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Unwetter in Deutschland Wann und warum Talsperren an ihre Grenzen kommen

Nordrhein-Westfalen, Möhnesee: Scheinwerfer illuminieren die Möhnetalsperre
Nordrhein-Westfalen, Möhnesee: Scheinwerfer illuminieren die Möhnetalsperre
© Julian Stratenschulte / DPA
Mehrere Talsperren in Nordrhein-Westfalen laufen angesichts der heftigen Unwetter voll. Ein Grund zur Sorge? Und wie funktionieren die Stausysteme eigentlich?

Um ein Gefühl für die schieren Wassermassen zu bekommen, die sich zur Zeit durch Westdeutschland schieben und Schlagzeilen schreiben, hilft womöglich ein Gang ins Badezimmer. Bis zu 180 Liter fasst eine geläufige Badewanne – und damit etwa 0,0000008 Prozent von dem, was in die Bevertalsperre passt. In anderen Worten: Sie müssten 132 Millionen Badewannen einlassen, um mit ihrem schieren Fassungsvermögen mithalten zu können. 

Und doch waren es für die Bevertalsperre ein paar Badewannenladungen zu viel.

Die Bevertalsperre ist in Hückeswagen, trotz ihres Fassungsvermögens von 23,7 Millionen Kubikmetern, in der Nacht zu Donnerstag übergelaufen. Rund 1500 Menschen mussten dort ihre Häuser und Wohnungen verlassen. "Bei den Evakuierungsmaßnahmen muss viel mit dem Boot gemacht werden, weil die Straßen nicht mehr befahrbar sind", zitierte die "Rheinische Post" einen Polizeisprecher. Land unter im Oberbergischen Kreis.

Wie konnte es dazu kommen?

Zu viel Wasser, zu wenig Platz

Heftige Unwetter und Dauerregen sorgen in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens für Chaos, vollgelaufene Keller, Überschwemmungen – und brechend volle Talsperren. Wie auch die Hennetalsperre, die südlich der Kreisstadt Meschede liegt. 

Dort liefen am Mittwochnachmittag 29 Kubikmeter Wasser (29.000 Liter) pro Sekunde zu, während nur zwölf Kubikmeter pro Sekunde abgegeben wurden, erklärte Ruhrverbandsprecher Markus Rüdel auf Anfrage des Lokalmediums "24 Rhein". Je nachdem, ob und wo der starke Niederschlag runterkomme, könne es daher auch zu überlaufenden Talsperren kommen. Aus den starken Niederschlägen folgt sozusagen die verheerende Extra-Badewannenladung, die auch die Bevertalsperre an ihre Grenzen gebracht hat.

Aber wozu eigentlich Talsperren? Ihre Funktion lässt sich – kurz – so zusammenfassen: Sie soll ein fließendes Gewässer aufstauen. Im Fall der Bevertalsperre aus verschiedenen Gründen, aber dazu später mehr. Das sogenannte Absperrbauwerk der Bevertalsperre, sozusagen das Dichtsystem, besteht unter anderem aus einem Sand-Kiesgemisch. Auch eine Stahlblechwand und verschiedene Lehmschichten halten das System dicht, wie der Steckbrief offenbart. 

Seit 1938 ist die Bevertalsperre in Betrieb, deren Bau gleich mehrere Probleme lösen sollte. Hochwässer an der Wupper verursachten Schäden in den umliegenden Städten und Gemeinden, in Trockenzeiten floss hingegen nur wenig Wasser durch den Fluss. Die Folge: ein Wassermangel für Triebwerke und Wasserentnehmer.

Insofern erfüllt die Bevertalsperre mehrere Zwecke: Sie speichert größere Regenmengen – zum Schutz vor Hochwasser, einerseits, und zur Sicherung des Wasservorrats, andererseits. Auch zur Energieerzeugung trägt die Anlage bei. Allerdings weist der Wupperverband, der diese und weitere Talsperren im Einzugsgebiet der Wupper betreibt, in einem Fyler auch auf die "zahlreichen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung" an der Bevertalsperre hin: Wandern, Camping, Angeln, Tauchen, Segeln und Boot fahren – eine Stauanlage kann auch Spaß machen, soll das wohl heißen.

Talsperren in Nordrhein-Westfalen laufen voll

Daran ist aktuell nicht zu denken. Noch läuft in vielen Talsperren um die Wupper das Wasser über, auch in der Bevertalsperre, wie auf einer Live-Karte des Verbands zu beobachten ist. "In Folge der Niederschläge der vergangenen Stunden sind die Pegel flächendeckend angestiegen, Warn- und Meldegrenzen sind überschritten", wird die aktuelle Situation (Stand: Donnerstag, 15. Juli, 10.03 Uhr) zusammengefasst.

Auch an der Steinbachtalsperre ist die Lage kritisch. Wegen der Gefahr eines Dammbruchs an der Talsperre werden zwei Ortsteile von Rheinbach evakuiert, wie die örtliche Feuerwehr Rheinbach am Donnerstagmittag mitteilte. "Eine Vorsichtsmaßnahme", wie es heißt. Laut "Kölner Stadt-Anzeiger" werde derzeit Wasser aus der Steinbachtalsperre abgepumpt.

Talsperren sind für starken Wasserzufluss ausgerüstet, betont Ruhrverbandsprecher Rüdel gegenüber "24 Rhein". Demnach hätten alle Talsperren einen Notüberlauf, über den überschüssiges Wasser kontrolliert abgeführt werde. "Der Druck auf die Staumauer wird dann zwar sehr hoch", erklärte eine Sprecherin des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen auf "24 Rhein"-Nachfrage, "aber die Mauern sind dafür ausgebaut, einen bestimmten Druck auszuhalten". Das Überlaufen ließe sich gut regulieren.

Nach Angaben des Deutschen Talsperrenkommitees e. V. (DTK), das sozusagen als deutsche Vertretung im internationalen Talsperrenwesen fungiert, gibt es 371 große Talstellen in Deutschland. Wo sich die größeren Talsperren befinden, zeigt das DTK auf einer Karte (die Sie hier finden). 

Quellen: Wupperverband (Talsperren, Bevertalsperre, Hochwasserportal), "24 Rhein", "Rheinische Post", "Kölner Stadt-Anzeiger", Deutsches Talsperrenkommitee e. V.

fs

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