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Deutsches "Making a Murderer"?: Werner Mazurek sitzt seit zehn Jahren in Haft - für eine Tat, die er nicht begangen haben will

Jahrzehntelang konnte kein Täter im Todesfall Ursula Herrmann gefunden werden. Doch kurz vor der Verjährung wird 2010 ein Mann verurteilt. Er beteuert seine Unschuld, klare Beweise gegen ihn fehlen - und der Vergleich zu einer populären Netflix-Doku zwingt sich auf.

Natürlich behaupten viele Häftlinge in Deutschland, sie säßen unschuldig im Gefängnis. Natürlich trifft das nur in den wenigsten Fällen wirklich zu. Natürlich gibt es aber auch Geschichten, die lassen einen rätseln, zaudern, am Kinn kratzen. Ganz besonders groß wird die Fragezeichen dann, wenn auch Anwälte zweifeln. Also beide Anwälte. Die der Opferseite und die der Täterseite. Der Fall von Werner Mazurek ist so ein Fall. Ein Fall mit vielen, großen Fragezeichen.

Werner Mazurek sitzt seit 2008 eine lebenslange Freiheitsstrafe ab. Zu Unrecht, wie er findet. Der 67-Jährige bestreitet, im September 1981 die damals zehnjährige Ursula Herrmann entführt und in einer Kiste im Wald vergaben zu haben, in der sie letztlich erstickte. Bei Mazurek ist die Schuldfrage nicht so eindeutig. Seine Verurteilung im Jahr 2010 erinnert in Teilen an die sehr populäre Netflix-Doku "Making a Murderer". Darin wird der Prozess gegen Steven Avery begleitet, der eine junge Frau vergewaltigt, getötet und verbrannt haben soll. Dieser bestreitet das bis heute, die Netflix-Doku schürt zumindest Zweifel daran, dass ihm ein faires Verfahren zu Teil wurde.

+++ Mehr zur Entführung, der versuchten Erpressung der Eltern und dem Tod von Ursula Herrmann lesen Sie hier im stern +++

Die Fälle von Avery und Mazurek weisen mehrere Parallelen auf: Beiden bricht letztlich das zurückgezogene Geständnis eines angeblichen Komplizen das Genick; bei Avery war es sein lernbehinderter Neffe, bei Mazurek ein alkoholkranker Tagelöhner aus seinem Dorf. In beiden Fällen gingen die Ermittler merkwürdig mit dem Verdächtigen um: Mazureks Telefone werden mehr als 25 Jahre nach der Tat ohne neue Beweise gegen ihn angezapft und obwohl dabei nichts Belastendes gefunden wird, durchsuchen die Beamten anschließend sein Haus. Bei Avery drängt sich während der Dokumentation der Verdacht auf, dass Polizisten Beweise gegen ihn am Tatort platziert haben. Und zu guter Letzt: Beiden wird während des Prozesses ihr Charakter zur Last gelegt, weil beide Jahre vor den Taten ein Haustier getötet hatten. Avery schmiss eine in Benzin getränkte Katze ins Feuer, Mazurek sperrte den Familienhund in die Tiefkühltruhe.

+++ Mehr zu den jahrzentelangen Ermittlungen und dem Prozess gegen Werner Mazurek lesen Sie hier im stern +++

Keine klaren Beweise gegen Werner Mazurek

Anders als bei Avery fehlen aber bei Mazurek belastende Beweise gänzlich. Es gibt lediglich Indizien. Das Urteil von 2010, das dem stern vorliegt, stützt sich hauptsächlich auf zwei Säulen: Ein LKA-Gutachten, demzufolge ein bei Mazurek 27 Jahre nach der Tat gefundenes Tonbandgerät "wahrscheinlich" bei der Entführung benutzt wurde; und eben auf das fast 30 Jahre alte, widerrufene Geständnis des Mitverdächtigen. Dieser hatte Mazurek 1982 schwer belastet und angegeben, in seinem Auftrag ein Loch im Wald gegraben zu haben. Doch Klaus P., ein alkoholkranker Teilzeitkrimineller, zog sein Geständnis nach nur drei Stunden zurück. Er habe es nur auf die Belohnung für Hinweise abgesehen gehabt. Die Ermittler nahmen den Zeugen P. ohnehin nicht für voll und konzentrierten sich auf andere Verdächtige.

Das Gericht kommt fast 30 Jahre später zu einer anderen Einschätzung, obwohl sie den inzwischen verstorbenen P. nicht mehr befragen können, um seine Glaubwürdigkeit einschätzen. Dennoch wird sein Geständnis als glaubhaft eingestuft, der Widerruf dessen zur Lüge erklärt. Der Tote wird zum Hauptbelastungszeugen und bringt Mazurek schließlich hinter Gitter.

Werner Mazurek bei der Urteilsverkündung im März 2010 im Landgericht Augsburg

Werner Mazurek bei der Urteilsverkündung im März 2010 im Landgericht Augsburg. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Ursula Herrmann entführt und die Kiste gesperrt hat, in der sie starb.

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Zu den beiden Hauptindizien kommen noch kleinere hinzu: Zwei Zeugen wollen in Mazureks Wohnung ein Fernglas gesehen haben, ähnlich einem am Tatort gefundenen. Wem dieses gehört, wird nie geklärt. Zudem würde ein bei der Tat benutztes Gürtelstück zu Mazureks Statur passen. Außerdem habe er die handwerklichen Fähigkeiten für die Tat und kein Alibi. All das trifft sicher nicht nur auf ihn zu. Zur Last legt das Gericht Mazurek auch, wöchentlich die "Bild"-Zeitung zu lesen - unter anderem aus dieser wurde ein Erpresserbrief zusammengestellt.

Zivilverfahren als Hoffnung für neuen Strafprozess

Die Indizien überzeugen aber auch die Familie des Opfers nicht restlos, zumal in dem Urteil mehrfach von "mindestens einem unbekannten Mittäter" die Rede ist. In einem aktuellen Zivilverfahren klagt Ursulas Bruder, Michael Herrmann, daher vordergründig auf Schadensersatz wegen seelischer Belastung durch den Strafprozess. Sein zweites Ziel: Er will erneut klären lassen, ob Mazurek tatsächlich schuld ist. Davon ist er nämlich nicht überzeugt, wie er dem stern bereits 2015 sagte. Das Zivilgericht kann auch entgegen des Urteils im Strafverfahren entscheiden. Ähnlich war es im Fall Harry Wörz, der zunächst des versuchten Totschlages schuldig gesprochen wurde, ehe ein Zivilgericht seine Schuld anzweifelte, der Fall schließlich neu aufgerollt und er freigesprochen wurde.

Wie entscheidet das Zivilgericht?

Das erhofft sich auch der Verteidiger von Werner Mazurek. Ebenso wie der Anwalt von Michael Herrmann ist er jedoch skeptisch, dass sich das Zivilgericht gegen die Entscheidung aus dem Strafprozess stellen wird. Bisher hätte die Kammer beiden Anwälten zufolge stets versucht, den Schuldspruch aufrecht zu erhalten. Zunächst ließ das Gericht eigenständig überprüfen, ob Michael Herrmann tatsächlich seelisch unter dem Strafprozess gelitten hat, obwohl beide Parteien dies gar nicht bestritten hatten. Das Gutachten bejahte diese Frage, dennoch wollte das Gericht die Klage abweisen. Daraufhin beantragte Herrmanns Anwalt die Ladung des Gutachters, was letztlich zur Zulassung der Klage führte.

Später verkündete das Gericht, zum Tonband keine neuen Ausführungen zu wünschen, obwohl der Verteidiger ein neues Gutachten dazu vorliegen hat. Daraufhin hatten beide Seiten beantragt, zumindest die Tonband-Gutachterin aus dem Strafprozess noch einmal zu laden. Am Donnerstag gab das Ziviligericht diesen Anträgen statt. Am 21. Juni soll die LKA-Gutachterin in den Zeugenstand und von den Anwälten zu ihrer damaligen Analyse befragt werden. Mazureks Anwalt, Walter Rubach, hofft das Gutachten aus dem Strafprozess so entkräften zu können.

Neue Gutachten sollen Mazurek entlasten

Das von ihm beauftragte neue Gutachten zum Tonbandgerät kommt nämlich zum Ergebnis: Das beim Verurteilten gefundene Gerät könne man nicht einmal "wahrscheinlich" der Tat zuordnen. Unabhängig davon drängt sich ohnehin die Frage auf, warum dieses bei der ersten Hausdurchsuchung nicht gefunden wurde, Mazurek es dann aber beim Umzug mitgenommen und jahrzehntelang aufbewahrt haben soll, wenn es ihn doch mit dem Verbrechen in Verbindung bringe. 

Ein anderes Gutachten, ebenfalls von Verteidiger Rubach beauftragt, zweifelt an, dass das widerrufene Geständnis "erlebnisfundiert" sei, wie es im Amtsdeutsch heißt. Es sei nicht auszuschließen, dass er sich alles - wie auch von ihm selbst später mehrfach beteuert - ausgedacht habe. Mehrere Zeugen im Strafprozess beschrieben den toten Belastungszeugen als jemanden, auf dessen Aussagen man sich nicht verlassen könne. So lag sein zurückgezogenes Geständnis seit 1982 in den Akten, ohne dass jemals deswegen Anklage erhoben wurde.

Hinzu kommt die Verwirrung um eine DNA-Spur, die auf der Kiste gefunden wurde, in der Ursula starb. Diese stammt auf jeden Fall nicht von Mazurek. Kurioserweise stimmt sie aber mit einer im Mordfall Charlotte Böhringer gefundenen DNA-Probe überein. Auch dort bestreitet der verurteilte Neffe bis heute die Tat. Ermittler vermuten eine Verunreinigung der Proben, bewiesen wurde dies jedoch trotz intensiver Überprüfung nie. Böhringer wurde 2006 in München, nicht weit von Eching entfernt, erschlagen.

Wer seine Unschuld beteuert, arbeitet nicht am Vollzugsziel mit

Mazurek, der 1950 in Oberhausen geboren wurde, zog später wegen eines Jobs als Fernsehtechniker nach Eching am Ammersee, den Ort des Verbrechens. Er war damals wegen seiner Geldprobleme schnell ins Visier der Ermittler geraten. Rund 130.000 D-Mark Schulden hatte Mazurek angehäuft, musste sein kleines Technikgeschäft kurz vor der Tat aufgeben. Nur wenige Tage nach dem Fund der Leiche von Ursula im Oktober 1981 wurde sein Haus durchsucht. Dabei wurde nichts gefunden, was ihn mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht hätte. Dennoch wurde er Anfang 1982 zwischenzeitlich verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen. Für eine Anklage gegen ihn gab es keine Anhaltspunkte.

Im Jahr 1991 waren die Ermittlungen in dem Fall sogar zunächst komplett eingestellt worden, weil die Ermittlungsansätze erschöpft schienen. Doch zu Beginn des neuen Jahrtausends wuchs bei den Behörden die Sorge vor der Verjährung. Was Ursula geschah, war Menschenraub mit Todesfolge und wäre 2011 verjährt. Vier Jahre vorher zapften die Behörden Mazureks Telefone an, ohne dass neue Beweise gegen ihn vorlagen. Abschriften davon liegen dem stern vor. In zwei Telefonaten ging es um das Thema Verjährung und den Fall Herrmann. Allerdings belastete sich Mazurek dabei nicht und nach den Ermittlungen gegen ihn könnte er auch als Unschuldiger ein Interesse an der Verjährung gehabt haben. Wenig später durchsuchte die Polizei sein Haus und beschlagnahmte das alte Tonbandgerät. Seitdem sitzt er in Haft.

Der heute 67-Jährige hat seinem Anwalt zufolge wohl auch schlechtes Chancen auf eine frühzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren. Diese wäre bei einem lebenslänglich Verurteilten, bei dem nicht die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde, durchaus nicht unüblich. Weil Mazurek aber die Tat bestreitet, arbeitet er nicht am "Vollzugsziel" mit, also an seiner Resozialisierung. Dasselbe Problem hatte Steven Avery aus "Making a Murderer" bei seiner ersten Haftstrafe für ein anderes Verbrechen. Damals saß er 18 Jahre lang nachweislich zu Unrecht im Gefängnis.