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Kardinal Woelki: Caritas et furor: Wir brauchen eine Ökologie der sozialen Medien

Die große Errungenschaft des Internets enttäuscht. Wut und Hass haben die Oberhand über Meinungsfreiheit und Transparenz gewonnen. Medien, Politik, Justiz und Kirche sind aufgerufen, gegen Hetzer vorzugehen.

Stern-Stimme Kardinal Woelki - Vor Pegida-Kulisse - Hetzer, Ihr seid nicht die Mehrheit!

Das Internet als Errungenschaft hat enttäuscht. Es gibt Hetzern Raum und Bestätigung. Dagegen müssen Medien, Justiz, Politik und Kirche vorgehen, fordert Kardinal Woelki.

Mit hohen Erwartungen sind wir ins Zeitalter der Internetkommunikation gestartet: auf mehr Informationsmöglichkeiten, Meinungsfreiheit und Partizipation hoffend, auf mehr Kontrolle von Medienmacht, indem mündige Bürger "Gegenöffentlichkeiten" schaffen; auf mehr Chancen für Minderheiten; auf mehr Transparenz und Austausch von Ideen und Gütern über Grenzen hinweg.

Inzwischen macht sich nicht nur bei notorischen Kulturpessimisten Ernüchterung breit: Die "digitale Spaltung" trennt die Gesellschaft in "souveräne Nutzer", "Randnutzer" und "Ausgeschlossene", solche mit und ohne Internetzugang am Arbeitsplatz, Zeit-Reiche und Zeit-Arme. Nur jeder Zehnte nutzt das Netz in der ganzen Breite seiner Möglichkeiten, weniger als die Hälfte interessiert sich online für Nachrichten, die Politik findet nur in einer kleinen Nische statt. Das Internet ist ein Eldorado für fanatische Glaubenskrieger und sadistische Trolls, insbesondere bei den sogenannten "toxischen Themen": Migration und , Islam und Rechtspopulismus, Feminismus und Sexismus, Klimaschutz und Impfen, Russland, USA und Israel.

"Echoräume" verstärken Narzissmus, Wut und Hass

Fehlen Journalisten, die auf berufsethische Standards verpflichtet sind und als "Schleusenwärter" der Informations- und Meinungsschwemme dienen, stehen Wahrheit und Lüge, rationale Kritik und pseudorationales Ressentiment für viele ununterscheidbar nebeneinander. Dialogtiefe und Demut vor den Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit gehen verloren.

In den Selbstbestätigungszirkeln der "Filterblasen" des Netzes jazzen sich Gleichgesinnte gegenseitig hoch. Die "Echoräume" verstärken Narzissmus, Selbstmitleid, Wut und Hass gegen vermeintliche gemeinsame Feinde, Verschwörungstheorien wuchern. Man gefällt sich in der Gewissheit, Teil einer den wahren "Volkswillen" repräsentierenden Bewegung zu sein – gegen die "Volksverräter" in den politischen Eliten und die "Lügenpresse".

Internet erleichtert Radikalisierung manipulierbarer Menschen

Das Internet ist zwar eine große , es schafft aber keinen gemeinsamen Argumentationsraum, sondern forciert die Desintegration unserer ohnehin individualistisch ausgerichteten Gesellschaft. Und es erleichtert die Radikalisierung von manipulierbaren Menschen.

Wir sollten uns deshalb dringend Gedanken nicht nur über eine Ökologie der Natur und eine „Ökologie des Menschen“ machen, wie sie Papst Benedikt XVI. 2011 in seiner Rede im Reichstag vorschlug, sondern auch über eine „Ökologie der sozialen Kommunikation“.

Wo sind Politiker, die sich nicht zum Hanswurst machen?

Man wünschte sich manchmal Politiker, die sich nicht zum Hanswurst mit Verständnis für jedermann machen lassen und dem Volk auch kritisch entgegenzutreten bereit sind. Die den Menschen "aufs Maul schauen", ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Die Lügner und Hetzer in der angemessenen Schärfe zurechtweisen. Unchristlich ist das nicht. Jesus hat Heuchler "Heuchler" und "getünchte Gräber" geschimpft und perfide Fallensteller "Schlangenbrut".

Wir brauchen auch eine Gesetzgebung und Justiz, die Hass-Exzesse im Netz unterbindet. Staatsanwaltschaften müssen digitale Angriffe und Mordaufrufe konsequent verfolgen und mit den dafür nötigen Ermittlungskapazitäten ausgestattet werden. Zur Prävention gehören die Stärkung der Mediennutzungskompetenz und der Charakter- und Herzensbildung in Familie und Schule. Auch die kirchliche Jugend- und Bildungsarbeit wird ihren Beitrag leisten. In den sozialen Netzwerken und Kommentar-Spalten von Online-Portalen kann jeder seine Verantwortung wahrnehmen. Fanatiker wird man zwar nicht überzeugen können; aber denken Sie an die vielen, vielleicht unsicheren Mitlesenden, die durch Ihren Widerspruch gewarnt, sensibilisiert oder bestärkt werden. Fragen sie Agitatoren nach Belegen und Quellen, nehmen Sie Opfer von Hasstiraden in Schutz und machen sie den Hetzern klar: "Ihr seid nicht die Mehrheit!"

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