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Neue Gutachten: Asylbeweber Oury Jalloh wurde vermutlich in seiner Polizeizelle umgebracht

Sein Tod beschäftigt weiter die Staatsanwälte: Im Jahr 2005 verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh gefesselt in einer Dessauer Polizeizelle. Angeblich soll er sich selbst angezündet haben. Ermittlungsakten legen einen anderen Schluss nahe.

Oury Jalloh

Oury Jalloh mit seinem in Deutschland geborenen Sohn

Seit dem Tod des Afrikaners in einer Dessauer Polizeizelle im Jahr 2005 gibt es erhebliche Zweifel an der offiziellen Erklärung, dass sich der 36-Jährige selbst angezündet hat. Und diese Zweifel erhalten jetzt neue Nahrung:  Wie das ARD-Magazin "Monitor" berichtet, geht aus Ermittlungsakten hervor, dass Jalloh mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet wurde.

Der Mann aus war damals von den Polizisten in Gewahrsam genommen worden, weil er Frauen stark angetrunken belästigt haben soll. Die Polizeibeamten steckten ihn in eine Ausnüchterungszelle. Dabei wurde er an Händen und Füßen auf einer Matratze gefesselt. Wie danach das Feuer in der Zelle entstanden war, in dem er verbrannte, blieb bislang ungeklärt.

Oury Jalloh: Die Indizien sind erdrückend

Laut "Monitor" kommen jetzt mehrere Sachverständige mehrheitlich zu dem Schluss, dass ein durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher sei als die lange von den Ermittlungsbehörden verfolgte These einer Selbstanzündung. Das sind die Ergebnisse der jüngsten Gutachten und Brandversuche, die sich detailliert mit der Frage nach dem Ausbruch des Feuers in der Zelle beschäftigen.

Die Experten führen demnach in ihren Stellungnahmen aus, dass sich der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand nicht ohne Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären lasse. Auch sonst deute vieles darauf hin, dass der Brand von dritter Hand gelegt worden sei. Zudem sei die Theorie der Selbstanzündung so gut wie auszuschließen.

Dennoch will die Halle das Verfahren einstellen, weil sich angeblich nicht ohne jeden Zweifel die Mord-These beweisen lasse. "Es mag sein, dass nun die Akten in der Öffentlichkeit kursieren und dass jemand aufgrund dieser Akten zu einem anderen Ergebnis kommt. An unserer Einschätzung ändert das aber nichts." Anhand der Gutachten habe sich nicht endgültig ausschließen lassen, dass Jalloh sich selbst in Brand gesetzt haben könnte, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft laut "Süddeutscher Zeitung".

Selbst früherer Ermittler geht von Mordverdacht aus

Sogar der langjährige Ermittler in  , der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, bislang ein Verfechter der Selbsttötungs-Theorie, geht mittlerweile von einem begründeten Mordverdacht aus. Er hält es demnach für wahrscheinlich, dass Oury Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet worden sei. Bittmann benennt in dem Brief sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten. Die Staatanwaltschaft Dessau war für den Fall zuständig, bis er ihr der Fall im August dieses Jahres entzogen und er nach Halle gegeben worden war. Die Vorwürfe: Sie verschleppe das Verfahren.

Für die Hinterbliebeneb von Oury Jalloh ist die drohende Einstellung der Ermittlungen erneut ein Schlag ins Gesicht. Es sei ein "Skandal", sagte die Anwältin der Familie, Gabriele Heinecke, gegenüber "Monitor". Die Anwältin der Familie hat gegen die Einstellung Beschwerde eingelegt und wird angesichts der neuen Erkenntnisse Strafanzeige erstatten.

In einem ersten Prozess waren zwei Polizisten 2008 freigesprochen worden. Der Richter beklagte damals "trotz intensivster Bemühungen" habe das Gericht nicht die Chance gehabt, "das, was man ein rechtsstaatliches Verfahren nennt, durchzuführen". Es hätte Schlamperei und Falschaussagen bei der Polizei gegeben. In einem zweiten Verfahren wurde der damals zuständige Dienstgruppenleiter Andreas S. 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt. Zwei Jahre später wurden die Ermittlungen dann ein drittes mal aufgenommen.