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Baden-Württemberg: Sie war seine Sklavin: Jesidin trifft mitten in Deutschland ihren IS-Peiniger wieder

Eine junge Jesidin erlebt die Hölle auf Erden, als sie in die Fänge des IS gerät. Doch ihr gelingt die Flucht. Sie kann sich nach Deutschland absetzen. Hier fühlt sie sich sicher – bis sie auf ihren Peiniger trifft.

Sex-Sklavin: Junge Jesidin trifft auf ihren IS-Peiniger - mitten in Deutschland

Plötzlich steht er vor ihr. Von Angesicht zu Angesicht. Monatelang soll genau dieser Mann sie gefangen gehalten und wahrscheinlich immer wieder sexuell missbraucht haben. Die 18-jährige Jesidin Ashwaq, die aus dem Irak nach geflohen war, steht in der süddeutschen Kleinstadt Schwäbisch Gmünd vor ihrem ehemaligen IS-Peiniger Abu Hamam. So berichtet es der Teenager in einem auf Youtube veröffentlichten Video. Das vierminütige Video ist mit "Kurdisches Jesiden-Mädchen, die dem IS entkommen ist, flieht aus Deutschland, nachdem sie dort ihren Peiniger getroffen hatte" betitelt. Der Teenager berichtet darin von der wohl schlimmsten Begegnung ihres Lebens. Mittlerweile ist sie von Deutschland nach Kurdistan geflohen.

Drei Monate in IS-Gefangenschaft, dann gelingt ihr die Flucht

Ashwaq hatte eigentlich gedacht, dass sie in Deutschland ein neues Leben führen kann. Sie dachte, niemand würde sich groß für ihr Leben in Süddeutschland interessieren. Endlich hatte sie Ruhe. Denn was die 18-Jährige in den vier Jahren davor erlebt hatte, gleicht einem Ritt durch die Hölle. Wie die "Deutsche Welle" berichtet, geriet Ashwaq 2014 mit vielen tausend weiteren Frauen im Nordirak in IS-Gefangenschaft. Wie andere junge Frauen wird sie als (Sex-)Sklavin an einen IS-Mann verkauft – für 100 Dollar. "Ich war drei Monate bei Abu Hamam in Gefangenschaft", sagt sie in dem Video. Er soll sie eingesperrt und sexuell missbraucht haben, wie die Jesidin gegenüber Vice berichtet. Am 22. Oktober, so berichtet Ashwaq weiter, gelingt ihr die Flucht aus der IS-Gefangenschaft. Vom Irak flieht sie über die Türkei nach Deutschland. Weit weg von dem Martyrium, das sie mit gerade eimal 14 Jahren durchlebt hat. Sie will ein neues Leben beginnen. Sie landet in Baden-Württemberg, geht zur Schule, lernt Deutsch. Auch ihre Mutter und einer ihrer Brüder sind mit in Süddeutschland.

Ist ihr ehemaliger Peiniger vom IS auch in Deutschland?

2016 trifft die junge Frau ein tiefer Schock. Ashwaq meint, den IS-Mann, der sie im Irak gekauft und als gehalten hat, in Schwäbisch Gmünd gesehen zu haben. Doch ganz sicher ist sie sich nicht. Im Video sagt sie, dass ihr erster Gedanke war, dass das doch nicht wirklich Abu Hamam sein kann. Der, auch hier in Deutschland? Unmöglich. Doch knapp zwei Jahre später – am 21. Februar 2018 – sollen sich ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Im baden-württembergischen Schwäbisch Gmünd trifft sie tatsächlich auf ihren ehemaligen Peiniger Abu Hamam, der vermutlich selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist.

"Ich hatte so viel Angst und konnte überhaupt nicht reden"

Er spricht die junge Frau auf Deutsch an. "Er hat mich gefragt, ob ich Ashwaq bin", so der Teenager im Video. Schockiert verneint die junge Frau und sagt: "Nee, ich bin nicht Ashwaq und ich kenne Ashwaq nicht. Ich kenne dich auch nicht. Wer bist du?" Doch der mutmaßliche IS-Mann lässt nicht locker. Er ist sich offenbar sicher. Als sie bestreitet, Ashwaq zu sein und ihren ehemaligen IS-Peiniger zu kennen, fängt er an, Arabisch mit ihr zu reden. Doch die 18-Jährige bleibt in ihrer Rolle und antwortet konsequent weiter auf Deutsch. Sie gibt vor, Türkin zu sein. Sie verstehe kein Arabisch, nur Türkisch und Deutsch. Doch Abu Hamam weiß offenbar sehr genau, wen er da vor sich stehen hat. "Du kennst mich schon. Und ich kenne dich auch", so beschreibt die 18-Jährige, die mittlerweile wieder im ist, weiter die furchteinflößende Begegnung mit Abu Hamam. 

Doch auch damit ist noch nicht genug. Der Mann geht noch weiter und droht ihr anschließend sogar: "Ich weiß, seit wann du in Deutschland bist." "Ich hatte so viel Angst und konnte überhaupt nicht reden", so die Jesidin im -Video. Immer wieder stockt sie kurz. Denkt kurz nach und ordnet ihre Worte. Der mutmaßliche IS-Kämpfer behauptet, dass er wisse, dass die Frau seit 2015 mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in Deutschland lebt. Sogar ihre Adresse soll er gewusst haben. "Er kennt auf jeden Fall mein ganzes Leben", so Ashwaq im Video. Und sie rede nicht nur für sich, sie rede für alle jesidischen Mädchen, die in Deutschland leben. Viele der ehemaligen IS-Sklavinnen hätten in Deutschland schon den Mann gesehen, bei dem sie in Gefangenschaft waren. Eine Freundin habe beispielsweise ihren ehemaligen "Eigentümer" vom IS in Stuttgart gesehen. 

Trotz der Begegnung: Lob für Deutschland

Mittlerweile ist Ashwag zurück im Nordirak. Wie die "Deutsche Welle" berichtet, sei ihr von der Polizei nur eine Notfallnummer gegeben worden. Sie fühlt sich nicht mehr sicher und verlässt Deutschland. Doch statt mit Bitterkeit, beendet sie ihr Video mit warmen Worten und Lob für Deutschland. "Ich danke allen Deutschen", sagt sie. Sie sei hier drei Jahre lang in der Schule gewesen und habe viel gelernt. "Ich danke euch allen." Zwei ihrer ehemaligen Sozialarbeiterinnen nennt sie beim Namen und dankt ihnen. Dann ist das Video, das sich nicht nur auf Youtube, sondern mittlerweile auch auf Facebook und Twitter verbreitet, zu Ende.

Ashwaqs Täterbeschreibung reicht nicht für eine Identifizierung von Abu Hamam

Sowohl die Polizei in Schwäbisch Gmünd als auch die Generalbundesanwaltschaft haben auf stern-Anfrage bestätigt, dass Ashwaq in Süddeutschland gelebt hat. Nach der Begegnung sei sie zur Polizei gegangen. Sie wollte auf Abu Hamam, der eigentlich wohl anders heißt und den Namen Abu Hamam aus religiösen Gründen angenommen hat, und seine dunkle Vergangenheit aufmerksam machen. Doch ihre Täterbeschreibung und der Name Abu Hamam reichen, für eine Identifizierung des Mannes nicht aus, teilt die Pressestelle der Generalbundesanwaltschaft auf Anfrage des stern mit. Man hätte Ashwaq in der Angelegenheit nochmal vernehmen wollen. Doch dafür war es schon zu spät. Die junge Jesidin war längst zurück im Irak – dem Land, aus dem sie Jahre zuvor geflohen war. Auf Twitter äußerte sich auch das Landeskriminalamt Baden-Württembergs zu der Angelegenheit.

In leben Hunderte Jesidinnen, die aus dem Irak und Syrien geflohen sind. Fast alle wurden als Sklavinnen vom IS gefangen gehalten. Wie die Generalbundesanwaltschaft erklärt, werden die Frauen nach und nach vernommen. Rund 100 Interviews wurden schon geführt. Auf Grundlage dieser Dokumentationen wurde bereits ein Haftbefehl gegen einen Mann erlassen, der nicht in Deutschland lebt.