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Nach AKW-Prüfung: Katerstimmung bei den Atomfreunden

Die Atombranche trifft sich zu ihrer Jahrestagung in Berlin. Die Stimmung ist gedämpft. Man weiß, viel Zukunft hat die Kernenergie in Deutschland nicht mehr. Nun soll das Heil im Ausland gesucht werden. Enttäuscht ist man, dass die Politik die Kontaktdrähte kappt.

Atomkraft ist Männersache. Bei der Jahrestagung Kerntechnik im Kongresszentrum am Berliner Alexanderplatz fachsimpeln vor allem Männer in grauen und dunklen Anzügen - viele jenseits der 50. Sie kennen noch bessere Zeiten für Kernenergie in Deutschland, in den 70er und 80er Jahren erlebten sie einen AKW-Bauboom mit. Ein Grund für die Männerdominanz: Aus Strahlenschutzgründen wurden für Frauen oft strengere Kriterien verfügt, was ihren Zugang limitierte.

Draußen sichert ein Dutzend Mannschaftswagen der Polizei das Kongresszentrum gegen Demonstranten ab, die den Atomfreunden ein "Haut ab" zuschreien. Drinnen sticht aus der Masse Uta Naumann mit ihrer blonden Mähne heraus. Die 42 Jahre alte Mutter von zwei Kindern ist eine von nur zwei weiblichen Ingenieuren im Kernkraftwerk Krümmel.

Fast tagtäglich muss sie lesen, dass ihr Arbeitsplatz ein Pannenmeiler ist. Naumann will zeigen, dass Krümmel besser als der Ruf ist. Doch ob es dazu noch die Chance gibt, ist höchst fraglich. "Natürlich machen wir uns Gedanken, wie es mit unserer Anlage weitergeht", sagt Naumann. "Wir gehen davon aus, dass unser Fachwissen auch in Zukunft gebraucht wird", hofft sie.

Kurz nach der Katastrophe in Fukushima hatte Naumann Geburtstag, es war ein getrübtes Fest. "Es geht so", sagt sie heute zu ihrem Gemütszustand. Tausende AKW-Mitarbeiter fürchten dieser Tage um ihre Jobs, nach dem Bericht der Reaktorsicherheitskommission und der Interpretation des Reports durch Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) könnten die sieben ältesten Anlagen wegen mangelhaftem Schutz gegen Flugzeugabstürze vor dem Aus stehen. Zusätzlich getrübt wird die Stimmung weiterhin durch die Nachrichten aus Fukushima.

165 Fragen mussten Naumann und die 330 Krümmel-Mitarbeiter in den letzten Wochen für den AKW-Check beantworten. Klar ist: Viele der AKW-Mitarbeiter werden noch gebraucht, wenn der jahrelange Rückbau der Anlagen beginnt. Bei der Jahrestagung wird auch eine Exkursion nach Rheinsberg angeboten, in dem brandenburgischen Ort produzierte das erste AKW der DDR von 1966 bis 1990 Strom, nun kann hier der Rückbau studiert werden. So kritisch die Atomenergie von vielen Bürgern gesehen wird, das Beispiel Naumanns verdeutlicht, dass hinter Begriffen wie AKW oder Pannenmeiler auch Menschen stehen.

"Man redet nur über, aber nicht mit uns", ist Enttäuschung darüber zu hören, dass die Bundesregierung auch bei der Kommunikation mit den Betreibern im Vergleich zum Herbst eine totale Kehrtwende vollzogen hat. Kaum jemand will seinen Namen nennen, um nicht zu provozieren, es wird von "Willkür der Politik" und "Panikreaktionen" gesprochen. "Warum wartete die Bundesregierung nicht ab, bis man gemeinsam alle Kernkraftwerke auf EU-Ebene überprüft hat", wird gefragt.

Die Euphorie nach der Laufzeitverlängerung im Herbst, als manche von AKW-Neubauten in Deutschland träumten, ist großer Ernüchterung gewichen. Die Tagung wirkt nicht nur wegen des Polizeischutzes und Sicherheitschleusen wie am Flughafen wie eine Parallelwelt. Auch die Überzeugung von der Beherrschbarkeit der Technik in Deutschland hebt sich ab vom neuen Mainstream.

Etwas entfernt von Naumann fachsimpelt der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, mit Teilnehmern der Jahrestagung, die vom Atomforum und der Kerntechnischen Gesellschaft organisiert wird. Er sieht nach dem RSK-Bericht einen Handlungsspielraum, weil bei keinem AKW das Aus empfohlen wurde. "Es gibt deutliche Sicherheitsreserven", sagt Güldner. Man sei gesprächsbereit, betont der Eon-Vorstand.

Bei der Tagung, wo wegen des anstehenden Atomausstiegs alle politischen Programmpunkte wie eine Rede von FDP-Gebneralsekretär Christian Lindner gestrichen wurden, wird vor allem der GAU von Fukushima analysiert. Das Fazit: So etwas wäre in Deutschland nicht möglich. "Wir müssen uns mit unseren Anlagen nicht verstecken", sagt Güldner. Viele hier hoffen, dass der Ausstieg nicht vor 2025 kommt.

Während Aussteller neue Leichtwasserreaktoren erläutern, wird auf der Tagung verstärkt auf Chancen im Ausland angespielt. Es passt ins Bild, das just zum Tagungsauftakt und passend zum Bericht der Reaktorprüfer der Essener Energiekonzern RWE die Einigung über eine Beteiligung an einem AKW-Bau in den Niederlanden verkündete.

Zwei Eon-Manager verweisen darauf, dass der Konzern bis 2015 ein Viertel seines Geschäftes im außereuropäischen Ausland machen will. Beide werfen der Politik eine gewisse Blauäugigkeit vor. Wo wolle denn etwa Bayern mit einem Atomkraft-Anteil von über 50 Prozent so schnell neue Gas- oder Kohlekraftwerke herbekommen, fragen sie.

Georg Ismar, DPA / DPA