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Hilfe für afghanische Kinder "Ich darf jetzt weiterleben"

Die medizinische Versorgung in Afghanistan ist katastrophal - für kranke und schwer verletzte Kinder die Situation daher oft hoffnungslos. Einige wenige hat ein Verein zur Behandlung nach Deutschland gebracht. stern.de hat die Kinder auf ihrer Heimreise nach Kabul begleitet.
Von Stefanie Zenke, Kabul

Tränen kullern über das vernarbte Gesicht. Nesars Finger krallen sich in die Bluse von Gastmutter Christine. Kinderhände, denen deutsche Ärzte Form und Beweglichkeit zurückgegeben haben. Nesar aus Afghanistan, 4 Jahre alt, nimmt Abschied. Von neuen Freunden und Bekannten, von Ärzten und Pflegern – und von seinen Gasteltern, Christine und Wulf. Die kämpfen mit den Tränen. "Wir wissen, dass wir ihn gehen lassen müssen, und dennoch ist es schlimm", sagt Nesars "Mama" und drückt den Kleinen auf dem Flughafen in Hamburg ein letztes Mal ganz fest an sich. Es ist ein Donnerstag im Juni.

Länger als ein Jahr war Nesar in Deutschland, er wurde dort operiert, erholte sich bei seiner Gastfamilie von den Strapazen. Nahezu die Hälfte seiner Haut war verbrannt. Das Petroleum aus einer umgefallenen Lampe hatte sich entzündet, seinen kleinen Körper so zugerichtet. Die afghanischen Ärzte waren machtlos, die medizinische Versorgung im Land ist katastrophal - dem Jungen war nur mit einer Haut-Transplantation in Deutschland zu helfen.

Eine Information für unsere Leser:

Dr. Matthias Angrés und drei weitere Ärzte haben sich zum 5. Juli 2008 von dem Verein "Kinder brauchen uns" getrennt. Sie sahen das Image des langfristig angelegten Projekts gefährdet, weil der ehemalige Vereinsvorsitzende Markus Dewender im vergangenen Jahr in die Kritik geraten war. Er hatte zwei falsche Doktortitel geführt. Dr. Angrés und seine Kollegen wollen für die so genannte Luftbrücke, die Behandlung afghanischer Kinder in Deutschland und deren Betreuung in Gastfamilien, neue, transparente Strukturen schaffen.

Der Verein "Kinder brauchen uns", der sich seit 2001 um die medizinische Versorgung und Betreuung schwerstverletzter und kranker Kinder aus Afghanistan kümmert, brachte Nesar nach Deutschland. Die so genannte Luftbrücke wurde mit Spenden finanziert - denn sie ist teuer. Etwa 110.000 Euro muss der Verein jedes Mal für einen solchen Charterflug aufbringen. Nur der direkte Transport mit gecharterten Flugzeugen ist für die geschwächten Kinder medizinisch verkraftbar.

Bedrückende Kinderschicksale

Etwa 500 Kindern hat der Verein bereits geholfen. 30 Kliniken bundesweit konnten mittlerweile als Partner gewonnen werden, die bereit sind, die Jungen und Mädchen aus dem Land am Hindukusch zu behandeln. Sie verzichten weitgehend auf Bürokratie, versuchen, die Kosten für die Operationen so gering wie möglich zu halten. Zum Erfolg der Hilfsaktion tragen entscheidend die Gastfamilien bei. Mütter und Väter auf Zeit sitzen nach den oft schweren Operationen Tag und Nacht an den Betten der kleinen Patienten, trösten, trocknen Tränen, helfen über das Heimweh hinweg.

stern-Aktion

Die stern-Stiftung unterstützt das Projekt in Afghanistan, die dafür benötigte Luftbrücke und die Behandlung und Betreuung der Kinder. Sie können einen Betrag in beliebiger Höhe, der dem Projekt zugute kommen soll, auf das Spendenkonto der Stiftung überweisen. Ihre Spende ist steuerlich abzugsfähig. Bitte geben Sie folgendes Stichwort an: Kinder Afghanistan

Kontoverbindung für Ihre Spenden: Deutsche Bank Bankleitzahl: 200 700 00 Kontonummer: 469 9500

Für Überweisungen aus dem Ausland: IBAN DE20 2007 0000 0469 9500 00 BIC/SWIFT-Code DEUTDEHH

Nesar ist untröstlich, als er sich am Hamburger Flughafen von seinen Gasteltern verabschieden muss. Gemeinsam mit 23 anderen Kindern besteigt er das Flugzeug, das sie in ihre Heimat zurückbringen soll. Die meisten Kinder, zwischen drei und 17 Jahre alt, befanden sich vor einigen Monaten noch in einem kritischen Zustand. Ihre Krankenakten erzählen von bedrückenden Schicksalen: Da ist der elf Jahre alte Esmatullah, der durch die Explosion einer Mine sein Augenlicht verlor. Da ist Abdul Matin, fünf Jahre alt, dessen Bein von einem Lastwagenreifen zertrümmert wurde. Und da sind die vielen Kinder, die an schweren Herzfehlern litten und ohne Operation keine Chance auf Leben gehabt hätten. Heute lachen diese Kinder.

Kabul, Flughafen. Matthias Angrés, bis Ende Juni ärztlicher Direktor des Albertinen-Krankenhauses in Hamburg und Vorstandsvorsitzender des Vereins, hält ein rot-grünes Bündel Reisepässe in der Hand. Es ist heiß. Die Abschiedstränen von Nesar und den anderen Jungen und Mädchen sind mittlerweile getrocknet, einige sind müde von der langen Reise, andere völlig aufgedreht und voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihren Familien.

Einige Mädchen werfen sich Kopftücher über die dunklen Haare - seit Monaten schon haben sie das nicht mehr getan. In den Kontrollhäuschen in dem übersichtlichen Flughafengebäude sitzen bärtige Männer in weiten Gewändern. "Wir haben gute Kontakte", sagt Angrés, "ich gehe nicht davon aus, dass wir lange warten müssen." Die bärtigen Männer winken die Kinder durch – die Erwachsenen, drei Ärzte und sieben Begleiter, werden skeptisch beäugt, aber auch sie dürfen problemlos passieren.

Nur wenige Frauen können lesen und schreiben

Kleine Busse stehen für die Gruppe bereit. Es geht über staubige, holprige, vom Müll gesäumte Straßen, vorbei an bettelnden Kindern und ausgebrannten Militärflugzeugen. Über der Stadt, die überzogen von feinem Wüstensand ist, hängt eine braune Dunstglocke. Für etwa eine Million Menschen wurde Kabul gebaut, heute leben dort mehr als vier Millionen. Nesar hockt etwas verloren auf dem Rücksitz, starrt aus dem Fenster. Er fragt nach Mama Christine.

Das Tor zum Steinhaus öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen hübsch angelegten Innenhof mit Garten: Tomaten und Sonnenblumen wachsen hier um die Wette. Die Mauern des Gebäudes sind mit gemusterten Kacheln verziert. Dutzende Kinder stehen Spalier, werfen Glitzer-Konfetti auf die Reisenden, die erschöpft aus den Bussen klettern. "Herzlich willkommen in Afghanistan", ruft es von allen Seiten. "Schön, dass ihr hier seid." Nesar lächelt ein wenig, er streckt seine Hände in die Luft, greift nach dem Konfettiregen.

Seit fast drei Jahren gibt es das Steinhaus, das der Verein in der Hauptstadt unterhält. "Wir wollten die Kinder nach ihrem Aufenthalt in Deutschland nicht einfach nur bei ihren Familien abgeben", sagt Angrés. In ein Umfeld, das von Krieg, bitterer Armut und Analphabetismus geprägt ist. "Wir denken auch an die Zeit danach", so der 50-Jährige. Lesen, Schreiben, Rechnen - Etwa 60 Kinder wohnen im Steinhaus und gehen zur Schule – auch Mädchen sind darunter. Denn: Nicht mal 20 Prozent der Frauen in Afghanistan können lesen und schreiben. Die Eltern der Kinder von einer Schulausbildung zu überzeugen, ist allerdings nicht immer leicht, erzählt Angrés. Viele Kinder tragen bereits große Verantwortung, sie müssen sich mit um den Lebensunterhalt ihrer Familien kümmern. Spielen, Freunde treffen, Ausflüge mit den Eltern machen, wie sie es in Deutschland noch vor ein paar Tagen erlebt haben - die Realität in Afghanistan ist anders.

Der Leiter des Steinhauses, Sadek, streckt den Kindern zur Begrüßung die linke Hand hin, seine rechte ist aus Plastik. Auch er ist ein Opfer des Krieges. Und wichtigster Kontaktmann des Vereins in Afghanistan. Sadik erfährt von schwer verletzten Kindern – aus dem ganzen Land, er redet mit den Eltern, die sich an die Hoffnung klammern, dass ihr Kind durch eine Operation in Deutschland eine zweite Chance auf Leben bekommt. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, das noch junge Netzwerk des Vereins spinnt Sadek fleißig mit. Mit seiner Frau, den drei erwachsenen Kindern und etwa zehn Angestellten hält er das Haus in Schuss, er wählt die Lehrer aus, kümmert sich um die Kinder. Viele von ihnen müssen noch weiter ärztlich behandelt werden. Ein Arzt und eine Krankenschwester schauen regelmäßig im Steinhaus vorbei.

Auch um die berufliche Zukunft der afghanischen Kinder macht sich der Verein, der im vergangenen Jahr für sein soziales Engagement einen Bambi bekommen hat, Gedanken. Wenn die Jungen und Mädchen, die meisten lernen Deutsch, erst einmal ihren Schulabschluss in der Tasche haben, so die Idee, sollen sie auch eine Lehre absolvieren können. Nur gibt es nicht mehr viele Firmen, in diesem vom Krieg gebeutelten Land. Die Heidelberger Druckmaschinen AG hat vor kurzem eine Vertretung in Kabul eröffnet. "Wir wollen aber erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt", sagt Volker Trapmann, der für das Marketing- und Koordinationswesen in Afghanistan zuständig ist. Gehe es weiter bergauf, so Trapmann, würden sie Jugendliche in kaufmännischen und technischen Berufen ausbilden. Ein Strohhalm für die Kinder aus dem Land am Hindukusch.

Frieden gibt es auch weiterhin nicht

In Afghanistan wird an vielen Fronten gekämpft. Die halbe Welt müht sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor sieben Jahren, diesem neuen Staat, der offiziell Islamische Republik Afghanistan heißt, eine bessere Zukunft zu bescheren. Viele Menschen in Kabul sagen, dass es richtig war, neben Geld auch Soldaten aus vielen Ländern zu schicken. "Wenn auch zehn Jahre zu spät", so N. Nazari, der für die Weltbank in Kabul tätig ist. Die Sicherheitslage habe sich - zumindest in Kabul - dadurch zwar deutlich verbessert, aber Frieden, den gebe es auch weiterhin nicht.

Ein Schrei dringt durchs Steinhaus. Die Oma der kleinen Roiena weint vor Glück. Hunderte Kilometer ist sie angereist, ihre sechs Jahre alte Enkeltochter abzuholen, und sie hatte gehofft, dass es ihr besser geht. Aber das, so die alte Frau und deutet auf Roienas Bein, hätte sie nicht für möglich gehalten. Roiena kann wieder gehen. Ihre Oma sitzt mitten im Gewühl von Eltern, die ihre Kinder nach Monaten der Trennung wieder in die Arme schließen, berührt immer wieder vorsichtig das rechte Bein ihrer Enkelin, bewegt es nach vorn, bewegt es nach hinten, dann blickt sie zu den deutschen Ärzten und nickt ihnen zu. Ihr Blick ist voller Dankbarkeit und Demut. Da kommt bei den Ärzten etwas Verlegenheit auf.

Doch mit dieser Dankbarkeit müssen sie umzugehen lernen. Sie ist auch in Deutschland zu spüren. Bei vielen Gasteltern zum Beispiel. "Den Kindern etwas mit auf den Weg zu geben, damit es ihnen und ihren Familien besser geht, das ist das, was wir Bürger tun können." Sabine Wolff, Gastmutter des 13 Jahre alten herzkranken Hasibullah, kann viele kleine Geschichten erzählen.

Geschichten, die demonstrieren, was die afghanischen Kinder in ihrer Zeit in Deutschland für sich entdeckt und prompt in ihre Familien transportiert haben. Da ist zum Beispiel die Familie in Kundus, deren Knirps einen Schwung Zahnbürsten mitbrachte, um ihr zu demonstrieren, wie wichtig Zähneputzen ist. Und da ist das kleine Mädchen aus einem Vorort der Hauptstadt, das seine Eltern davon überzeugen konnte, das es zur Schule gehen möchte, weil Menschen mit Bildung es leichter im Leben haben.

Kinder sind Keimzellen des Friedens

"Die Kinder haben gelernt, Dinge einzufordern", sagt Angrés. Dabei geht es indes nicht darum, die Autorität der Eltern zu untergraben. "Im Gegenteil, wir wollen dem Land Würde zurückgeben, die Menschen sollen merken, dass sie etwas schaffen können." Die neuen Perspektiven und das Wissen, die von den Kindern mitgebracht werden, können die ganze Familie bereichern. Irgendetwas, so Angrés, werde immer hängen bleiben – bei jedem Kind. "Man könnte auch sagen, sie sind die Keimzellen des Friedens." Langfristig gesehen will der Verein den Krankenhäusern und Ärzten in Afghanistan unter die Arme greifen. Die medizinische Versorgung soll vorangebracht, die Ärzte besser ausgebildet werden. "Dann können wir eines Tages die Luftbrücken vielleicht einstellen", so der 50-Jährige. Das Steinhaus, fügt er hinzu, soll vergrößert werden.

Es gibt viele kranke und schwer verletzte Kinder am Hindukusch. Doch nicht allen kann geholfen werden. Die nächsten Mädchen und Jungen, die im Herbst nach Deutschland gebracht werden sollen, haben die Ärzte schon ausgesucht. Bei vielen ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.

Natürlich gibt es auch Kritiker des Projekts. So gab es im vergangenen Jahr negative Schlagzeilen, weil der mittlerweile ausgeschiedene Vereinsvorsitzende Markus Dewender zwei falsche Doktortitel führte. Um den kritischen Stimmen entgegenzuwirken, will Angrés für noch mehr Transparenz sorgen und verstärkt auf Profis setzen. So sollen zum Beispiel in Zukunft Sozialpädagogen und das Jugendamt miteinbezogen werden. "Wir haben eine riesige Verantwortung. Der Tatsache sind wir uns bewusst", so Angrés.

Nesar sitzt auf seinem großen Koffer. Seine Eltern sind noch nicht im Steinhaus eingetroffen. Sie haben einen mehrtägigen Ritt mit dem Esel zurückzulegen, das kann dauern. Im Steinhaus wird Nesar versorgt, dort kann er erst einmal bleiben. Viele Kinder wurden bereits abgeholt. Ein Junge, der ohne die Herz-Operation in Deutschland nicht mehr am Leben wäre, sagt zum Abschied: "Ich bin ganz glücklich. Ich darf jetzt weiterleben." Mehrafza wird von ihrer Mutter abgeholt. Ihre beiden Welten scheinen für einen kurzen Augenblick vereint. Die Menschen, die in ihrem noch jungen Leben eine ganz besondere Rolle spielen, sitzen links und rechts von ihr.

Da ist Mansab, ihre Mutter, die sich gerade aus einer blauen Burka, einem Ganzkörperschleier, schält. Eine hübsche Frau dahinter, mit ausdrucksvollen, blauen Augen. Und da ist Jens Untiedt, ein großer Mann mit weißem Haarschopf, der sich zusammen mit seiner Frau um die Fünfjährige in Deutschland gekümmert hat, neun Monate lang. Die Kleine hockt, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz geknotet, im pinkfarbenen T-Shirt und kurzem Jeansrock auf dem Schoß ihrer Mutter. Ihr rechtes Bein ist gesund. Am linken trägt sie eine raffinierte Prothese.

Mit Hilfe der Hände Treppen gestiegen

Mehrafzas linkes Bein ist nur halb so lang wie ihr gesundes. "Als Säugling fand man sie so, vermutlich war es ein Unfall", erzählt Untied, bis Ende Juni Oberarzt des Hamburger Albertinen-Krankenhauses. In Deutschland wurde ein Stück künstlicher Knochen eingesetzt, das Tragen der Prothese hilft nicht nur beim Gehen, sondern auch, den Aufbau des Knochens anzuregen.

Früher, so Untiedt, überwand das Mädchen Treppen mit Hilfe der Hände. Heute kann Mehrafza gehen und Rad fahren. Auch ansonsten hat die Kleine einiges auf dem Kasten: "Sie ist über alle Maße intelligent, obwohl sie nie in der Schule war, kann sie rechnen und schreiben", erzählt Untiedt, während er ihr den mitgebrachten MP3-Player einstellt. Mehrafza grinst, stopft der Mutter einen der zwei Stöpsel ins Ohr, und drückt auf Play. Mansab juchzt vor Vergnügen, als die Musik erklingt.

In ein paar Minuten wird Jens Untiedt Abschied nehmen müssen von der kleinen Mehrafza. "Wir haben uns das von Anfang an bewusst gemacht, dass die Trennung kommen wird", sagt er. Er weiß auch, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein wird: "Den Kindern eine Zukunft in Deutschland zu versprechen, das ist nicht der richtige Weg - und das ist nicht die Realität." Die Jungen und Mädchen aus Afghanistan müssen etwas in ihrem eigenen Land bewegen.

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