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Emanzitiert: Die Zumutung: Die Befragung von Christine Blasey Ford zeigt, warum Opfer schweigen

War es  nötig, die Vorwürfe gegen Brett Kavanaugh öffentlich zu behandeln? Nun, es hat zumindest deutlich gezeigt, warum viele derer, die sexualisierte Gewalt erleiden, nie Anzeige erstatten.

Stellen wir uns vor, Christine Blasey Ford, 51, wäre nicht Doktorin der Psychologie, keine Universitätsprofessorin oder Expertin für Depressionen und wäre nicht als Tochter einer gutsituierten, bildungsorientierten Familie geboren worden. Stellen wir uns vor, sie hätte noch nie vor vielen Menschen gesprochen, besäße keinen umfangreichen Wortschatz, hätte weder Ahnung von Fremdwörtern noch Erfahrung mit Versammlungen in einschüchterndem Rahmen und betont professioneller Atmosphäre.

Stellen wir uns vor, Christine Blasey Ford wäre eine Frau mit Pflichtschulabschluss aus dem Arbeiterviertel irgendeiner Stadt, hätte ein bis zwei Teilzeitjobs, zwei Kinder, die sie gerade mal durchbringt, nur wenige Freunde, kaum Kontakt zu Verwandten. Versuchen wir uns zu vergegenwärtigen, wie sie sprechen, sich kleiden, vor einer Versammlung fremder Menschen auftreten, Fragen beantworten würde. Sie würde nicht respektvoll mit "Doctor Ford" angesprochen, die eloquente Wissenschaftlerin mit der geschliffenen Sprache und dem starken Auftritt, der ihre Vorwürfe umso glaubhafter erscheinen lässt (eine irreführende Annahme, aber dieses Thema verdiente einen eigenen Kommentar). Stellen wir uns vor, sie hätte nicht die Mittel, sich selbst und ihre Familie gegebenenfalls in Sicherheit zu bringen – vor Menschen, die sie nach Bekanntwerden der Vorwürfe in sozialen Netzwerken, in E-Mails, am Telefon oder persönlich bedrohen. Wäre Christine Blasey Ford eine solche Frau, wie wir sie uns gerade vorstellen – hätte sie den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung gegen einen Mann, der reicher, mächtiger und besser vernetzt ist als sie, je öffentlich gemacht?

Opfer müssen sich die Aussage leisten können

Wobei – wir müssen so ein Bild gar nicht beschwören. Auch Ärztinnen oder Richterinnen erstatten nach erfahrener sexueller Gewalt keine Anzeige. Im Grunde genügt die Vorstellung, dass ein Mensch sich – aus welchem Grund auch immer – außerstande sieht, sein Trauma vor anderen Menschen noch einmal zu durchleben.

Die Befragung durch den Justizausschuss des US-Senats, der noch am Freitag über die Bestellung des Nominierten Brett Kavanaugh zum Richter am Obersten Gerichtshof entscheiden soll, war für Christine Blasey Ford sichtlich schmerzhaft und erniedrigend. Möglicherweise war das öffentliche Spektakel auch nicht notwendig, um die Eignung Kavanaughs festzustellen. Die Inszenierung, von Senatoren beider Lager für politische Ränke missbraucht, war dennoch wichtig – zeigte sie doch deutlich, was Menschen erwartet, die jemanden der sexualisierten Gewalt bezichtigen, der ihnen gegenüber in irgendeinem Vorteil ist.

Wäre Christine Blasey Ford nicht, wer sie ist, hätte sie nicht den Beistand einer ganzen Armee von Unterstützern, lebte sie nicht in einer Zeit, in der sexualisierte Gewalt nicht mehr als Kavaliersdelikt gilt, sondern als Straftat, hätte die #metoo-Bewegung nicht eine Bresche in die dicken Mauern einer über Jahrhunderte gewachsenen Bruderschaft privilegierter Söhne – und die mindestens so dicke Mauer des Schweigens ihrer Opfer geschlagen, sie hätte Brett Kavanaugh wohl nie als Täter benannt. Sie wäre einfach nur eines der zwei Drittel von Opfern sexualisierter Gewalt in den USA, die ihr Trauma lieber mit ins Grab nehmen, als sich der zerstörerischen Prozedur eines Gerichtsverfahrens zu stellen – und  ihren Peiniger nie anzeigen.

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Seite, jeder nur einen Post.

Im Video: Was bisher über die Sex-Vorwürfe gegen Brett Kavanaugh bekannt ist

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