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Urheber des Saringas-Anschlags: Shoko Asahara wartet seit 20 Jahren auf seine Todesstrafe

Vor 20 Jahren setzten Sekten-Jünger in einer U-Bahn in Tokio Saringas frei. Ihr Guru, Shoko Asahara, wartet seitdem auf seine Hinrichtung - Einfluss übt er dennoch weiter aus.

Ist bis heute in den Köpfen der Japaner präsent: Sekten-Guru Shoko Asahara

Ist bis heute in den Köpfen der Japaner präsent: Sekten-Guru Shoko Asahara

Seine devoten Jünger durften sein schmutziges Badewasser und Tropfen seines Bluts trinken. Nur er, der Guru, habe die völlige Reinheit und Macht innegehabt. Getrieben vom Wahn, so heißt es, die Welt mit Gewalt "erlösen" zu können, ließ Shoko Asahara im März 1995 seine Jünger losschlagen. Unter Tokios Regierungsviertel setzten Mitglieder seiner Endzeit-Sekte Aum Shinrikyo in U-Bahnwagen Saringas frei und brachten damit 13 Menschen um, Tausende wurden verletzt.

Als Einsatztrupps aus Militär und Polizei den halbblinden Sektengründer zwei Monate später, am 16. Mai 1995, in einem dunklen Versteck fanden, bot sich den Beamten ein jämmerliches Bild. Vor ihnen lag bäuchlings im Dreck ein Mann mit zerzausten Haaren, der einst als erfolgreicher religiöser Führer Tausende zum Teil hochgebildete Menschen mit seinen Lehren in den Bann gezogen hatte.

Warten auf die Hinrichtung

"Dieser schäbige Mann soll Asahara sein?", zeigte sich einer der Beamten, der den Einsatz gegen den Guru damals geleitet hatte, überrascht. Der Guru, der einst auch Intellektuelle des Landes beeindruckt hatte und wiederholt Gast in Fernseh-Talkshows war, hatte sich nach dem Giftgasanschlag und anderen Verbrechen in einer drei Meter langen und 50 Zentimeter niedrigen Geheimkammer zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk seines Stützpunktes in der japanischen Provinz Yamanashi vor dem Zugriff der Staatsgewalt versteckt.

Seither ranken sich um den Sektenführer, der mit bürgerlichem Namen Chizuo Matsumoto heißt, unzählige Gerüchte. Niemand weiß bis heute genau, was den Guru mit dem Rübezahlbart zu seinen Verbrechen veranlasst hatte.

Auch sein als Jahrhundert-Prozess bezeichnetes Gerichtsverfahren, an dessen Ende Asahara zum Tode verurteilt wurde, hatte keine großen Erkenntnisse über den Mann und seine Motive erbracht. Während des gesamten Prozesses hatte Asahara selbst geschwiegen oder nur Unverständliches vor sich hin gemurmelt. Seither wartet der inzwischen 60-Jährige auf die Hinrichtung am Galgen.

Eine charismatische Vaterfigur

Von Geburt an auf einem Auge blind und auf dem anderen sehbehindert war Asahara als Sohn eines Herstellers von Tatami-Matten in bitterarmen Verhältnissen als eines von sieben Kindern in einem Dorf im Süden Japans aufgewachsen. Obwohl er ausreichend sehen konnte, schickte ihn sein Vater aus finanziellen Gründen zu einer Blindenschule. Später bewarb sich Asahara an der Elite-Universität von Tokio, fiel jedoch durch die Aufnahmeprüfung. Stattdessen wandte er sich dem Studium der Akupunktur und der traditionellen chinesischen Medizin zu.

Er gründete eine Yogaschule, aus der die Sekte Aum Shinrikyo hervorging. Asahara nutzte das spirituelle Vakuum, das nach den wirtschaftlichen Boom-Jahren in Japan entstanden war und die junge Generation zu neuen Religionen wie Aum trieb. Tausende junger Menschen sahen in Asahara eine charismatische Vaterfigur, von der sie sich verstanden fühlten und die ihnen eine Alternative bot, um aus den Zwängen der Gesellschaft auszubrechen.

Aber Asahara wollte mehr. Mit dem politischen Arm seiner Sekte kandidierte er Ende der 80er Jahre für das japanische Parlament, scheiterte jedoch kläglich. Die Sekte soll daraufhin in finanzielle Probleme geraten sein. Aum müsse sich bewaffnen, um die Apokalypse zu überleben, meinte Asahara. Vom Staat als religiöse Organisation anerkannt, nutzte die Sekte ihre Steuerfreiheit aus, heuerte fähige junge Wissenschaftler der besten Universitäten an und ließ am Fuße des Berges Fuji ein ganzes Arsenal biochemischer Waffen produzieren.

Mit dem Saringas-Attentat in Tokio soll die Sekte versucht haben, eine geplante Razzia der Polizei gegen ihr Hauptquartier am Fuji zu verhindern.

Nachfolgegruppen werden scharf überwacht

Der Anschlag wurde für Japan zu einem gesellschaftlichen Trauma. Er zerstörte die Überzeugung der Japaner, in einem Sicherheitsparadies zu leben. Der Polizei war damals vorgeworfen worden, nicht schon viel früher gegen Asahara vorgegangen zu sein.

Sein Leben in Armut, seine Kindheitserfahrungen und sein wiederholtes Scheitern führen Experten als Gründe an, dass Asahara möglicherweise Rachegefühle gegenüber der Gesellschaft und zugleich Machtgier hegte. Doch statt die Hintergründe der gesellschaftlichen Katastrophe tiefgehend zu analysieren, seien Asahara und seine Jünger nur zu unmenschlichen - und damit nicht japanischen - Monstern gemacht worden, beklagte einer der Überlebenden des Saringas-Anschlages.

"Die Gräueltaten sind nur das Endprodukt", sagte ein früherer Anwalt Asaharas. Statt Asahara zu hängen, sei es wichtiger zu untersuchen, was zu den Verbrechen geführt habe und in welchem sozialen Kontext sie geschahen. Noch heute leiden viele Opfer des Anschlags unter den psychischen, physischen und finanziellen Folgen. Die beiden aus Aum hervorgegangenen Nachfolgegruppen "Aleph" und "Hikari no Wa" zählen heute 1650 Anhänger. Sie werden scharf überwacht. Die Gruppen stehen nach Ansicht des Staates weiter unter starkem Einfluss von Asahara, obwohl er seit 20 Jahre hinter Gittern sitzt.

Lars Nicolaysen/DPA / DPA