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Warmer Winter: Ja, ist denn schon Frühling?

Pilze sprießen, Pollen fliegen, zum Jahresbeginn blühen Gänseblümchen statt Eisblumen. Dieser Winter bringt die Natur durcheinander.

Die grünen Triebe der Perlhyazinthen haben sich bereits an die Erdoberfläche gewühlt. Die dicke Winterjacke hängt ungetragen im Schrank. Frühmorgens zwitschern schon die Vögel. Ja, ist denn schon Frühling? Der Winter 2011/2012 - er ist bislang kein richtiger. Ende Oktober wurde uns von Meteorologen ein "Horrorwinter" prophezeit - mit Minusgraden, viel Schnee und Eis, mindestens drei Monate lang.

Davon ist bislang nichts zu spüren. Weihnachten war in weiten Teilen des Landes nur nass, nicht weiß. Der Neujahrswechsel war vielerorts regelrecht warm. Mit 14,6 Grad war es am Neujahrstag in Baden-Baden am wärmsten, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Milder war es demnach mit jeweils 15 Grad nur 2007 in Stuttgart und 1921 in München. Und in den nächsten Tagen werden gleich mehrere Sturmtiefs erwartet, die mit ihren Orkanböen eher an den Herbst erinnern.

Winterschlafmodus wird unterbrochen

Grund für den zu warmen Winter sind die Tiefs, die in den vergangenen Wochen größtenteils aus dem Westen kamen und milde Luft vom Atlantik mitbrachten. Daher verharrt der Winter in Sibirien. Winterliche Ausnahme sind die Alpen - von Frankreich bis nach Österreich und in den bayerischen Alpen kam die weiße Pracht spät, aber dafür richtig. Oberhalb von 800 bis 1000 Metern liegen bis zu drei Meter Schnee, so Meteorologe Dominik Jung von wetter.net.

Das ungewöhnlich milde Wetter weckt die Natur aus der Winterpause. Als erstes werde in den nächsten Tagen im Rheingau die Haselblüte beginnen, zwei bis vier Wochen früher als sonst, sagt der DWD-Agrarmeteorologe Hans-Helmut Schmitt. Auch andere Frühblüher regen sich: So schauen in vielen Gärten im Südwesten die ersten Schneeglöckchen und Gänseblümchen aus der Erde.

Früher Ärger für Allergiker

Auf den Feldern, wo im Herbst das Wintergetreide gesät wurde, tut sich derzeit noch nichts. Zum Wachsen brauchten die Pflanzen nicht nur Wärme, sondern auch Licht. Wenn es allerdings wochenlang mild ist und die Tage allmählich länger werden, setzt das Wachstum ein. Das kann gefährlich werden. "Wenn es danach noch mal kalt wird, kriegen die Pflanzen richtig eins auf die Mütze", sagt Schmitt. Ganz generell sei ein krasser Wechsel zwischen mild und frostig schlecht für die heimische Natur, die im Winter an Frost gewöhnt ist.

Und wenn die Flora einmal ihre Entwicklung angeschoben hat, beginnt der Pollenflug in absehbarer Zeit. Die Heuschnupfenzeit beginnt in diesem Jahr sechs Wochen früher als in kalten Wintern. "Die Pollen fliegen schon wieder. Für Allergiker ist das der Beginn einer langen Leidenskette", sagte Meteorologe Günther Hamm vom DWD. Allergiker werden in diesen Tagen vor allem von Haselnusspollen geärgert, denn Haselpflanzen zählen zu den Frühblühern. In den kommenden Tagen könnten auch noch Erlen- und Birkenpollen fliegen.

Pfifferlinge und Balzgesänge im Januar

Dank der milden Witterung bietet der Januar in Brandenburg für Pilzsammler eine Rarität: Pfifferlinge. "An der einen oder anderen Stelle sind die Pilze zu finden", sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Pilzsachverständigen Brandenburgs, Wolfgang Bivour. Zuletzt hatte es Pfifferlinge zum Jahreswechsel 2006/2007 gegeben. Normalerweise können zu dieser Jahreszeit - wenn es frostfrei ist - Austernseitlinge und Winterrüblinge gesammelt werden.

Manche Vögel, wie die Kohlmeise und der Kleiber, haben schon mit ihren Balzgesängen begonnen. "In einem normalen Winter würden sie nie auf den Gedanken kommen, im Dezember mit der Balz zu beginnen. Da steht die Nahrungssuche ganz oben auf ihrer To-do-Liste", erklärt ein Sprecher vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Auch Kraniche, die in der Regel den Winter in Frankreich oder Spanien verbringen, seien wegen der milden Temperaturen in großer Zahl in Deutschland geblieben. Ähnlich reagieren auch andere Vogelarten, die im Winter eigentlich wegziehen, hierzulande aber noch reichlich Futter wie Saaten, Regenwürmer und Insektenlarven finden.

Für heimische Insekten sind die hohen Temperaturen eher schlecht. Schädlinge, die als Eier, Larve oder fertiges Insekt den europäischen Winter überleben, vertragen feucht-mildes Wetter nicht. Sie sind an Frost gewöhnt, der sie gegen verschiedene Krankheitserreger schützt. "Feuchte Milde fördert Pilze", sagte Schmitt. Sie könnten die Insekten befallen und sie erheblich schwächen. Eine Insektenplage gibt es daher nicht zwangsläufig nach einem warmen Winter.

Kommt er denn noch, der Winter?

Auch die landläufige Meinung, je strenger der Frost desto weniger Mücken, stimme nicht, meint der Insektenforscher Frank Menzel. Die Eier der Stechmücken überwintern auf feuchten Wiesen. "Denen ist es egal, ob zehn Grad plus oder minus 15 Grad Celsius herrschen, sie trotzen sogar Temperaturen bis zu minus 40 Grad", sagt der Experte vom Deutschen Entomologischen Institut.

Kommt denn da noch was? Meteorologe Jung ist mittlerweile deutlich zurückhaltender als im Herbst. Eine langfristige Prognose bis Ende März möchte Jung nicht aufstellen. "In den nächsten zwei Wochen wird es nicht deutlich kälter werden." Eher herbstlich: Wind, Regen und nur in den Alpen Schnee.

swd mit Agenturen