Terror-Experte Sageman "Al-Kaida wird schwächer"


Marc Sageman kennt die Ursprünge des Dschihad-Terrorismus wie kein anderer: Er unterstützte die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjettruppen und war CIA-Verbindungsmann in Pakistan. Im stern.de-Interview erklärt der Psychiater und Professor, warum gerade die jüngsten gescheiterten Anschläge zeigen, dass al-Kaida an Kraft verliert.

Waren Sie überrascht von den Profilen der drei vergangene Woche in Deutschland verhafteten Terrorverdächtigen?

Nein. Das Profil der Attentäter verbreitet sich zusehends und hat mit der ersten Generation von al-Kaida bis auf die Ideologie nur noch sehr wenig zu tun.

Warum?

Weil die trainierten, gut ausgebildeten Terroristen der ersten Generation fast alle tot, gefangen, isoliert sind.

Wachsen da keine nach?

Das ist schwierig geworden, der Druck ist immens hoch. Junge Männer, die nach Pakistan gehen, um dort Kontakt zu al-Kaida zu finden, kommen an die kaum noch gar nicht heran. Einzig Pakistanis aus Großbritannien haben es da etwas leichter dank ihrer Verwandtschaftskontakte, zumal die meisten aus Kaschmir kommen, ein einstigen Hochburg der Radikalen. Aber für Deutsche und andere ist das sehr schwierig geworden. Die suchen nach al-Kaida, aber al-Kaida sucht nicht nach ihnen - schlicht, weil die einstigen Rückzugsgebiete nicht mehr sicher sind. Früher konnte al-Kaida sich die besten aus hunderten aussuchen, heute nicht mehr.

Aber die Dschihadisten können sich doch längst alle relevanten Informationen aus dem Internet besorgen?

Das tun sie auch, aber es reicht nicht. Außerdem haben sich die Profile verändert. Zwischen den Tätern der ersten und der heutigen, dritten Generation von Attentätern gibt es immense Unterschiede. Die zweite Generation waren noch Leute wie Atta, die aus muslimischen Ländern nach Europa gekommen waren. Aber mehr und mehr sind es Täter, die komplett im Westen großgeworden sind. Ihre Ideologie mag aus der arabisch-islamischen Welt kommen, aber sie selber kommen nicht mehr daher. Die Attentäter von Glasgow zum Beispiel waren hochgradig gebildete Leute - aber sie hatten keine Ahnung und kein Training, wie man Anschläge begeht.

Ist das der Grund, warum mehr als ein halbes Dutzend Attentatsversuche in den vergangenen zwei Jahren in Europa gescheitert sind, die Täter entweder vorher verhaftet wurden oder schlicht scheiterten?

Al-Kaida verändert sich fortwährend, nur nimmt das die Öffentlichkeit im Westen kaum wahr: Die Motive verschieben sich. Die Täter sind keine Soldaten, keine planenden Terroristen mehr, die tatsächlich alles daran setzen, nur erfolgreich einen Anschlag zu begehen. Sie sind geltungsbedürftig, finden das Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei aufregend, wollen gar nicht so diskret sein. Außerdem sind es oft nicht die Klügsten. Es ist ein Fehler, sie nur von ihrem letzten Ziel, dem Anschlag her zu beurteilen. Man muss das ganze Profil sehen. Außerdem werden sie jünger. Die von mir untersuchten waren im Schnitt 26, auch das verschiebt sich.

Das heißt, die Attentäter von heute passen nicht mehr ins Bild vom reinen Fanatiker, der ins Paradies will?

Dass passten sie nie. Diese ganzen Klischees, die in den Köpfen herumgeistern von armen, sexuell frustrierten Jugendlichen, die in der Koranschule ihre Gehirnwäsche erhalten haben, sind schlicht Unsinn: Die Mehrheit der untersuchten Täter selbst aus den neunziger Jahren waren schon auf säkulare Schulen gegangen, verheiratet, hatten Kinder und gehörten der Mittelklasse an.

Aber was haben Sie dann überhaupt gemeinsam?

Sich, die anderen. Die Kernzellen kannten sich schon lange vor den ersten Schritten zur Tat. Sie radikalisierten sich gemeinsam und suchten dann den Kontakt zu al-Kaida - nicht umgekehrt.

Was hält den weltweiten Dschihad denn ideologisch am Leben?

Die wichtigste Rolle spielt der Krieg im Irak, die als Eroberung empfundene Invasion der USA. Das ist das große Thema, mit dem neue Rekruten gefunden werden - um in Europa Anschläge zu verüben ebenso, wie um in den Irak zu gehen. Der Irak-Krieg hat die islamische Gemeinde weltweit galvanisiert. Vorher war es vor allem Tschetschenien, was meines Wissens auch der ursprüngliche Einsatzort für Atta und die anderen war, die dann umgeleitet wurden.

Stimmt die Sorge von Fahndern und Politikern, dass diese Kämpfer nach ihrer Rückkehr aus dem Irak in ihre Heimatländer ähnlich wie damals die Mudschaheddin nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan eine terroristische Elite bilden könnten?

Nein. Die in den Irak gehen, werden dort sterben. Auch, weil die lokalen Gruppen vor allem einen Einsatzweck für die ortsunkundigen Ausländer haben: Selbstmordanschläge zu begehen. Das Problem sind jene Ausländer, die in die pakistanischen Stammesgebiete gehen, sich dort trainieren zu lassen, um dann Anschläge in ihren Heimatländern zu verüben. Aber insgesamt kippt in vielen muslimischen Ländern die Stimmung - dort, wo al-Kaida gegen die eigene Bevölkerung gebombt hat, in Jordanien, Marokko, Indonesien, verändert sich die bisherige Indifferenz, Bevölkerung und Regierungen wenden sich gegen die Dschihadisten.

Politiker und Sicherheitsexperten in Deutschland äußern aber die Sorge, dass al-Kaida immer stärker werde...

Wenn ich das immer höre, "al-Kaida wird stärker, gefährlicher", das stimmt doch in der Summe gar nicht. Die Gefahr bleibt, aber al-Kaida wird schwächer. Seit Juli 2005 haben sie kein Attentat mehr in Europa verübt. Sie haben es versucht, aber vergeblich. Es scheint, als ob jene, die es könnten, nicht tun. Und die es wollen, können es nicht.

Interview: Christoph Reuter

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker