Verheugen-Affäre Die Schlammschlacht um den Kommissar


Hand in Hand mit seiner Kabinettschefin Petra Erler hatte sich Günter Verheugen im August 2006 von einem Fotografen ablichten lassen. Ein Verhältnis mit ihr hat der stellvertretende EU-Kommissar dennoch immer abgestritten. Doch jetzt erhebt seine SPD-Kollegin Katrin Fuchs erneut schwere Vorwürfe.

Er hatte es immer wieder abgestritten: Nein, er habe kein Verhältnis mit seiner Kabinettschefin Petra Erler. Und: Ja, die Beziehung zu ihr sei rein freundschaftlicher Natur. Dieses Spielchen trieb der stellvertretende und verheiratete EU-Kommissar Günter Verheugen so lange, bis die Angelegenheit genauso aus den Schlagzeilen verschwand wie die Vorwürfe der Vetternwirtschaft. Doch jetzt wird die Gerüchteküche um das vermeintliche Nicht-Pärchen neu angeheizt. Verheugens SPD-Parteikollegin Katrin Fuchs erhebt in der "Bunten" schwere Vorwürfe. Die 69-Jährige war 15 Jahre lang, bis 1998, Bundestagsabgeordnete und eine Zeit lang Chefin der parlamentarischen Linken. Sie behauptet, dass sie schon lange von seinem Verhältnis zu Erler gewusst habe - wobei diese noch eine ihrer harmloseren Offenbarungen im "Bunte"-Interview war.

Mit ihren Äußerungen könnte Fuchs Verheugen erneut in Bedrängnis bringen. Sollte sie mit ihrer Behauptung Recht behalten, dass er und seine Kabinettschefin, entgegen seine eigenen Beteuerungen, schon lange ein Paar seien, hätte sie Verheugen schlicht als Lügner entlarvt. Ein EU-Kommissar, der lügt - und das ganz öffentlich. Ein unhaltbarer Zustand, nicht nur auf EU-Ebene, auch in der Großen Koalition könnte Verheugens Verhalten für Stunk sorgen. Sollte ihm tatsächlich nachgewiesen werden, dass er mit Erler bereits vor ihrer Beförderung ein Verhältnis hatte, ließen sich zudem die Vorwürfe der Begünstigung kaum noch entkräften. Bundeskanzlerin Angela Merkel bliebe kaum eine andere Wahl, als den SPDler aus Brüssel abzuziehen und stattdessen turnusgemäß einen CDU-Kandidaten dort einzusetzen. Dass die SPD davon wenig begeistern sein dürfte, liegt auf der Hand. Allerdings wäre damit endlich ein Ende unter eine schon lange tobende Schlammschlacht gesetzt.

Begonnen hatte das Gezerre um Verheugens angebliche Affäre im August 2006. In legerer Freizeitkleidung, auf den Lippen ein entspanntes Lächeln, an der Hand seine Kabinettschefin - so hatte sich der 69-Jährige bei einem gemeinsamen Sommerurlaub in Litauen von einem Fotografen ablichten lassen. Wenig später konnte die ganze Republik Augenzeuge der eindeutigen Szene werden: Das Nachrichten-Magazin "Focus" druckte das Bild ab. Und nicht dass das Foto allein schon einen eindeutigen Anblick bot, nein, das Magazin setzte noch eine saftige Überschrift oben drüber: "Kommissar im Turtelurlaub".

Vetternwirtschaft und Interessenskonflikt

So recht wollte Verheugen dann auch niemand mehr glauben, als er alles abstritt. Günstlingswirtschaft wurde ihm stattdessen unterstellt, auch von Kommissionsbeamten. Hatte Verheugen Erler doch erst drei Monate bevor die Fotos von dem gemeinsamen Urlaub entstanden zur Kabinettschefin befördert. Die CDU-Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle sprach von einem Interessenkonflikt: "Wenn eine Kabinettschefin ihrem Kommissar so nahe steht, wie Frau Erler das tut, kann sie ihre Kontrollfunktion, die ihr bewusst zugedacht ist, doch gar nicht mehr wahrnehmen." EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso habe "die Brisanz der Verheugen-Geschichte noch nicht erkannt", sage Gräßler weiter. Barroso hatte seinen Vize immer wieder in Schutz genommen. Bei der Berufung der Kabinettschefin seien "nach allen Informationen, auch nach einem ausführlichen Gespräch, das ich mit Herrn Verheugen geführt habe, alle Regeln eingehalten worden", hatte Barroso versichert.

Nach einjährigem Hin und Her wurde auf privater Ebene indes weniger zurückhaltend mit der sommerlichen Händchenhalterei umgegangen. Vergangene Woche gab Ehefrau Gabriele in der Illustrierten "Bunte" bekannt, dass sie sich nun endgültig von ihrem Mann getrennt habe. Das allein reichte schon aus, um die Diskussion um den turtelnden Verheugen erneut anzuheizen. Doch seine Parteikollegin Katrin Fuchs legte jetzt noch einmal nach und kolportierte ebenfalls in der "Bunten": "Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Günter Verheugen behauptet, der 'Bunte'-Artikel über seine Affäre mit Petra Erler sei erfunden und die Fotos der beiden wären manipuliert." Von seiner Frau, mit der sie seit Frühjahr 2005 eng befreundet sei, wisse sie aber, dass er und seine Mitarbeiterin schon lange ein Liebespaar seien, plauderte Fuchs aus dem Nähkästchen der Verheugens.

"Wie soll so jemand glaubwürdig Politik machen"

Trotz der erneut erhobenen Vorwürfe hält EU-Kommisionspräsident José Manuel Barroso an dem deutschen Industriekommissar auch weiterhin fest. Barroso habe weiterhin "Vertrauen in Herrn Verheugen und dessen Fähigkeit, seine Arbeit im Interesse Europas auszuüben", sagte Kommissionssprecherin Pia Ahrenkilde Hansen am Donnerstag in Brüssel.

Glaubt man indes Katrin Fuchs, so sind gewisse Zweifel nicht nur an Verheugens Verhältnis zur Treue, sondern auch an seinem Zustand durchaus angebracht. Durch die langen Gespräche mit seiner Frau Gabriele habe sie den Eindruck gewonnen, dass Günter Verheugen "keine Realitätswahrnehmung mehr besitzt". Er lege sich die Wahrheit so zurecht, wie sie ihm von Nutzen sei, sagt sie im "Bunte"-Interview und fragt weiter: "Wie soll denn so jemand eine verantwortliche, glaubwürdige Politik für Menschen machen, wenn er selbst nicht mehr weiß, was wahr und unwahr ist."

Britta Hesener mit Agenturen

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