Walstrandungen
Männlich, jung, gestrandet: Warum Walbullen so oft auf Grund laufen

Walstrandungen: vier Pottwale liegen nebeneinander
Walstrandungen: Insgesamt 29 junge männliche Pottwale landeten 2016 an Küsten entlang der Nordsee. Diese vier im Bild starben am Strand vor Kaiser-Wilhem-Koog in Dithmarschen
© Imago Images

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Der Buckelwal in der Ostsee steht für ein bekanntes Phänomen: Gerade Jungbullen werden Opfer von Strandungen. Biologen kennen den Grund und wissen, was das für die Spezies bedeutet. 

Letzte Chance für „Timmy“: Am Dienstag wurde der Buckelwal, der seit fast zwei Monaten durch die Ostsee irrt und immer wieder strandet, in ein Transportschiff verfrachtet, um ihn in sichere Gewässer zu bringen. Dass er es selbst schaffen könnte, aus der Ostsee zurück in die Nordsee und den Atlantik zu schwimmen, hatten selbst die größten Optimisten nicht mehr geglaubt. 

Denn dazu müsste er wissen, aus welcher Richtung er ursprünglich gekommen ist, um dann durch ein marines Nadelöhr zu schlüpfen. Der Skagerrak, die Meerenge zwischen Norwegen und der Nordspitze Dänemarks, ist abgesehen vom Nord-Ostsee-Kanal, die einzige Verbindung zwischen beiden Meeren.

Damit „Timmy“ in der baltischen Badewanne landete, musste er zweimal falsch abbiegen. Die Hauptrouten, auf denen er und seine Buckelwalverwandtschaft normalerweise verkehren, liegen im Atlantik. Möglicherweise verließ der Buckelwal diese sichere Schwimmstrecke zwischen den Britischen Inseln und Island und landete in der Nordsee. Dort traf er wohl eine weitere verhängnisvolle Entscheidung und landete in der Ostsee

Walstrandung: Häufig erwischt es unerfahrene Männchen

Mit seinen rund 14 Tonnen Gewicht ist „Timmy“ noch nicht ausgewachsen. Und er ist männlich, wie Biologen vor ein paar Tagen bestätigten. Damit erfüllt er zwei typische Kriterien – junge, männliche Wale stranden besonders häufig. Allein 2016 erwischte es 29 junge Pottwalbullen in der Nordsee. Sie alle strandeten an den Küsten Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande und Englands und starben dort. Doch warum sind ausgerechnet diese jugendlichen, männlichen Wale so gefährdet? 

Erwachsene Wale sind sehr erfahren, sie kennen die Zugrouten im Pazifik und Atlantik zwischen den futterreichen, arktischen Gewässern und den warmen Meeresregionen, wo die Walbabys geboren werden, aus dem Effeff. Daher leiten sie auch die großen Schulen an, in denen Wale sich auf die tausende von Kilometern langen Reisen begeben. Jungbullen verlassen ihre ursprünglichen Familienverbände jedoch, sobald sie geschlechtsreif sind. Häufig schließen sie sich zu eigenen kleinen Trupps zusammen, die sich allein auf den Weg machen. 

Doch auf dem Weg von Norden nach Süden und umgekehrt lauern zahlreiche Verlockungen – Fischschwärme beispielsweise (auch Bartenwale wie der Buckelwal fressen neben Krill kleine Schwarmfische wie Heringe). Sobald sie die tiefen Gewässer des Pazifiks oder Atlantiks verlassen und beispielsweise in der flachen Nordsee landen, bekommen sie Probleme: Ihr Sonar funktioniert nicht mehr einwandfrei, sie können sich nur noch schlecht orientieren. Auch das Futter wird schnell knapp. 

Was Wale irritiert

Entkräftet und planlos irren sie umher, bis sie schließlich an einem Strand landen, von dem sie nicht mehr wegkommen. Auch andere Faktoren können ihr normales Verhalten stören: Bau- oder Schiffslärm beispielsweise oder Geisternetze, die in ihren Mäulern landen. Einmal gestrandete Tiere wieder ins Wasser zu bugsieren, ist nahezu aussichtslos.

Nur selten gelingt es den Jungbullen, sich aus dieser Misere zu befreien und zurück auf die ursprünglichen Wanderrouten zu gelangen. Wie im Fall von „Timmy“ ist das für das einzelne Tier sehr dramatisch. Die gute Nachricht: Für den Erhalt der Art spielt ihr Überleben keine große Rolle. Es gibt ausreichend viele Walmännchen, die sich fortpflanzen können. Und das ist die wirklich wichtige Botschaft in der Geschichte um den Buckelwal in der Ostsee. 

Allein die Tatsache, dass sich ein gesunder junger Walbulle dorthin verirrt, belegt: Es gibt wieder zehntausende seiner Artgenossinnen und -genossen, die durch die Weltmeere streifen. Während Buckelwale bis in die 1980er-Jahre wie viele andere Wale gnadenlos gejagt wurden, haben sich ihre Bestände mittlerweile weltweit wieder vollständig erholt. Heute gilt die Spezies als nicht mehr gefährdet. Das sollten wir feiern.

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