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Rekord-Inflation Wachsende Armut: Tausende Menschen aus der Türkei fliehen nach Deutschland

Türkische Familie sitzt an einem Brunnen
Die wirtschaftliche und politische Lage in der Türkei ist prekär. Die tatsächliche Inflation wird auf 185 Prozent geschätzt.
© ZUMA Wire / Imago Images
Die politische und wirtschaftliche Lage in der Türkei spitzt sich zu. Besonders die finanzielle Not treibt viele, meist junge Menschen in die Flucht. In diesem Jahr waren es laut Polizeiangaben bereits mehr als 5000. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Sie sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat: Fast 82 Prozent der 17- bis 30-jährigen Menschen in der Türkei würden die Heimat verlassen und im Ausland leben, wenn sie könnten. Es sind vor allem zwei Faktoren, die die Abwanderung befeuern. Zum einen die Politik, die immer strengeren Gesetze, die die Meinungsfreiheit einschränken. Zum anderen die prekäre wirtschaftliche Lage, die historisch hohe Inflation und die wachsende Armut. Die aktuelle Lage hat in diesem Jahr bereits tausende Menschen zu Flucht veranlasst, wie aus einem Bericht der "Deutschen Welle" hervorgeht.

Tausenden Menschen aus der Türkei stellen Asylanträge

Nach eigenen Angaben hat die Bundespolizei im gesamten Jahr 2020 bis einschließlich September 5362 unerlaubt eingereiste türkische Staatsangehörige festgesetzt. Das entspreche einem Anstieg von 254 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Noch höher ist die Zahl der Asylanträge. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben fast 16.000 türkische Schutzsuchende in diesem Jahr einen Asylantrag gestellt, 3324 gingen allein im Oktober bei der Behörde an. Bei der großen Mehrheit handelt es sich um Erstanträge. Damit ist die Türkei das dritthäufigste Herkunftsland Asylsuchender nach Syrien und Afghanistan.

Seit dem gescheiterten Militärputsch 2016 verzeichnet die Türkei eine immer höhere Anzahl an Abwanderungen. Dabei handelt es sich vor allem um junge und hoch qualifizierte Menschen. Der türkische Ärzteverband TTB berichtet von einer Vielzahl von Medizin-Studenten, die mit dem Universitätsabschluss sofort die Heimat verlassen wollen. Im laufenden Jahr haben bereits 2000 Ärzte eine Arbeitsbescheinigung fürs Ausland beantragt. Die türkische Statistikbehörde zählte 2019 insgesamt 330.289 Abwanderungen. Für die folgenden Jahre gibt es keine Angaben. Oppositionspolitiker und türkische Wissenschaftler vermuten dahinter eine politische Entscheidung, um das Ausmaß der Emigration zu verheimlichen.

Kein Geld für Grundbedürfnisse 

Laut einem Bericht der "Allgemeinen Zeitung" stammen die meisten Türken, die nach Deutschland kommen, aus westlich geprägten Städten. Istanbul, Ankara, Antalya und Izmir. Doch die Not ist im ganzen Land groß. Die Inflation liegt nach offiziellen Angaben bei 85,5 Prozent. Die ENAG, eine unabhängige Gruppe von Wissenschaftler, geht jedoch von 185 Prozent aus. Die Armut wird immer größer, viele Menschen können nicht einmal mehr für ihre Grundbedürfnisse aufkommen. Hinzu kommen Millionen Arbeitslose. "Insbesondere junge Flüchtlinge berichten uns, dass sie in ihrer Heimat keine Perspektive sehen, keine Hoffnung haben", sagt Dündar Kelloglu, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied des Flüchtlingsrats Niedersachsen, der "Deutschen Welle". In Zahlen sind es mehr als 70 Prozent der 17- bis 30-Jährigen, die in der Türkei keine Zukunft für sich sehen.

Passanten auf einem Bazar in Istanbul
Passanten auf einem Bazar in Istanbul. Die Preise für Lebensmittel sind in der Türkei explodiert. Viele können kaum noch Geld für Miete, Strom oder Lebensmittel aufbringen.
© ZUMA Wire / Imago Images

Auch politisch ist die Lage zunehmend brenzliger geworden. Kürzlich verabschiedete das Erdogan-Regime ein neues Gesetz, das das Verbreiten "falscher" oder "irreführender" Informationen mit Haftstrafen von bis zu drei Jahren ahndet. Die genaue Auslegung des neuen Gesetzes – was unter "falsche" und "irreführende" Informationen fällt – liegt in den Händen regierungsnaher Staatsanwälte. Selbst Berufsverbände wie der TTB geraten ins Visier des Regimes, sobald sie von der Regierungslinie abweichen. Der Präsident der Organisation ist Ende Oktober verhaftet worden, nachdem der Ärzteverband wiederholt auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht und Kritik an der Regierung geübt hatte. "Terrorpropaganda", nennt es die türkische Justiz.

Schleuser setzen Flüchtlinge an Grenze ab

Der Drang zur Flucht wächst. Dementsprechend steigt auch die Zahl der Schleuser. Diejenigen, die Flüchtlinge für Geld über die Grenzen bringen. In Rosenheim hat die Polizei Mitte September sechs junge Männer aufgegriffen, die für insgesamt 8000 Euro in einem LKW nach Deutschland transportiert wurden. Nach eigenen Aussagen wollten die Männer im Alter von 18 bis 25 einen Asylantrag stellen und Arbeit suchen. Dass die wirtschaftliche Not in der Heimat keine Grundlage für Asyl ist, hätten sie nicht gewusst. In einem anderen Fall sind elf Flüchtlinge, darunter fünf Erwachsene und sechs Kinder, direkt an der deutsch-österreichischen Grenze abgesetzt worden. Meist kommen die Migranten über die Balkan-Route nach Deutschland.

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen rechnet damit, dass die Zahl der Flüchtlinge weiterhin steigen wird. Vor den Präsidentschaftswahlen kommendes Jahr sei keine Entspannung in Sicht, so Kelloglu. Weder aus politischer noch aus wirtschaftlicher Sicht.

Quellen: "Allgemeine Zeitung", Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, "Deutsche Welle", "Tagesspiegel"

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