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Mordfall: Gypsy wurde von der eigenen Mutter gequält - ihr einziger Ausweg: Mord

Vollgepumpt mit Pillen, Rollstuhl, Ärzte: Dee Dee Blanchard behandelte ihre Tochter wie eine Schwerkranke. Doch das Mädchen war kerngesund. Um aus dem Märtyrertum zu fliehen, sah sie nur eine Chance: Mord.

Gypsy Rose Blanchard

Gypsy Rose Blanchard erzählt dem US-Sender ABC News ihre Geschichte.

Was die Polizisten des Greene County am 14. Juni 2015 spät in der Nacht zu sehen bekommen, ist nichts für schwache Nerven. Nachbarn hatten die Beamten verständigt, seit mehreren Tagen war Dee Dee Blanchard nicht gesehen worden. Die Polizisten fanden die Frau in einer Blutlache auf ihrem Bett, unzählige Messerstiche waren ihr Todesurteil gewesen. Eine Tragödie, sicherlich. Aber die Nachbarn in dem kleinen Städtchen Springfield waren alarmiert. Denn Dee Dee war nicht allein. Sie lebte gemeinsam mit ihrer schwerkranken Tochter. Seit der Frühgeburt reihten sich die Erkrankungen bei dem armen Mädchen auf. Leukämie, Asthma, Muskeldystrophie - das Mädchen saß im Rollstuhl. Und ohne Hilfe sei sie kaum überlebensfähig. Die Gemeinde war schwer besorgt. Denn der Rollstuhl und die benötigten Medikamente fanden die Ermittler im Haus.

Nach einem Tag entdeckte die Polizei die junge Frau. Sie ging mit ihrem Freund Nicholas Godejohn spazieren und aß auch. Aber war das die junge, schwache und kranke Frau, die den Beamten beschrieben worden war? Wie konnte sie sich über Nacht so verändern - und plötzlich laufen? Die Polizisten knöpften sich die Mutter-Tochter-Beziehung genauer vor. Und fanden ein erschreckendes Geheimnis. 

Es begann, als Gypsy Rose drei Monate alt war. Ihre Mutter war sich sicher, dass das Kind schlecht Luft bekommt und vermutete eine Schalfapnoe. Sie schleppte das Baby in Kliniken und ließ unzählige Tests machen - doch die Mediziner fanden nichts. Doch das störte die Mutter nicht, sie war sich sicher, dass ihre Tochter krank sei. Und tat dann alles, damit dies auch so blieb. 

Wenn Mütter krank machen

Mediziner sprechen vom "Münchhausen-Syndrom", einer psychischen Erkrankungen, die Dee Dee dazu veranlasste, die eigene Tochter krank zu machen. Ihre mütterliche Hilfe und Fürsorge bauchte sie nun nicht mehr dosieren. Das Kind war der Mutter und ihrer krankhaften Liebe ausgeliefert. Auch in die Schule durfte die Kleine nicht, zu krank sei sie. Ab der zweiten Klasse unterrichtete sie die Mutter zu Hause. Da Gypsy offiziell an Leukämie litt, rasierte Dee Dee die Haare der Tochter ab. Die würden sowieso ausfallen, sagte sie. Dann machen wir es lieber ordentlich.

Da Gypsy von zig Ärzten behandelt wurde, kam immer wieder der Moment auf, an dem die Mediziner misstrauisch wurden. Dann wechselte Dee Dee sofort die Praxis. Zu Hause hortete sie ein ganzes Arsenal an Pillen und Fläschchen, Säften und Dragees. Einige davon hatten schwere Nebenwirkungen, einmal fielen dem Mädchen sogar die Zähne aus. Doch kein Arzt verständigte das Amt oder die Polizei

Spenden für Mutter und Tochter

Im Jahr 2008 zogen das Mutter-Tochter-Gespann nach Springfield. Doch erzählte Dee Dee, dass der Hurrikan Katrina ihnen Haus und allen Besitz genommen habe. Inzwischen glauben die Ermittler diese Geschichte nicht mehr. Die Bewohner sammelten Spenden und nahmen die allein erziehende Mutter und das sehr kranke Mädchen auf. Eine Wohlfahrtsorganisation stellte ihnen ein Haus zur Verfügung, die Gemeinde spendete so fleißig, dass Dee Dee und Gypsy gemeinsam Disney World in Florida besuchen konnten. 

Irgendwann setzte die Mutter Gypsy in einen Rollstuhl. "Sie hätte natürlich weglaufen können, doch niemand weiß, wie es sich anfühlt, im eigenen Haus im Rollstuhl zu sitzen und wie eine Geisel festgehalten zu werden", erklärt die Regisseurin, Erin Lee Carr, die eine Doku über den Fall gedreht hat. "Sie liebte es natürlich auch, nach Disney World zu fahren, die vielen Geschenke und die Aufmerksamkeit." 

Kein Kontakt zu anderen Menschen

Doch Gypsy wurde selbstständiger und forderte mehr Freiheiten ein. Doch in dem Ort hatte Dee Dee viel Unterstützung. 2010 soll Gypsy 14 Jahre alt gewesen sein  - dabei war die junge Frau längst 19 Jahre alt. Nachprüfen ließ sich das nicht, angeblich waren durch den Hurrikan alle Unterlagen zerstört worden. Die Mutter hatte längst alle sozialen Kontakte von Außenstehenden zu dem Kind unterbunden. Keine Freunde, keine Bekannten, keine Hobbys, die sie hätte teilen können - das Mädchen lebte in ihrem Haus in fast vollständiger Isolation. Eines Nachts stand sie vor dem Haus der Nachbarn und bat darum, ins Krankenhaus gefahren zu werden. Dee Dee entschärfte die Situation, die Medikamente würden das Kind verwirren. Dass sie gehen könne, sei der Lernerfolg. Ein kurzfristiger, natürlich. "Dee Dee war gut darin, einen davon zu überzeugen, dass es Probleme gab und es Gypsy sehr schlecht ging", sagte der Vater in der HBO-Dokumentation über den Fall.

Ab diesem Zeitpunkt nutzte Gypsy heimlich das Internet, wenn ihre Mutter zu Bett gegangen war. Dort surfte sie durch Online-Chats und Dating-Plattformen. Sie hoffte, dass einer dieser Männer sie aus ihrem Leben retten würde. Die Mutter kam dahinter und fesselte sie regelmäßig ans Bett und drohte, ihre Finger mit einem Hammer zu brechen, sollte sie noch einmal heimlich chatten. 

Die erste große Liebe ist ein Mörder

Doch Gypsy tat es. Und lernte bei einem christlichen Flirtportal Nicholas Godejohn kennen. Sie schrieben sich viel, Gypsy war das erste Mal verliebt. Zwei Jahre später trafen sie sich das erste Mal, als Dee Dee allein unterwegs war und Gypsy zu Hause warten sollte. Doch die traf sich mit Nick im Kino, sie sollen sich den Disney-Film "Cinderella" angesehen haben. Sex sollen sie auch gehabt haben. Und irgendwann schmiedeten die beiden einen Mordplan. In der Doku berichtet Gypsy: "Ich und Nick unterhielten uns eines Abends und er sagte, er würde alles tun, um mich zu schützen. Und ich fragte ihn: 'Alles?' und er sagte: 'Ja'. 'Egal, vor wem?', fragte ich. 'Ja'. 'Sogar meine Mutter?', fragte ich. Und er sagte: 'Ja'."

Am Abend des 14. Juni 2015 ließ Gypsy Nick ins Haus. Sie solle sich im Badezimmer verstecken und die Ohren zuhalten, soll er zu ihr gesagt haben. Und das tat sie. "Sie rief nach Hilfe und immer wieder meinen Namen", berichtet Gypsy in der HBO-Doku. Aber es habe nicht wie in einem Horrorfilm geklungen, sondern eher wie ein erschrockener Schrei. "Und zu diesem Zeitpunkt wollte ich ihr so ​​sehr helfen, aber ich hatte Angst, aufzustehen. Es ist, als würde sich mein Körper nicht bewegen. Dann ist alles still geworden", so Gypsy zu "ABC NEWS". Nach der Tat räumten sie den Safe leer um mit den 4000 erbeuteten Dollars in einem Motel zu feiern. Einen Tag später wurden beide verhaftet.

Gypsy wurde zu Mord zweiten Grades verurteilt, sie hatte zuvor die Tat und ihre Anstiftung dazu gestanden. Frühstens 2024 kann sie auf Bewährung hoffen. Inzwischen gibt es eine Petition, die ihre Freilassung fordert. Die Begründung: Gypsy sei selbst Opfer und demnach nicht schuldig. Nicholas Godejohn wurde am vergangenen Freitag zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Psychologe hatte in einem Gutachten festgestellt, dass Goejohn autistische Züge aufweist und einen verminderten IQ besitzt.