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Kindesentführung: Sie nennen ihn "Rabe". Er krächzt. Seine Anrufe bringen den Hass ins Tal. Und dann holt er sich den Jungen ...

Im November 1981 hört Christine Villemin zum ersten Mal die krächzende Stimme des "Raben". Zuvor hat stets ihr Mann mit dem anonymen Anrufer gesprochen. Der Rabe ergeht sich in den üblichen Beschimpfungen. Christine fragt ihn: "Was habe ich eigentlich getan?"

"Lass ihn nicht herumlaufen, ich beobachte ihn mit dem Fernglas. Sobald ich ihn draußen finde, schnappe ich ihn mir, und dann findest du ihn unten in der Vologne wieder"

"Lass ihn nicht herumlaufen, ich beobachte ihn mit dem Fernglas. Sobald ich ihn draußen finde, schnappe ich ihn mir, und dann findest du ihn unten in der Vologne wieder"

Der 16. Oktober 1984 ist ein sonniger Herbsttag. Tiefblau schlängelt sich der Gebirgsfluss Vologne durch das weitläufige Tal im Département Vogesen.

Der kleine Grégory möchte raus. Er liebt es, seine Spielzeugautos im Bausand vor dem Haus umherfahren zu lassen. Bald wird das Eigenheim auf der Anhöhe am Waldrand fertig umgebaut sein. Bald wird es mehr Platz geben. Die Familie wird weiter wachsen können. Grégorys Eltern geht es gut. Sehr viel besser als all den anderen Mitgliedern ihrer weitverzweigten Familie, die hier im Tal der Vologne nah beieinander leben.

Dunkel fließt die Vologne

Christine Villemin zieht ihrem vierjährigen Sohn einen blauen Anorak an und setzt ihm eine blaue Mütze auf. Trotz der Oktobersonne liegt schon spürbar Herbst in der Luft. Grégory bekommt noch einen Apfel in die Hand, dann darf er endlich los. Christine macht sich ans Bügeln. Ihr Mann Jean-Marie ist noch bei der Arbeit. Es ist 17.05 Uhr.

Ein strahlendes Kind: Gégory Villemin

Ein strahlendes Kind: Gégory Villemin

Eine knappe halbe Stunde später tritt Christine vor die Tür, um ihren Sohn zum Abendbrot zu rufen. Doch Grégory ist nirgends zu sehen. Sie macht sich auf die Suche im Örtchen Lépanges-sur-Vologne. Fragt einen Bauern, der eine Herde Kühe heimtreibt; fragt einen Nachbarn, der seinen Hof fegt – vergebens. Panik steigt in ihr auf. Sie ruft. Schreit. Dann stürzt sie in ihren schwarzen Renault 5 und jagt los. Erst zu Grégorys Kinderfrau, dann zur Familie eines seiner Klassenkameraden. Vergebens. Alles vergebens.

Um 17.26 Uhr bekommt Jean-Maries Bruder Michel einen Anruf. "Ich habe mich am Boss gerächt und seinen Sohn entführt", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Ich habe ihn erwürgt und in die Vologne geworfen. Seine Mutter ist gerade dabei, ihn zu suchen, aber sie wird ihn nicht finden. Ich habe mich gerächt."

Da ist er wieder. Der Mann mit der krächzenden Stimme. Der anonyme Anrufer. Der Rabe. So nennt man in Frankreich die Flüsterer aus dem Nichts.

Dunkel fließt die Vologne. Strömt aus dem Gebirge herab ins Tal.

Alles kommt aus dem Dunkel der Zeit, geht zurück ins Dunkel der Zeit.

Es begann lange Jahre zuvor. Ein Clan in den Vogesen. Eine Familie, die auf Geheimnissen gründete; die geübt darin war, mit Geheimnissen Macht auszuüben. Leidenschaften, die seit Generationen im Verborgenen lagen. Über Jahrzehnte gezüchtete Zweifel. Undurchdringliches Geflecht aus Gunst und Missgunst, Hass, Neid und Ehebruch.

Es waren die Geheimnisse aus der Vergangenheit, die den Raben in die Vogesen brachten.

Es waren die Geheimnisse aus der Vergangenheit, von denen sich der Rabe nährte.

Die ihn immer mächtiger und bedrohlicher machten.

Familientabu

Grégorys Großvater väterlicherseits, Albert Villemin, stammte aus einer zerrütteten Familie. Schon bevor Albert geboren war, misshandelte seine Mutter seinen älteren Bruder. Kurz nach Alberts Geburt schlug sie seinen Bruder so fest, dass er sich den Kopf an einem Schrank aufstieß. Sie versteckte die Wunde unter einem Mützchen. Was man nicht sieht, gibt es nicht. Erst ihr Mann brachte das Kind ins Krankenhaus. Dort verstarb der Kleine. Mit vier Jahren. Albert war keine drei, als seine Mutter ins Gefängnis kam.

Als Albert zwölf war, betrog seine Mutter ihren Mann, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Front stand. Nach seiner Rückkehr litt er so sehr an dieser Untreue, dass er sich an einer Esche in einem kleinen Wäldchen gleich hinter der Kirche erhängte.

Richter Jean-Michel Lambert war verantwortlich für zahlreiche juristische Fehler im Fall Grégory

Richter Jean-Michel Lambert war verantwortlich für zahlreiche juristische Fehler im Fall Grégory

Vologne, düstere Vologne.

Der gewaltsame Tod des Jungen und der Freitod des Vaters blieben ein ewiges Familientabu.

Albert Villemin heiratete Monique Jacob. Auch sie stammte aus kaum erträglichen Verhältnissen. Ihr Vater missbrauchte ihre Schwester Louisette. Monique lernte, das Grauen zu verdrängen. Später sollte sie sich in nüchternen Worten an ihre Jugend erinnern: "Es war unsere Mutter, die uns eröffnete, dass unsere Schwester von unserem Vater schwanger war. Was sollten wir schon sagen? Das war nicht einfach auszuhalten. Meine Mutter ist zwar nicht von zu Hause weggerannt, aber sie schlief einfach nicht mehr mit unserem Vater. Also hat Louisette ihren Platz im Schlafzimmer eingenommen, und so ging das bis zum Tod meines Vaters."

Angekündigtes Verbrechen: Man fand den Körper des kleinen Grégory in der Vologne ganz in der Nähe des Dorfs Lépanges. "Euch mache ich fertig, Villemains!"

Angekündigtes Verbrechen: Man fand den Körper des kleinen Grégory in der Vologne ganz in der Nähe des Dorfs Lépanges. "Euch mache ich fertig, Villemains!"

Inzest. Das dritte Tabu, das düster über der Familie hing.

Als Grégorys Großeltern Albert und Monique heirateten, war Monique schon schwanger. Aber nicht von Albert. Auch dieser Fehltritt blieb ein Familiengeheimnis. Ihr ältester Sohn, Grégorys Onkel Jacky, sollte erst mit 17 erfahren, dass er ein Bastard war. Der ungeliebte Jacky, Kind der Schande, wurde in Pflege gegeben. Ausgerechnet zum Inzest-Opfer Louisette und ihrem trinkenden, gewalttätigen und sie missbrauchenden Vater Léon-Antoine Jacob. Auch ein zweites Kind wurde in Louisettes und Léon-Antoines Obhut gegeben: Jackys Cousin Bernard Laroche, dessen Mutter schon früh verstorben war.

Die Pflegebrüder wurden unzertrennlich. Zu den beiden Verstoßenen gesellte sich bald noch Jackys Halbbruder Michel, ein Analphabet, der von der ganzen Familie verspottet wurde. Und schließlich Jackys Onkel Marcel Jacob, auch er ein Außenseiter. So entstand das Grüppchen der ewig Ungeliebten: Jacky, Michel, Marcel und Bernard.

Die Matriarchin hält die Sippe zusammen

Auch Grégorys Großvater, der gehörnte Albert, hatte einen schweren Stand in dem Clan. Obwohl er Moniques unehelichen Sohn Jacky adoptiert hatte, wurde er von ihrer Familie, den Jacobs, mit einer Mischung aus Hass und Geringschätzung behandelt. Er flüchtete sich in den Alkohol.

Dunkel fließt die Vologne. Strömt aus dem Gebirge herab ins Tal.

Alles kommt aus dem Dunkel der Zeit, geht zurück ins Dunkel der Zeit.

Der kleine Grégory wächst im Spannungsfeld zwischen den beiden Familien Villemin und Jacob auf. Zwei weit verzweigte Arbeiterclans, die in den Textilfabriken des Vologne-Tals mühselig ihren Unterhalt verdienen. Verfluchte Texturen. Zwar lädt man sich regelmäßig ein, doch vor allem, um sich mit Missgunst und Neid zu beäugen.

Unangefochtenes Oberhaupt des Clans ist Grégorys Großmutter, Monique Villemin. Jean-Maries autoritäre Mutter ist das Bindeglied zwischen den beiden Familien. Ihre Geschwister verachten ihren Mann Albert. Und doch hält die Matriarchin die Sippe zusammen. Empfängt sonntags zum Familienessen in ihrem Haus im Örtchen Aumontzey. Es hat in der Vergangenheit schon genug Katastrophen gegeben. Jetzt sollen sich gefälligst alle zusammenreißen.

Die Eltern des ermordeten Kindes: Christine und Jean-Marie Villemin im Gericht in Dijon, 1989

Die Eltern des ermordeten Kindes: Christine und Jean-Marie Villemin im Gericht in Dijon, 1989

Fein sind die Abstufungen, mit denen Monique Villemin ihre Gunst innerhalb ihrer Familie verteilt. Ganz unten stehen ihre Söhne Jacky und Michel; ganz oben ihr Sohn Jean-Marie, Grégorys stolzer Vater. Sehr stolzer Vater.

Jean-Marie Villemin ist ehrgeizig. Anfangs fügt er sich noch in die Familientradition der selbstbewussten Arbeiter. Tritt in die Gewerkschaft ein, protestiert und demonstriert wie all seine Onkel und Cousins. Klassenkampf in der Textilindustrie. In den Vogesen ist noch Frühkapitalismus, sein proletarisches Engagement bekommt Jean-Marie schlecht. Er wird entlassen. Aber wozu ist man in der Gewerkschaft, denkt Jean-Marie. Und wird enttäuscht. Seine sonst immer so kämpferischen Onkel und Cousins kümmern sich nicht um ihn. Es wird ihm eine Lehre sein. Er vergisst Arbeitertradition und Gewerkschaft und konzentriert sich nur noch auf seine Karriere. Findet einen Job in einer Fabrik für Autoteile. Bald kommt der Erfolg.

"Der Chef"

Im Februar 1981 wird Jean-Marie zum Vorarbeiter befördert. Plötzlich hat er 20 Mann unter sich, er ist ins Lager des Klassenfeindes gewechselt. In seiner Familie eine Sensation. Und ein Skandal. Für viele ist er jetzt nur noch "der Chef". Denn schließlich benimmt er sich auch so. Ein stolzer Hahn. Warum trägt seine Frau, die hübsche Christine, eigentlich immer so teure Kleider? Eingebildetes Paar. Denkt sich vor allem das Grüppchen der ewig Ungeliebten.

Im Juni 1981 ziehen Jean-Marie, Christine und der kleine Grégory in ihr neu gebautes Eigenheim. Modell "Charmille". Aus dem Katalog direkt an den Waldrand. Hoch über der Vologne, ein Haus in der Natur, der Traum des jungen Paares. Im Garten tobt der kleine Grégory, ein Sonnenschein. Die glücklichen Eltern bedrucken Porzellanteller mit seinem Foto. Jeder liebt den Kleinen. Fast jeder.

Drohschreiben, welches der Rabe 1983 verfasste

Drohschreiben, welches der Rabe 1983 verfasste

In dem Jahr, in dem der Arbeiter zum Vorarbeiter wird, kommt der Rabe ins Tal. Nur zehn Tage nachdem das Telefon im neuen Haus installiert worden ist, beginnen anonyme Drohanrufe. Erst rauscht am anderen Ende der Leitung nur bedrohliche Stille. Später erklingt dann ein Spottlied: "Noch ein Gläschen, Chef, wir haben Durst!" Eine krächzende Männerstimme.

Bald terrorisiert der Unbekannte den ganzen Familienclan. Es ist wie in Henri-Georges Clouzots klassischem Film noir "Der Rabe" aus dem Jahr 1943, in dem ein Unbekannter mit anonymen Briefen eine Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzt. Im Vogesental kommt es in den folgenden zwei Jahren zu 1000 Anrufen in den Familien Villemin und Jacob. Manche der Nachrichten werden aufgenommen, viele andere protokolliert.

Neben Jean-Marie und Christine sind vor allem die Clanchefs Albert und Monique Opfer der Anrufe. Der Rabe versucht, Großvater Albert zum Selbstmord zu drängen. Immer wieder erinnert er Albert an das Schicksal seines Vaters, der sich aus Kummer über die Untreue seiner Frau erhängte. Steht nicht auch Alberts Ehe unter dem Zeichen der Untreue? Kann man mit einer solchen Schande weiterleben?

"Bastard"

Der Rabe empört sich über das schwere Los von Jacky, dem "Bastard" der Familie. Er schlägt sich auf die Seite der ewig Ungeliebten. Scheint sie in Schutz nehmen zu wollen. Oder auf besonders perfide Weise eine falsche Fährte zu legen. Und immer wieder fragt der Rabe, ob es neben Jacky nicht vielleicht noch viel mehr uneheliche Kinder in der Familie gebe. Er sät Zweifel. Hetzt die einen gegen die anderen auf.

Der Rabe kennt alle Familiengeheimnisse. Beleidigt in groben Worten, destilliert heimtückisch Gift. Mit virtuoser Vulgarität nutzt er die jahrzehntealten Tabus, um die Familie zu destabilisieren. Er ist bestens informiert über den Lebenswandel der Großeltern Villemin. Es scheint, als würde er sie tagein, tagaus beobachten.

Neben dem Mann mit der krächzenden Stimme meldet sich nun auch ein weiblicher Anrufer. Die Rabenfrau hat ihre ganz eigene Technik. Sie droht niemandem direkt. Dafür gibt sie fingierte Bestellungen für die Großeltern Villemin auf. Und geht dabei immer weiter. Eines Tages wird ein Angestellter eines Beerdigungsinstituts bei Albert und Monique vorstellig. Man habe ihm mitgeteilt, Albert habe sich erhängt, nun wolle er für ein angemessenes Begräbnis sorgen.

"Ich beobachte ihn mit dem Fernglas. Sobald ich ihn draußen finde, schnappe ich ihn mir, und dann findest du ihn unten in der Vologne wieder."

"Ich beobachte ihn mit dem Fernglas. Sobald ich ihn draußen finde, schnappe ich ihn mir, und dann findest du ihn unten in der Vologne wieder."

Im November 1981 hört Christine Villemin zum ersten Mal die krächzende Stimme. Zuvor hat stets ihr Mann mit dem anonymen Anrufer gesprochen. Der Rabe ergeht sich in den üblichen Beschimpfungen. Christine fragt ihn: "Was habe ich eigentlich getan?" Der Rabe antwortet: "Es geht nicht um dich, es geht um deinen Alten." Spät am Abend ist Christine allein im Haus am Waldrand. Sie hört Schritte draußen im Hof. Dann Trommeln an der Haustür. Voller Panik macht sie das Licht an. Die Glasscheibe der Haustür zersplittert. Ein Arm erscheint, schüttelt sich drohend. Dann ist der Spuk vorüber.

Später ruft der Rabe bei Jean-Maries Eltern an und brüstet sich mit seiner Tat: "Ich habe die Tür des Chefs zertrümmert. Seine Frau hat Angst gehabt."

Jean-Marie und Christine vergittern Fenster und Türen und kaufen sich ein Gewehr. Im Frühjahr 1982 verreisen sie nach Italien. Sie geben Grégory in die Obhut seiner Großmutter Monique, die gleich darauf einen Drohanruf bekommt. Nachts sieht sie jemanden ums Haus schleichen.

Der Rabe droht mit Vergewaltigung

Am 30. November 1982 erhält der Großvater Albert Villemin 27 Drohanrufe. Er hat genug und gibt eine Anzeige auf. Die Polizei hört die Telefone ab. Augenblicklich verstummt der Rabe und schreibt von nun an Briefe. Wieder schaltet Albert die Polizei ein. Die lässt alle Familienmitglieder Diktate schreiben, um Schriften zu vergleichen. Doch sie findet keine Übereinstimmung.

Am 4. März 1983 steckt der Rabe eine Mitteilung zwischen die Fensterläden von Jean-Marie und Christine Villemin. "Euch mache ich fertig, Villemains!", droht er. Neben einer verstellten Handschrift nutzt er Rechtschreibfehler, um seine Spuren zu verwischen.

Im April und Mai erhalten die Großeltern Villemin zwei Schreiben, in denen sie aufgefordert werden, den Kontakt zu Jean-Marie abzubrechen.

Der Cousin des "Chefs": Bernard Laroche mit seinem Sohn Sébastien

Der Cousin des "Chefs": Bernard Laroche mit seinem Sohn Sébastien

Jean-Marie und Christine beantragen eine neue Telefonnummer und lassen sie bei der Auskunft sperren. Bald darauf spricht der Rabe noch ein letztes Mal mit Jean-Marie, er erreicht ihn an seinem Arbeitsplatz. Er kündigt an, Jean-Maries Haus niederzubrennen. Der kontert: "Ist mir egal." Der Rabe droht, Christine zu vergewaltigen und zu ermorden. Jean-Marie versucht, sich nicht einschüchtern zu lassen, und verspottet den anonymen Anrufer. Der sucht nach einer wirksameren Waffe und krächzt: "Dann nehme ich mir dein Kind vor. Das tut dir am meisten weh. Lass ihn nicht herumlaufen, ich beobachte ihn mit dem Fernglas. Sobald ich ihn draußen finde, schnappe ich ihn mir, und dann findest du ihn unten in der Vologne wieder." Jean-Marie verliert die Fassung und schleudert ihm entgegen: "Du Dreckskerl, wenn du meinen Sohn berührst, bist du tot." Jetzt kennt der Rabe seinen schwachen Punkt.

Als Jean-Marie den Anrufer fragt, warum er sich ausgerechnet ihn als Opfer ausgesucht hat, antwortet die krächzende Stimme: "Ich kann Chefs nicht ausstehen. Du hast Kohle ohne Ende. Du verdienst am meisten in der ganzen Familie." Schließlich verabschiedet sich der Rabe: "Ich höre auf mit den Anrufen. Versprochen. Jetzt kommen die echten Gemeinheiten."

Nach diesem Gespräch ist Ruhe. Nach und nach vergisst die Familie den Raben. Die Polizeiermittlungen versanden. Eineinhalb Jahre später verschwindet der kleine Grégory.

Ein Kind ist verschwunden

Als Grégory Villemin vermisst gemeldet wird, ist Étienne Sesmat Capitaine der Gendarmerie im zuständigen Département Vogesen. Er steht am Anfang einer vielversprechenden Laufbahn. Er ist erst 30, doch ihm unterstehen schon etwa 100 Gendarmen. Immer noch erinnert sich Sesmat an jedes Detail der Ermittlungen. Denn an diesem Fall wäre er beinahe zerbrochen.

Heute verbringt der ehemalige Chefermittler seinen Ruhestand im südfranzösischen Fischerdorf Collioure nahe der spanischen Grenze. Strahlende Sonne dringt durch das Fenster. Doch als der ehemalige Capitaine zu erzählen beginnt, verschwindet langsam das gleißende Panorama mit Schloss, Mittelmeer und Palmen und macht Platz für ein klammes Tal in den Vogesen.

Am Abend der Tat war ich gerade bei meinem wöchentlichen Deutschkurs", erinnert sich Sesmat. "Als ich nach Hause kam, sagte mir meine Frau: 'In Lépanges ist ein Kind verschwunden.' Ich ließ mich gleich ins zuständige Revier fahren. Dort erfuhr ich, dass die Sache ungewöhnlich war. Jemand hatte die Familie angerufen und behauptet, er habe den Jungen erwürgt und in die Vologne geworfen.

Der Polizist: Gendarmerie-Oberst a. D. Étienne Sesmat leitete in den ersten Monaten die Ermittlungen im Mordfall Grégory. Er erinnert sich bis heute daran, wie ein angeseilter Feuerwehrmann den Leichnam aus dem Wasser barg

Der Polizist: Gendarmerie-Oberst a. D. Étienne Sesmat leitete in den ersten Monaten die Ermittlungen im Mordfall Grégory. Er erinnert sich bis heute daran, wie ein angeseilter Feuerwehrmann den Leichnam aus dem Wasser barg

Es war 21 Uhr. Wir hatten schon Gendarmen vor Ort. Die Suche lief auf Hochtouren. Man hatte uns um 18 Uhr angerufen. Ich wollte gerade den Fortgang des Einsatzes planen, da bekam ich eine Funkmeldung. Man teilte mir mit, man habe das Kind in dem Nachbardorf Docelles wiedergefunden. Sechs Kilometer von seinem Wohnort entfernt.

Ich begab mich sofort dorthin. Als ich ankam, trieb der Körper des Kindes im Wasser. Die Feuerwehr war ebenfalls schon vor Ort. Noch hatte man alles unangetastet gelassen, damit ich den Tatort untersuchen konnte. Doch die Umstehenden wurden ungeduldig. Ich sah gleich, dass es keinen Grund gab, den Jungen noch länger im Wasser zu lassen. Das hier war kein Tatort. Man hatte ihn ganz gewiss an einem anderen Ort ins Wasser geworfen, woraufhin er abgetrieben war.

Opferkult

Ich ordnete an, ihn herauszuholen. Ein angeseilter Feuerwehrmann nahm ihn auf den Arm und trug ihn ans Ufer. Dort sah ich, dass er gefesselt war. Eine Schnur lief ihm um Hände, Füße und Kopf. Seine Fesseln waren nicht sehr stramm. Seine blaue Mütze war über sein Gesicht gezogen.

Wir haben den Jungen in einen nahen Feuerwehrschuppen gebracht. In dem Schuppen haben wir ihm die Mütze vom Gesicht gezogen. Er sah ganz friedlich aus. Ich hatte den Eindruck, er schlafe nur. Es war kein Ausdruck von Schmerz in seinem Gesicht. Er hatte etwas Schaum auf den Lippen. Er war also lebendig ins Wasser geworfen worden, hatte noch im Wasser weitergeatmet.

Mir schien es, als sei dieses zusammengeschnürte Kind wie für einen Opferkult vorbereitet worden. Und tatsächlich fanden wir bald heraus, dass es dem Hass geopfert wurde, den man für seinen Vater hegte."

Der obduzierende Arzt fand unverdaute Apfelreste im Magen des Jungen.

Die Gendarmen entdeckten eine Insulinspritze hinter dem Feuerwehrschuppen.

Die Zeugin: Murielle Bolle machte eine Aussage, die der Polizei weiterhalf – zog sie dann aber zurück

Die Zeugin: Murielle Bolle machte eine Aussage, die der Polizei weiterhalf – zog sie dann aber zurück

Am 17. Oktober 1984, einen Tag nach der Tat, erhalten Grégorys Eltern einen Bekennerbrief, der in Lépanges-sur-Vologne abgestempelt worden ist. Darin steht: "Ich hoffe, Du stirbst vor Kummer, Chef. Dein Geld wird dir deinen Sohn nicht zurückbringen. Das ist meine Rache, du dummes Arschloch."

Capitaine Sesmat erkennt sofort Schlüsselwörter und Leitmotive aus den Drohanrufen und Schmähbriefen des Raben wieder: Der Täter wendet sich direkt an Jean-Marie, nennt ihn "Chef" und wirft ihm seinen Reichtum vor. Sesmat lässt sich die Ermittlungsakten zu den Drohungen kommen und studiert die drei anonymen Briefe, die der Rabe an die Familie geschickte hat.

Er sieht die Ähnlichkeit im Schriftbild und beauftragt eine Grafologin, ein Diktat auszuarbeiten, mit dem sich alle Merkmale einer Schrift besonders gut analysieren lassen. Dieses Diktat muss fortan jeder absolvieren, den die Gendarmen befragen. Das Ergebnis schickt Sesmat per Motorradkurier zu der Grafologin nach Straßburg.

Omertà

Die Gendarmen gehen von Tür zu Tür, befragen Anwohner und Angehörige. Letztere bleiben schweigsam. Im Vogesental herrscht Omertà. Nur langsam durchdringen die Polizisten das komplizierte Geflecht der Familien Villemin und Jacob.

Der Schütze: Jean-Marie Villemin stellt den Mord an Bernard Laroche für das Gericht nach

Der Schütze: Jean-Marie Villemin stellt den Mord an Bernard Laroche für das Gericht nach

Eines Tages meldet sich eine entfernte Verwandte der Villemins bei den Gendarmen und äußert einen Verdacht. Sesmat kommt das seltsam vor. Also zitiert er auch noch den Mann der Aussagewilligen zur Anhörung. Man stellt ihm die üblichen Fragen nach seiner Beziehung zu Jean-Marie und lässt ihn das Diktat schreiben.

Tags drauf meldet sich die Grafologin und sagt: "Gestern haben Sie jemanden verhört und ein Diktat schreiben lassen. Sie haben den Raben. Sein Name ist Bernard Laroche."

Der Verdächtige ist ein Cousin von Jean-Marie. Er wohnt auf einer Anhöhe im Nachbardorf Aumontzey. Von seinem Hügel aus hat er eine gute Sicht auf das Haus der Großeltern Villemin, über deren Alltag der Rabe stets so gut informiert war. Gleich neben Bernard Laroche wohnt Jean-Maries Onkel Marcel Jacob. Mit dem ist Bernard zusammen aufgewachsen, ebenso wie mit Jacky – jenem Paria der Familie, den der Rabe immer wieder in Schutz genommen hat.

Der Stammbaum der beiden Clans

Der Stammbaum der beiden Clans

Im Verbund mit dem Analphabeten Michel bilden die vier die eng verschweißte Gruppe der ewig Ungeliebten. Die Außenseiter des Clans, die von den Großeltern Villemin sonntags erst dann empfangen werden, wenn alle anderen Familienmitglieder schon fertig mit dem Essen sind. Wenn sie überhaupt eingeladen werden.

Bernard Laroche ist drei Jahre älter als der geliebte Musterjunge Jean-Marie. Im Gegensatz zu seinem Cousin ist er wenig erfolgreich. Jahrelang musste er darum kämpfen, Vorabreiter in einer Textilfabrik zu werden. Eine lange Durststrecke. Und als er Jean-Marie in Krisenzeiten einmal darum bat, ihm einen Job in der Autoteile-Fabrik zu besorgen, winkte der nur ab. Auch im Privatleben hat es Jean-Marie leichter als Bernard. Dessen kleiner Sohn Sébastien leidet an einer starken Behinderung, er muss rund um die Uhr beaufsichtigt werden.

"Spazierfahrt"

Capitaine Sesmat findet heraus, dass Grégorys Eltern zwei Tage vor der Tat Jean-Maries Bruder Michel und dessen Frau Ginette zum Aperitif eingeladen hatten. Zum ersten Treffen nach langer Zeit. Die familiären Spannungen machen den Umgang nicht leicht. Zu unterschiedlich sind die beiden Brüder: Michel, der Analphabet, und Jean-Marie, der Emporkömmling.

Voller Stolz zeigt Jean-Marie seinem Bruder die neuesten Trophäen seines Erfolgs – eine imposante Ledergarnitur und einen neuen Zweitwagen. Er schwärmt von den günstigen Bedingungen seines Kredits für den Hausumbau und führt die Gäste in seinen gut sortierten Weinkeller.

Im Polizeiverhör erzählt Bernard Laroche, er habe am Vortag der Tat den ganzen Nachmittag bei seinem besten Freund Michel verbracht. Am Tag der Tat trafen sich die beiden wieder. Die unzertrennlichen Außenseiter hatten genügend Gelegenheit, sich ausführlich über Jean-Maries Aufstieg auszulassen.Folterschiff crime Heftstück 15.40

Michel hat ein Alibi. Bernard führt als Alibi Murielle Bolle an, die 15-jährige Schwester seiner Frau. Sie könne bezeugen, dass er zum Zeitpunkt der Tat vor dem Fernseher gesessen habe. Capitaine Sesmat befragt die junge Frau mehrmals. Erst bestätigt sie Bernards Aussagen, doch dann legt sie ein Geständnis ab. Am Nachmittag der Tat habe sie mit Bernard, seinem pflegebedürftigen Sohn Sébastien und dem kleinen Grégory eine "Spazierfahrt" unternommen. Die junge Frau erinnert sich: "Bernard ist aus dem Auto gestiegen, das Kind an der Hand. Er hat sich entfernt. Er ist allein zurückgekommen."

Mehrere Zeugen bestätigen ihre Version der Ereignisse. Bernard Laroche wird festgenommen. Doch vier Tage später vollzieht Murielle eine überraschende Kehrtwende: Sie nimmt all ihre Aussagen zurück und behauptet, die Gendarmen hätten Druck auf sie ausgeübt. Zeugen berichten allerdings, die gesamte Familie Bolle und vor allem Murielles Schwester, die Frau des Verdächtigen Bernard, hätten Murielle zuvor misshandelt und ihr gedroht. Der jungen Frau sei nahegelegt worden, ihre Aussagen zurückzuziehen. In Anwesenheit von Bernard Laroches Anwalt.

Undurchdringliches Beziehungsgeflecht

So beginnt die schmutzige "Affäre Grégory". Die Ermittlungen werden zum Medienspektakel. Hunderte von Journalisten durchkämmen tagein, tagaus die Dörfer auf der Suche nach den neuesten Entwicklungen. Im Laufe der kommenden Jahre werden Millionen von Francs für Exklusivinterviews an die immer tiefer verfeindeten Familien-Fraktionen fließen.

Ganz Frankreich ist fasziniert von dem abgelegenen Vogesental. Düster fließt der Gebirgsbach, schwarz stehen die Wälder. Es ist wie ein Roman von Georges Simenon, der live im Fernsehen und im Radio seinen Fortgang nimmt. Bald beugt sich das ganze Land über den weit verzweigten Stammbaum der Villemins und Jacobs und rätselt mit den Gendarmen. Irgendwo in diesem undurchdringlichen Beziehungsgeflecht musste sich eine Erklärung für diese so ungeheuerliche Tat verstecken.crime#18 Island Heftstück 15.45h

Juristisch liegt der Fall in den Händen des Ermittlungsrichters Jean-Michel Lambert. Der wittert die Chance, berühmt zu werden, und gibt bald regelmäßig Pressekonferenzen. Derweil entwickelt sich im Verborgenen ein neuer Skandal: Nach Bernard Laroches Festnahme kommt es zu einer Verschwörung zwischen Laroches Anwalt Gérard Welzer, dem Star-Reporter Jean-Michel Bezzina und dem Chef der Kriminalpolizei von Nancy, Jacques Corazzi.

Jeder der drei Verschwörer hat ganz eigene Interessen: Anwalt Welzer möchte seinen Klienten aus dem Gefängnis bekommen. Kommissar Corazzi möchte Capitaine Étienne Sesmat und seine Gendarmen ausbooten und selbst mit der Lösung des spektakulären Falls in die Kriminalgeschichte eingehen. Star-Reporter Bezzina möchte jeden Tag größtmögliches Drama. Und hat auch schon eine Idee, welche Geschichte er dafür braucht: Nicht Laroche ist für ihn der Schuldige, sondern Grégorys Mutter Christine! Das Verschwörer-Trio bearbeitet den Richter Lambert, diskreditiert die Ermittlungen der Gendarmen und startet eine Diffamierungskampagne gegen Grégorys Mutter.

Inzwischen haben sich drei Arbeitskolleginnen von Christine Villemin gemeldet und ausgesagt, sie hätten gesehen, wie Christine am Tag der Tat einen Brief an der Post von Lépanges eingeworfen habe. Dem Ermittlungsrichter Lambert kommen immer mehr Zweifel an der Schuld des Hauptverdächtigen Bernard Laroche. Irgendwann glaubt er den Verschwörern mehr als den Gendarmen. Und lässt sich davon überzeugen, dass die Beamten Murielle Bolle ihr Geständnis im Verhör abgepresst haben müssen.

Verzweiflung

Richter Lambert zieht die Gendarmen von den Ermittlungen ab und legt den Fall in die Hände der konkurrierenden Kriminalpolizei. Gegenüber der Presse sagt er: "Die Gendarmen haben mich verraten." Das Komplott von Anwalt, Kommissar und Reporter war erfolgreich.

Capitaine Sesmat wird fallen gelassen. Sogar der Justizminister verlangt seinen Kopf. Man versetzt ihn nach Berlin, zu den Ordnungskräften des französischen Sektors. Seine vielversprechende Karriere ist zu Ende. Erst Jahrzehnte später wird sich herausstellen, dass die Gendarmen die Einzigen waren, die im Fall Grégory sauber ermittelt haben.

Richter Lambert ist dem Fall nicht gewachsen. Er wird später als "kleiner Richter" in die Kriminalgeschichte eingehen. Obwohl mehrere Zeugenaussagen und alle Indizien deutlich darauf verweisen, dass Bernard Laroche den kleinen Grégory entführt hat, wird er im März 1985 aufgrund von formalen Prozedurfehlern freigelassen.Serienkiller16.20

Laroches Anwälte triumphieren. Jean-Marie Villemin ist verzweifelt. Genau wie die Gendarmen ist er von Laroches Schuld überzeugt. Die Kampagne gegen seine Frau Christine nimmt immer irrwitzigere Formen an. Die Presse lässt sich zu einer Hexenjagd hinreißen. Inzwischen ist Grégorys Mutter auch für den "kleinen Richter" Lambert die Hauptverdächtige.

Jean-Marie Villemin weiß nicht mehr weiter. Wenn es keine Gerechtigkeit mehr gibt auf Erden, dann muss er die Sache eben selbst in die Hand nehmen. Hat er nicht am Grab seines Sohnes Rache geschworen? Am 29. März 1985 erschießt er Bernard Laroche mit einem Jagdgewehr und stellt sich der Polizei. Er wird verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Mit diesem milden Urteil gesteht die Justiz all ihre Irrtümer ein, die Grégorys Vater zu seiner Tat verleitet haben.

Im Juli 1985 wird Grégorys Mutter aufgrund neuer grafologischer Expertisen und der Aussagen ihrer drei Arbeitskolleginnen verhaftet. Sie ist inzwischen im sechsten Monat schwanger. Kaum im Gefängnis, beginnt sie einen Hungerstreik. Nach zehn Tagen lässt man sie aus Mangel an Beweisen wieder frei. Die Ermittlungen werden zeigen, dass ihre drei Arbeitskolleginnen sich im Datum getäuscht haben. Sie hatten Grégorys Mutter einen Tag vor der Tat an der Post gesehen. Christine Villemin hat dort den Bestellschein eines Versandhändlers eingeworfen.

Gescheiterte Ermittlungen

1987 wird der dilettantische Richter Lambert von dem Fall abgezogen. Seine Fehler haben zur Verwischung wichtiger Spuren geführt. Der Tod des Hauptverdächtigen Bernard Laroche erschwert die Untersuchungen zusätzlich, denn gegen Tote wird nicht ermittelt. Murielle Bolle bleibt bei ihrer Aussage: Ihr Geständnis sei ihr von den Gendarmen unter Druck abgerungen worden. Die Polizei steckt in einer Sackgasse. Niemand sieht mehr klar im Fall Grégory. Es scheint ein unlösbares Rätsel geworden zu sein: Wer war der Rabe?

Maurice Simon, hoch angesehener Richter am Berufungsgericht von Dijon, übernimmt den Fall und beginnt noch einmal von vorn. Sechs Jahre später spricht er Christine Villemin von jeglicher Schuld frei. In seinem Abschlussbericht schreibt er, alle Indizien sprächen klar dafür, dass Bernard Laroche den vierjährigen Grégory entführt habe. Doch auch Simon kann das Rätsel nicht vollständig lösen. Es fehlt der Beweis, dass Bernard Laroche den kleinen Grégory nicht nur entführt, sondern auch ermordet hat. Ehe Simon den Fall seines Lebens zum Abschluss bringen kann, bekommt er einen Herzinfarkt und verliert für immer das Gedächtnis. Zuvor hat er in seinen Tagebüchern geschrieben: "Es liegt so etwas wie ein Fluch auf diesem Fall."Osterhaider Interview_16Uhr

Grégorys Eltern versuchen unermüdlich weiter, die Justiz zur Aufklärung der Wahrheit zu drängen. Mehrmals werden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Doch selbst wiederholte DNA-Tests führen allesamt ins Leere. 2004 bekommen Christine und Jean-Marie Villemin jeweils 35.000 Euro Entschädigung für "gänzlich gescheiterte Ermittlungen".

Erst 13 Jahre später, im Sommer 2017, nimmt der Fall eine neue Wendung. Lange hat die Polizei im Stillen ermittelt. Schriftexperten haben alle handschriftlichen Dokumente neu ausgewertet. Linguisten haben die wenigen und undeutlichen Tonaufnahmen des Raben analysiert. Die Gendarmen haben das komplizierte Beziehungsgeflecht innerhalb der Familienclans studiert und biografische Skizzen von 95 Personen aus dem Umfeld des Opfers erarbeitet. Computer-Experten haben 12.000 Seiten Akten in das Programm AnaCrim eingespeist. Das Spezialprogramm hat mithilfe von künstlicher Intelligenz das Dossier ganz neu geordnet und den Ermittlern alternative Möglichkeiten des Tathergangs aufgezeigt.

Die heute amtierende Untersuchungsrichterin von Dijon ist fest davon überzeugt, dass Bernard Laroche Grégory entführt hat. Nach all den Jahren hat Étienne Sesmat endgültig recht bekommen. Doch nach den jüngsten Ermittlungen ergibt sich eine neue Tatvariante: Die Polizei hegt den Verdacht, Bernard Laroche habe den kleinen Grégory nur entführt und dann an Jean-Maries Onkel Marcel Jacob und seine Frau Jacqueline übergeben. Das Ehepaar habe den Jungen dann ermordet.

Nur ein Wurm

Marcel Jacob und Bernard Laroche sind zusammen aufgewachsen. Die beiden gehörten zu dem eng verschweißten Grüppchen der ewig Ungeliebten. Zusammen mit Jacqueline Jacob sollen sie sich verschworen haben, um die Villemins für ihren sozialen Aufstieg büßen zu lassen. Schon 1982 hatte Marcel Jacob zu Jean-Marie im Streit gesagt: "Ich gebe einem Chef nicht die Hand. Du bist nur ein Wurm, hast keine Haare auf der Brust!"

Marcel und Jacqueline Jacob waren Nachbarn des ermordeten Bernard Laroche. Auch sie hatten von ihrer Anhöhe aus das Haus der Großeltern Villemin immer gut im Blick, konnten sie also wirksam und kenntnisreich terrorisieren. Schon immer hasste Marcel Grégorys Großvater Albert, den jämmerlichen Mann seiner Schwester Monique. Für die Ermittler sind die Jacobs der doppelköpfige Rabe. Zu diesem Schluss führten sie sowohl die computergestützten Analysen des familiären Beziehungsgeflechts als auch neue grafologische Gutachten. Die beiden wurden verhaftet.Essay Angst 19.25

Ebenfalls festgenommen wurde Murielle Bolle. Man erhoffte sich von Bernard Laroches Schwägerin ein neues Bekenntnis. Inzwischen hat das Berufungsgericht von Dijon zwar entschieden, die Anklage wegen Prozedurfehlern zu annullieren und die drei Verdächtigen frei zu lassen. Aber die Ermittlungen gehen weiter.

Auf Aussagen des "kleinen Richters" Jean-Michel Lambert müssen die Polizisten bei ihren Untersuchungen allerdings verzichten. Im Sommer 2017, kurz nachdem der Fall nach Jahren der Ruhe wieder in die Öffentlichkeit gerückt war, fand man Lambert in seiner Wohnung. Über seinen Kopf war eine Plastiktüte gestülpt, festgeknotet mit einem Halstuch. In einem Abschiedsbrief hatte er geschrieben: "Ich habe entschieden, mich umzubringen, denn ich habe nicht mehr die Kraft, zu kämpfen." Der Richter konnte es wohl nicht ertragen, noch einmal mit all seinen Fehlern in diesem Justiz-Fiasko konfrontiert zu werden.

Dem ehemaligen Gendarmen Sesmat fällt es schwer, sich den Tathergang nach den neuesten Ermittlungen vorzustellen. Er hält mehrere Täter für unwahrscheinlich. Der Fundort der Leiche in der Vologne spreche gegen eine Komplizenschaft von Maurice und Jacqueline Jacob. Denn wären die beiden beteiligt gewesen, hätte es wesentlich geeignetere und unauffälligere Orte gegeben, um die Leiche abzulegen.

Rache

Seit Jahrzehnten sieht Sesmat die letzten 30 Minuten im Leben des kleinen Grégory deutlich vor sich. Schildert er die Ereignisse, bekommen seine Augen einen fiebrigen Glanz. "Am Morgen des 16. Oktober 1984 ist Bernard Laroche noch bei der Arbeit", hebt er an und knetet sich die Hände. "Am frühen Nachmittag geht er zu Jean-Maries einfach gestricktem Bruder Michel. Eine Stunde bleibt er bei ihm. Sie zetern und lästern: 'Ein neues Ledersofa! Jetzt hat er auch noch ein neues Ledersofa! Und dann noch ein zweites Auto!' Sechs Jahre hat Bernard gebraucht, um Vorarbeiter zu werden. Sechs Jahre. Dieser Jean-Michel ist einfach uneinholbar.

Bernard steigert sich in seine Eifersucht hinein. Sagt sich: 'Unfassbar, dieser Typ! Den mache ich fertig! Ich werde mich rächen!' Wie im Wahn fährt er los. Schließlich haben wir es mit einem Psychopathen zu tun. Es ist ja nicht normal, ein Kind umzubringen, nur weil man seinen Vater hasst.

Bernard hat seinen pflegebedürftigen Sohn bei sich. Er sagt sich: 'Verdammt, was mache ich jetzt mit Sébastien? Solange ich mit ihm allein bin, kann ich nicht aussteigen! Ich kann ihn nicht allein lassen!' Seine Schwägerin Murielle! Sie passt immer auf den Kleinen auf. Er fährt zu ihrer Schule und wartet dort auf sie. Lässt sie einsteigen. Dann geht es nach Lépanges. Sie fahren am Haus der Villemins vorbei.

Plötzlich: 'Da! Grégory spielt draußen im Sand! Endlich! Rache ist möglich!' Er stürzt los. Schnappt sich Grégory. Nimmt ihn mit ins Auto. Der Junge lässt es geschehen. Schließlich kennt er seinen Onkel Bernard. Alles nur ein Spiel. Sie fahren ins Dorf.

Bernard ist wie in einem Rausch. Und weil er seine Tat auskosten muss, weil er ein Psychopath ist, kritzelt er hastig seinen Bekennerbrief: 'Ich hoffe, Du stirbst vor Kummer, Chef!' Wirft ihn in Lépanges ein. Fährt fünf Minuten ins nächste Dorf. Hält hinter dem Feuerwehrschuppen. Lässt Grégory aussteigen. Gibt ihm eine Insulin-Spritze, die von Murielles diabeteskranker Mutter stammt.

Grégory fällt in ein Insulin-Koma. Bernard schnürt ihn zusammen. Dann wirft er das Kind ins Wasser. Grégory ertrinkt. Bernard und Murielle fahren davon. Sie kommen ins nächste Dorf. Bernard will seine Tat noch einmal auskosten. 'Ich hab's ihnen gezeigt! Ich hab's ihnen gezeigt!', sagt er sich. Er ruft bei den Großeltern an. Will wieder mit seiner Tat prahlen. Niemand da. Also ruft er bei Michel an. Spricht mit seiner Rabenstimme. Sagt: 'Ich habe den Sohn vom Chef! Ich habe ihn in die Vologne geworfen!' Dann legt er auf, fährt nach Hause, setzt Murielle ab und fährt in den Supermarkt, Wein einkaufen."

Excel-Tabellen

Étienne Sesmat ist noch immer in Kontakt mit Grégorys Eltern. Er zögert, über die beiden zu reden. Die Journalisten haben ihnen schon genug Leid zugefügt. Das Paar lebt in der Nähe von Paris. Jean-Marie verkauft Immobilien, Christine arbeitet in einem Verlag. Sesmat hat sie besucht. In ihrem Wohnzimmer hängt ein großes Foto von Grégory.

Zusammen mit ihren Anwälten versuchen die beiden weiter, die Wahrheit über Grégorys Tod in Erfahrung zu bringen. Niemand kennt das Dossier so gut wie Jean-Marie Villemin. Er füllt Excel-Tabelle um Excel-Tabelle mit immer neuen Details des Falles.

Jean-Marie und Christine haben nach Grégorys Tod noch drei Kinder bekommen. Sie sprechen oft mit ihnen über ihren Bruder. Nach all den Jahren wissen sie: "Es gibt nichts Schlimmeres als das Geheimnis."

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18jähriger Kater und Welpe geht das?
Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich Hallo, wir haben einen 18-jährigen Kater der aber noch recht fit ist. Er ist zwar eigentlich nur zu meiner Mutter anhänglich also kommt immer am Abend auf die Couch und lässt sich streicheln von ihr sonst ist er eigentlich den ganzen Tag in seinem Bett im Keller oder oben auf einer Decke die im Schrank liegt. Erzieht sich also zurück. Nun ist der Wunsch nach einem Welpen doch sehr groß und der einzige Grund der dagegen spricht oder der infrage kommt warum wir keinen holen würden wäre unser Kater. Habt ihr Erfahrung mit alten Katzen und welchen gemacht? Unser Kater ist nämlich eigentlich nicht So gut auf Hunde zu sprechen also wenn ein Hund an seinem Garten vorbeigeht springt er schon hinterm Zaun ein bisschen hoch und fängt an zu fauchen. Denkt ihr nicht das Man wird vorsichtiger Eingewöhnung es schaffen könnte dass die beiden sich verstehen? LG und danke im Voraus