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Schweinfurter Abi-Jahrgang fällt durch: Schulleiter rechnete mit dem Scheitern

Ein kompletter Jahrgang ist an einer Schweinfurter Privatschule durch das schriftliche Abi gefallen. Dem Schulleiter schwante schon im Vorfeld nichts Gutes. Jetzt überprüft das Ministerium die Schule.

Die "Mainpost" gratuliert - den 94 Abiturienten am Franken-Landschulheim Schloss Gaibach, den 119 Schülern am Wiesentheider Gymnasium, den 139 glücklichen Schulabgängern des Rhön-Gymnasiums in Bad Neustadt. Auf den Bildern halten Teenager in Ballkleidern und Anzügen ihre Zeugnisse in den Händen, blicken stolz in die Kameras. Nur an einer Schule in der Region ist niemandem nach feiern zu Mute. An der Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt (EPFOS) sind sämtliche Schüler des Abi-Jahrgangs durch die schriftliche Prüfung gefallen. 27 Schüler - in allen drei Fächern.

Von 15 möglichen Punkten in Mathe, Technik und BWL haben alle Schüler zwischen 0,3 und 0,8 Punkten erreicht. In Deutsch, Englisch und Sozialkunde sollen die Schüler deutlich besser abgeschnitten haben. Noch haben sieben Schüler die Chance, durch ihre heutigen mündlichen Prüfungen das Ruder rumzureißen. Doch schon jetzt haben die Schüler eine Anwältin engagiert, eine Klage gegen die Schulleitung steht im Raum.

Jetzt kommt die Schulaufsicht

Die Abi-Prüfungen in Bayern sehen an jeder Schule gleich aus. Aufgaben - aber auch der Lehrplan - werden vom Kultusministerium vorgegeben. Offenbar waren die Schüler der privaten Fachoberschule mit den Aufgaben komplett überfordert. "Wir übernehmen eine Teilverantwortung. Irgendwas muss von unserer Seite falsch gelaufen sein", sagte Geschäftsführer Michael Schwarz der "Bild"-Zeitung. Weitere Kommentare möchte die Schulleitung nicht abgeben - mit Hinweis auf die noch laufenden Prüfungen. Der "Mainpost" hatte Schwarz zuvor gesagt, dass er die Verantwortung für die Situation übernehme. Er hätte es demnach verstanden, wenn "acht, neun, zehn oder sogar die Hälfte" gescheitert wären, aber mit diesem Debakel sei nicht zu rechnen gewesen.

Am Dienstag steht ein Treffen mit Vertretern des bayerischen Kultusministeriums an. Ein Experte wird die Situation an der Privatschule überprüfen. Es sei offensichtlich, dass die Schüler nicht aus eigenem Verschulden durchgefallen sind, sagte ein Sprecher des Ministeriums. "Es ist von einer schlechten Vorbereitung auszugehen." Am Ende einer umfangreichen Analyse der Situation an der privaten Fachoberschule in Schweinfurt könnte gar die Genehmigung für die Schule aberkannt werden.

Per Klage zum Abi

140 Euro kostet der Schulbesuch monatlich, plus eine Aufnahmegebühr. Neben dem Unterricht wird in der 11. Klasse auch ein Praktikum absolviert. Die Schule wirbt für sich mit einem "menschlichen Schulklima, frei von Angst und Überforderung". Die Schüler sollen nach der 12. Klasse an eine Fachhochschule oder aber an eine Berufsfachschule gehen können. Staatlich genehmigt ist die Schule, aber nicht anerkannt. Den Status "staatlich anerkannt" erlangt eine Schule erst, nachdem zwei Drittel der Schüler aus zwei Jahrgängen ihre Abschlüsse erfolgreich gemacht haben. Bis dahin müssen die Schüler an einer staatlichen Schule ihre Prüfungen schreiben - und somit zählen ihre Vornoten nicht, sondern nur die Abiturprüfungen. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied, der den Schülern angeblich erst im Abiturjahr bekannt gemacht wurde.

Die Fachoberschule wurde erst vor zwei Jahren gegründet. Es wären also die ersten Absolventen gewesen, die dieser Tage stolz ihre Fachoberschulreife hätten erhalten sollen. Stattdessen haben Schüler und Eltern eine Anwältin engagiert.

Patricia Fuchs-Politzki wirft der Schule vor, dass veraltetes Lehrmaterial benutzt worden ist. "Das nötige Wissen ist nicht vermittelt worden." Sie soll sich nun zwischen Schule, Ministerium und Schüler schalten und nach einer Lösung suchen. Eine Klage auf Schadenersatz schließt die Anwältin jedoch nicht aus.

Weiter zur staatlichen Schule

Bislang reagierte das Ministerium flexibel. Nachdem das miserable Ergebnis in der vergangenen Woche bekannt geworden war, erklärte es, dass die 27 Schüler auf eine staatliche Schule wechseln können. Allerdings müssen sie zunächst eine Prüfung absolvieren, damit der Wissensstand der Schüler eingestuft werden kann. Und offensichtlich schätzt das Ministerium den nicht allzu hoch ein: Die Schulen sind angehalten, großzügig zu verfahren. Dennoch könnte es sein, dass die Schüler nicht nur die 12., sondern auch die 11. Klasse wiederholen müssen.

Und die Schule muss damit rechnen, dass das Ministerium jetzt ein genaueres Auge auf sie wirft. Was normalerweise nicht der Fall ist. "Auf private Schulen haben wir fast keinen Einfluss", sagt ein Ministeriumssprecher. Nahezu jeder, der ein pädagogisches Konzept, eine Finanzierung, eine Infrastruktur und Lehrkräfte vorweisen kann, könnte eine Schule eröffnen. Die Lehrer müssen kein zweites Staatsexamen haben. Es reicht eine Unterrichtsgenehmigung. Über die Qualität des Unterrichts und der Schule sagt das zumeist nicht aus. Zumal der Träger der Schweinfurter Schule auch noch eine Wirtschaftsschule und eine private Realschule führt - bislang ohne Auffälligkeiten. Daher kommen die Probleme jetzt für das Ministerium überraschend. "Wenn die Prüfungen abgeschlossen sind, werden wir den Fall eingehend überprüfen."

swd mit Agenturen