalsveteran Ernst-Wilhelm Voß heute im wahrsten Sinne des Wortes als "Schnapsidee" bezeichnet. Inspiriert von den Karnevalssitzungen aus dem Westfernsehen und einigen alkoholischen Getränken kamen drei Landwirte, ein Arzt, ein Schlachterehepaar, eine Sekretärin, ein Büroangestellter und ein Melker zu der Überzeugung, zur fünften Jahreszeit mindestens ebenso auf den Putz hauen zu können wie die Kölner. "Wir feiern heute Karneval, wir sind vergnügt wie überall. Wir schmeißen keinen Trinker raus, geben lieber den letzten Pfennig aus", dichteten die Gründer gleich am ersten Abend auf einem Bierdeckel und legten so ungeahnt die Parole für die kommenden Jahrzehnte fest.

Der Materialmangel forderte Einfallsreichtum

Enthusiastisch eiferten die norddeutschen Jecken in den kommenden Jahren ihrem rheinländischen Vorbild nach, obwohl sie mit einigen Hürden zu kämpfen hatten. Die heute 72-jährige Christa Brandmann, Witwe des Schlachters und Tanzmariechen der 1960er Jahre, erinnert sich an den Einfallsreichtum, den die Aktiven an den Tag legen mussten, um alljährlich ihr vierstündiges Programm auf die Beine zu stellen. An einen Ausstatter für die Kostüme sei nicht zu denken gewesen, die ersten Funkenuniformen nähten sich die Mädchen aus Bettlaken zusammen, Pailletten wurden mühsam von alten Kleidern abgetrennt und einzeln auf die Röcke gestickt. Nächtelang saßen Brandmanns Mutter, eine gelernte Schneiderin, und sie selbst über die halbfertigen Verkleidungen gebeugt. Noch heute näht Brandmann zusammen mit fünf anderen Müttern die Kostüme der Söhne im Männerballett.

Der 69-jährige Ernst-Wilhelm Voß, früher Mitglied im Elferrat und ein beliebter Büttenredner, weiß von diversen Tauschaktionen zu berichten. Fasanenfedern für die Hüte bekam er von einem Baggerfahrer, den er 1984 während einer Kur kennenlernte. Der wohnte im brandenburgischen Joachimsthal, wo "viele Bonzen ihre Datschen" hatten und es eine Fasanenzucht gab. Die UV-Lampen für die Lichteffekte auf der Bühne verdankte er der Bekanntschaft zu einem Fahrer beim Film in Potsdam-Babelsberg. Im Tausch gegen zehn Flugentenküken ließ der Mann seine Beziehungen spielen, die Strahler kommen bis heute in der Tripkauer Mehrzweckhalle zum Einsatz.

Die Aktiven mussten sich mit allem behelfen, sagt Voß, dennoch sei vor der Wende auch einiges leichter gewesen. "Da hat der Betriebsleiter mal freigegeben, wenn du noch was für den Karneval erledigen musstest. "Hau bloß ab", habe der gesagt, "hier bist du jetzt sowieso zu nichts zu gebrauchen". Heute würden die Chefs ungläubig schauen, wenn ein Lehrling Karnevalsurlaub beantrage.

"Mit einem Bein standest du im Zuchthaus"

Auch der Reiz der Büttenreden war vor der Wende ungleich höher. Während heute nicht selten fertige Witzkaskaden im Stil von Mario Barth aus dem Internet heruntergeladen werden, wandelten die Redner früher auf dem schmalen Grat zwischen gerade noch tolerierter indirekter Kritik am politischen System und dem Risiko des Redeverbots. "Mit einem Bein standest du praktisch im Zuchthaus, wenn du was Verbotenes gesagt hast", erinnert sich Christa Brandmann, Voß bekam die Konsequenzen seines Übermutes 1987 zu spüren. Verkleidet als Robinson Crusoe verglich er die Situation des einsam Gestrandeten mit dem Mangel und der Misswirtschaft in der DDR:

"So wie heute war die größte Qual / die Beschaffung von Baumaterial. / Kein Gasbeton, kein Zement auf dem Eiland, / die Ziegel habe ich mir selber gebrannt. / Mir half kein Betrieb, kein Onkel im Westen, kein Bruder, / ich war ja alleine, ich armes Luder."

Für Verse wie diese handelte sich Voß ein lebenslanges Redeverbot ein, dem die Wende dann ein Ende setzte. Ein befreundeter Drucker wurde 1985 mundtot gemacht, er begann seine Bütt mit den Worten: "Die Sonne scheint, der Himmel lacht, das hat wieder die Partei gemacht." Derartige "Ausrutscher" wollte der verwaltende Rat des Kreises zwar durch Zensur unterbinden, doch die Redner ließen sich einiges einfallen, um der Bevormundung zu entgehen. Politische Witze wurden nur durch die Blume erzählt, und nachdem man die Bütten zur Kontrolle eingereicht hatte, wurden sie oft wieder abgeändert. Später kamen die Vertreter des Kreises dann persönlich vorbei, um sich die Texte vorlegen zu lassen, dann war der Büttenschreiber eben noch nicht fertig. Christa Brandmann muss noch heute lachen, wenn sie daran denkt, wie die Spitzel in den Vorführungen saßen und sich zwanghaft jedes Klatschen und Grinsen verkniffen.

Das Sperrgebiet hielt Besucher fern

Doch nicht nur die Zensur machte den Karnevalisten zu schaffen. Tripkau befand sich nahe der Grenze zur BRD und gehörte damit zur Fünf-Kilometer-Sperrzone, in die außerhalb Wohnende nicht einmal hineinkamen, wenn sie ihren Großonkel zum 70. Geburtstag besuchen wollten. Aus welchen Gründen der Antragsteller einen Passierschein bekam, oblag dem Ermessen der Behörden. Diese Regelung war dem Besucherzufluss der Karnevalssitzungen nicht zuträglich und erschwerte Ausflüge zu Fastnachtveranstaltungen in Gemeinden benachbarter Sperrzonen.

Um einer Strafe zu entgehen, spannten die Jecken zwei Pferde vor einen für vier Personen gedachten Schlitten und fuhren mit sieben Leuten und drei Rädern im Gepäck über Schneewehen, Stock und Stein. Denn welcher Volkspolizist würde schon ein halbes Dutzend angetrunkener Karnevalisten festnehmen, wenn er auch noch die Pferde versorgen musste? Zwei kaputte Drahtesel und eine gebrochene Rippe waren die Bilanz dieser Aktion, von der die Veteranen noch heute erzählen.

Anekdoten wie diese sind nach der Wende selten geworden, der Reiz des Verbotenen ist verflogen, doch über Mitgliederschwund muss der Verein nicht klagen. Rund 140 Aktive aus Tripkau und den umliegenden Ortschaften engagieren sich bereits Monate im Voraus für das Programm, jedes Neugeborene wird in den CCT aufgenommen. "20 Jahre Mauerfall, Karneval ist überall" lautet das diesjährige Motto und man darf gespannt sein, welche Spuren die Wende in den Köpfen der jetzigen Niedersachsen hinterlassen hat.