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50 Jahre Tate-Morde: Als die Manson-Family den Hippietraum mit 102 Messerstichen zerfetzte

Vor 50 Jahren zerstörte die Hippie-Sekte um Charles Manson den Traum von Flower Power, Love And Peace auf bestialische Weise. Von dem Blutbad und seinem Drahtzieher geht bis heute eine makabre Faszination aus. 


Charles Manson im Dezember 1969

Charles Manson im Dezember 1969 vor einer Gerichtsanhörung. Obwohl er an den Morden seiner "Family" im August nicht aktiv mitwirkte wurde er als Drahtzieher zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Der schmale Cielo Drive schlängelt sich steil durch die Hügel über dem Luxusviertel Beverly Hills. Die Villengegend mit Palmen und Schluchten bietet einen grandiosen Ausblick über Los Angeles. Cielo Drive zählt aber auch zu den berüchtigsten Adressen der Filmmetropole: In der Nacht zum 9. August 1969, auf den Tag genau vor 50 Jahren, wurden hier die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, drei Freunde der Ehefrau von Regisseur Roman Polanski, sowie ein Student von Mitgliedern der Hippiekommune "Manson Family" brutal ermordet. 

"Hier stellten sie ihren 1959er Ford ab, liefen die steile Straße hoch und schnitten die Telefonleitungen durch", erzählt der Tour-Veranstalter Scott Michaels am Steuer seines Kleinbusses auf der "Helter Skelter"-Tour. Fast vier Stunden dauert die Fahrt zu den Tatorten einer der schlimmsten Mordserien in den USA, auf den Spuren des Sektenführers Charles Manson und seiner jungen Anhänger, die im Sommer 1969 Angst und Schreck verbreiteten. Bei zwei nächtlichen Attacken starben damals insgesamt sieben Menschen. Auf die fünf Opfer in der Polanski-Villa hatten die Hippie-Mörder laut Autopsiebericht 102-mal eingestochen.

Riesenandrang auf die "Helter Skelter"-Tour

Seit 13 Jahren leitet Michaels die "Helter Skelter"-Tour. Seine Arme sind mit Tätowierungen übersät, in bunten Farben ist auch die Zahl 1969 zu sehen. Mit dem runden Jahrestag sei das Interesse noch angestiegen, erzählt der 56-Jährige, der sich schon lange für die dunkle Seite von Los Angeles begeistert. "Dieser Fall hat alles: Monster und Moviestars, es war reiner Terror. Die Menschen hatten Angst, sich abends ins Bett zu legen." 

"Die Vorstellung, dass Manson junge Leute derart manipulieren und zum Töten anstiften konnte, ist so tragisch und traurig", meint Deborah Stauder. Sie habe einmal die Schauplätze des Grauens mit eigenen Augen sehen wollen, erzählt die 51-jährige Amerikanerin. Trotz großer Flugangst sei sie für die "Helter Skelter"-Tour eigens von der Ostküste nach Kalifornien gereist, sagt die zweifache Mutter. "Ich habe mir immer gewünscht, dass Sharon Tate und ihre Freunde den Mördern entkommen wären."

Tatort der Sharon Tate Morde - Wohnzimmer in 10050 Ciela Drive in Hollywood

Blutverschmierte Couch, blutgetränkter Teppich: Das Wohnzimmer des Hauses 10050 Cielo Drive oberhalb von Los Angeles am Tag nach der Tat. Hier starben Jay Sebring und Sharon Tate.

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Kein grausames Detail wird ausgespart

Die Tour ist nur für Erwachsene, keine grausamen Details werden ausgespart. Die Mörder kommen selbst zu Wort. Michaels spielt Tonaufnahmen von Interviews und Prozessmitschnitten vor. Tate habe sie verzweifelt angefleht, dass ihr Baby am Leben bleiben dürfe, hört man die verurteilte Susan Atkins, damals auch unter dem Alias "Sadie Mae Glutz" bekannt, mit leiser Stimme sagen. Atkins hielt Tate fest während Komplize Tex Watson auf die Schwangere einstach. Im Todeskampf habe Sharon Tate nach ihrer Mutter gerufen, berichtet Atkins später einmal. Sie habe auch ihr Blut geschmeckt, warm und klebrig. Mit dem Blut der Toten schrieb sie schließlich "Pig" an die Wand.

Das hübsche Model Tate stand am Anfang ihrer Karriere. Die 26-Jährige mit den langen blonden Haaren hatte in Filmen wie "Die schwarze 13" und "Die nackten Tatsachen" mitgespielt, als Roman Polanski sie für die Gruselkomödie "Tanz der Vampire" vor die Kamera holte. Im Januar 1968 heiratete der Regisseur in London den jungen Star. Ein Jahr später mieteten sie das Ranch-Haus am Cielo Drive.

Zuvor hatte dort der Musikproduzent Terry Melcher gewohnt, bei dem Charles Manson vergeblich versucht hatte, als Sänger und Komponist eine Platte aufzunehmen. Vermittelt worden war der nur 1,57 Meter große Ex-Häftling mit dem speziellen Charisma von Denis Wilson von den Beach Boys, bei dem sich Manson und Co. eingenistet hatten, nachdem Wilson zufällig zwei Frauen aus der "Family" als Anhalterinnen mitgenommen hatte. Mansons Musik war jedoch wenig inspiriert und weil ihnen der Typ angeblich zu aufdringlich und zu unheimlich wurde, wechselten Wilson und Melcher Hals über Kopf ihre Wohnungen. Bis heute ist daher unklar, ob nicht eigentlich Melcher das Opfer des entfesselten Mordkommandos der "Family" werden sollte.

Manson-Jünger folgten Guru wie "hirnlose Roboter"

Polanski war zu Dreharbeiten in London, als in der Tatnacht drei Frauen, neben Susan Atkins auch Patricia Krenwinkel und Linda Kasabian sowie Tex Watson mit Bajonetten, Pistolen und Messern in die Villa eindrangen. Die im achten Monat schwangere Tate hatte an diesem Abend Besuch von ihrem Ex-Freund, Starfriseur Jay Sebring. Grausam verstümmelt und mit einer Schnur um den Hals wurde die Schauspielerin am nächsten Morgen neben Sebrings Leiche gefunden. Auch die Kaffeefirma-Erbin Abigail Folger und ihr polnischer Freund waren bestialisch umgebracht worden. Mit dem Satz "Ich bin der Teufel und ich bin hier, um das Werk des Teufels zu verrichten", hatte Watson zuvor allen Opfern klar gemacht, dass sie diese Nacht nicht überleben würden.

In der nächsten Nacht folgte gleich die nächste Bluttat. Die Manson-Gang metzelte die Geschäftsleute Leno und Rosemary La Bianca nieder, nachdem Charles Manson ihnen kurz zuvor versichert hatte, ihnen werde nichts geschehen. Kaum hatte der Guru das Haus verlassen, stachen Atkins, Watson und Leslie van Houten, die bei den Tate-Morden nicht dabei war, auf das Ehepaar ein. Leno La Bianca ritzten sie im neuerlichen Blutrausch das Wort "War" (Krieg) auf den Bauch, steckten ihm zusätzlich ein Tranchiermesser in den Bauch und eine Gabel in die Kehle. Die Täter schrieben mit Blut "Death to the Pigs" (Tod den Schweinen) und "Rise" (Erhebt euch) an die Wände. Auf dem Kühlschrank fanden die Ermittler, ebenfalls in blutigen Lettern, die Worte "Healter Skelter" – der Titel des Beatles-Songs ("Helter Skelter"), falsch geschrieben. Im Anschluss an das Massaker aßen die Mörder, spielten mit den Hunden des ermordeten Ehepaares und duschten, ehe sie den Tatort verließen.

Drei Monate lang lebte die Stadt der Engel in Angst, bis Manson und vier junge Mitglieder seiner Hippie-Sekte verhaftet wurden. Während des neunmonatigen Prozesses behauptete Manson, selbst nie getötet zu haben. Tatsächlich war er bei den Bluttaten nicht dabei, doch Staatsanwalt Vincent Bugliosi stellte ihn als Monster und Drahtzieher dar, dem die jungen Anhänger wie "hirnlose Roboter" gefolgt seien, von Drogen und seiner Ideologie abhängig.

Roman Polanski und Sharon Tate

Sharon Tate und ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman Polanski: Zum Zeitpunkt ihrer Ermordung war Tate 26 Jahre alt und im achten Monat schwanger.

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Charles Manson: Kult aus Bibel- und Beatles-Zitaten

Mansons okkulte Botschaften bestanden aus Bibel- und Beatles-Zitaten. Mit den Morden wollte er einen Rassenkrieg zwischen Schwarzen und Weißen anstiften, um am Ende selbst als Anführer aufzutrumpfen. "Helter Skelter" (auf Deutsche etwa: Hals über Kopf) diente ihm als Titel seiner Ideologie; der Song findet sich auf dem 1968 erschienenen White Album der Beatles. Manson ließ sich als Satan oder Jesus verehren und schickte blutjunge Mädchen seiner Sekte, die zeitweise mehr als 100 Mitglieder zählte, zum Anschaffen und schließlich zu den Morden aus.

1971 wurde Manson wegen Anstiftung zu den Bluttaten zum Tode verurteilt, was später in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Öffentlich zeigte er nie Reue. Nach fast fünf Jahrzehnten hinter Gittern starb er 2017 mit 83 Jahren. Tex Watson, 73, Patricia Krenwinkel, 71, und Leslie van Houten, 69, haben ihre Taten wiederholt bedauert. Sie sitzen eine lebenslange Strafe ab. Susan Atkins stellte 13 Gnadengesuche, bevor sie 2009 mit 61 Jahren im Gefängnis an Krebs starb.

Das von Tate und Polanski angemietete Haus am Cielo Drive wurde 1994 abgerissen und durch eine größere Villa ersetzt, die Hausnummer in 10066 abgeändert. Heute wohnt dort ein TV-Produzent, wie Michaels auf der "Helter Skelter"-Tour erzählt.

+++ Sehen Sie hier CBS-News vom 9. August 1969: +++

"Er hatte soviel Macht über Menschen"

Die 28-jährige Lauren Kershner lauscht gespannt jedes Wort des Tour-Veranstalters. Schon als junges Mädchen habe sie alles über den Manson-Kult erfahren wollen, sagt die Musikerin aus dem Nachbarstaat Oregon. Sie hat dunkel geschminkte Augen und trägt ein schwarzes Shirt mit einem Manson-Abbild und der Aufschrift "Helter Skelter". "Er hatte so viel Macht über Menschen", sagt die junge Frau. "Würde Sharon Tate heute noch leben, wäre sie vielleicht gar nicht so berühmt geworden. Das ist irgendwie traurig", sinniert die Amerikanerin.

Michaels, der eine Dokumentation über die Manson-Morde drehte, wirkte zuletzt als Berater an Quentin Tarantinos Film "Once upon a time... in Hollywood" mit. Margot Robbie spielt Sharon Tate, Leonardo DiCaprio einen abgehalfterten Westernstar, Brad Pitt dessen Stuntdouble und Freund: "Der Fall war immer schon berüchtigt, aber nun wird eine junge Generation Tarantinos Werk sehen, der damit Filmgeschichte schreibt."

Tarantino trägt gleichzeitig dazu bei, dass Charles Manson und die Tate-Morde auch künftig ein dunkler Teil der Popkultur bleiben werden. Nur eine Woche nach den bestialischen Morden der Manson-Family feierte sich die Hippie-Bewegung in Woodstock drei Tage lang selbst und – freilich ohne etwas davon zu ahnen – auch eine Art Abschiedsfest, denn besser, aufregender wurde es danach nicht mehr. Das Festival auf den Wiesen unweit von Bethel, New York, ist bis heute legendär; die Morde am Cielo Drive oberhalb von Los Angeles auf ihre Art ebenso – 50 Jahre danach.

dho / Barbara Munker / DPA