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Verschleppt, vergewaltigt, geschwängert: Sklavinnen des IS: Diese Bilder lassen erahnen, was die Frauen durchgemacht haben

Die selbsternannten Gotteskrieger des "Islamischen Staates" haben Frauen verschleppt, vergewaltigt, geschwängert, wie Tiere gehalten. Jetzt, wo das Kalifat zerstört ist, malen die Opfer Bilder. Ihre Geschichten treiben Entwicklungsminister Müller Tränen in die Augen.  

Verstörende Erinnerung: Blut rinnt aus Mund und Nase

Verstörende Erinnerung: Die Frauen versuchen das Erlebte in Bildern zu verarbeiten. Blut rinnt aus Mund und Nase

Es gibt von diesen Frauen und Mädchen keine Fotos und keine Videos, auch in diesem Bericht nicht. Die Frauen und Mädchen wollen ihr Gesicht nicht zeigen, so sagen es die Verantwortlichen im neu eröffneten "women centre" in der nordirakischen Stadt Dohuk und bitten um Verständnis. Die Scham der jungen Frauen sei zu groß, ihr Schmerz, aber auch ihre Angst vor den Feinden von einst, die sie verletzt haben. Am Körper und in der Seele.

Aber Bilder haben die Frauen und Mädchen von Dohuk gemalt. Sie hängen an einer Wand in diesem Frauenbegegnungszentrum. Ein Bild zeigt das Gesicht einer Frau, Tränen laufen ihr aus den Augen, aus der Nase fließt Blut. Ein anderes zeigt eine Frau, die niederkniet, ihr Mund ist mit einem schwarzen Streifen Stoff verbunden, ihre Haare stehen in alle Richtungen ab und ihr Kopf scheint zu explodieren. 

Der Mund mit einem schwarzen Tuch verbunden, die Haare stehen ab.


Die Bilder lassen erahnen, was die Frauen erlebt und durchgemacht haben, die sich hier treffen. Sie wurden von den selbsternannten Gotteskriegern des "Islamischen Staates" verschleppt, oft noch im Mädchenalter, sie wurden vergewaltigt, geschwängert, wie Tiere gehalten. 90 Prozent von ihnen sind Angehörige der Jesiden, einer religiösen Minderheit. Die Jesiden waren für die fanatischen Islamisten des "IS" keine Menschen.

Deutschland fördert das "women centre"

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller besucht auf seiner Irak-Reise dieses Frauenzentrum, das den jungen Frauen helfen will, die zumeist schwer traumatisiert sind und in den Wirren des Krieges oft Väter, Mütter, Brüder und Schwestern verloren haben. Deutschland fördert das Zentrum, das eine irakische Christin aufgebaut hat. Es gibt die Möglichkeit einer psychologischen Beratung, es wird geholfen bei der Vermittlung eines Ausbildungsplatzes, einer Arbeitsstelle, bei der Suche nach vermissten Verwandten.

Im Frauenzentrum will den Frauen helfen. Die meisten sind schwer traumatisiert.

Im Frauenzentrum will den Frauen helfen. Die meisten sind schwer traumatisiert. 


Jetzt stehen die jungen Frauen aufgereiht in einem Saal, angetreten für den Minister aus dem fernen Deutschland. Ihre Gesichter sind seltsam regungslos, wie schockgefroren. Und sie sagen: erst mal gar nichts. Plötzlich steht ein 15 Jahre altes Mädchen vor Gerd Müller. Sie sagt, sie möchte ihm ein Gedicht vortragen, das sie ihrem Bruder Ali gewidmet hat. Ihre ganze Großfamilie, auch Vater und Mutter, haben es damals in den Wirren des Krieges mit Hilfe von Schleusern geschafft, aus den Fängen des IS zu entkommen. Aber ihr Bruder wird seit August 2014 vermisst. Er müsste jetzt 24 Jahre alt sein. Das Gedicht ist schwer zu übersetzen, das Mädchen versucht eine Zusammenfassung: "Ich kann ohne meinen Bruder nicht leben. Ich vermisse ihn. Wenn ich sehe, wie andere Familien große Feiern veranstalten, alle zusammen, dann werde ich jedes Mal traurig." Müller muss schwer schlucken. Er sagt: "Die Welt muss erfahren, welche Verbrechen hier geschehen sind."

Ein anderes Mädchen, ebenfalls Opfer des "IS", erzählt, dass sie ihre ganze Familie im Krieg verloren hat, nur noch eine Schwester sei ihr geblieben. Die Schwester lebt in Deutschland. Dort will sie auch hin. Müller erklärt, dass er weiß, dass das ein Problem sei, für viele IS-Opfer. Oft sind die Familien versprengt, ein Teil wird vermisst, ein Teil hat es nach Deutschland geschafft, ein anderer ist im Irak zurückgeblieben. Der Minister sichert Unterstützung zu. Was immer das heißen mag. Denn seine Partei, die CSU, ist beim Thema "Familiennachzug für Flüchtlinge" auf einer harten Linie, einer sehr harten Linie.

Ein anderes Mädchen, 13 Jahre alt, hat Mutter und Vater verloren, lebt jetzt mit zwei Brüdern bei ihrem Onkel. Ihnen fehlt das Geld für die Miete. Nur das Geld für die Miete, nur das, sagt sie fast flehentlich, dann wäre alles gut. Die Miete beträgt pro Monat umgerechnet 25 US-Dollar. 

Entwicklungsminister Gerd Müller wird in Bagdad die Sicherheitsweste festgezurrt. Deutschland unterstützt das "women centre".

Entwicklungsminister Gerd Müller wird in Bagdad die Sicherheitsweste festgezurrt. Deutschland unterstützt das "women centre".

Gerd Müller wischt die Tränen weg

Der Zeitplan auf der Irak-Reise von Gerd Müller ist eng, der Minister muss los. Er will dieses kleine "women centre" im Norden des Landes weiter fördern, das sichert er zu. Aber im Moment kann er nicht mehr viel reden. "Was ich hier erlebt habe, werden ich mein Leben lang nicht vergessen, sagt er noch. "Sie sind so mutig und stark." Dann eilt er davon, draußen wartet schon sein Konvoi mit den schwer gepanzerten, weißen SUVs. Als er das Gebäude verlässt, wischt er sich hinter den Gläsern seiner Brille Tränen aus den Augenwinkeln.

Siddhartha Dhar alias Abu Rumaysah