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Terror-Paar von San Bernardino "Sie trug eine Burka. Ich konnte nicht einmal ihre Augen sehen"


Nizaam Ali kannte das Mörder-Paar von San Bernardino. Im Interview mit dem stern gibt er erste Einblicke in die rätselhafte Welt der Attentäter.

Die Moschee liegt im alten und heruntergekommenen Teil der Stadt. San Bernardino, 70 Kilometer von Los Angeles entfernt, gilt als eine der ärmsten Kommunen in Amerika. Alte Holzhäuser stehen hier. Schafe und Ziegen grasen in den kleinen Gärten. Viele Häuser sind verlassen. Nizaam Ali, 21, studiert Arabistik. In seiner Freizeit hilft er oft als Koch in der Dar Al Uloom Al-Islamyah Moschee. Zum Freitagsgebet kommen 300 bis 400 Gläubige. Man betet und isst miteinander. Frauen und Männer immer streng getrennt. So lernte Nizaam Ali auch den Attentäter Seyed Farook kennen. Wir sind zum Interview verabredet. Am Telefon sagte er: "Du findest mich unter der großen Palme."

Wie lernten Sie Farook kennen?

Farook kam regelmäßig zur Moschee. Meistens von Montag bis Donnerstag. Das waren seine Arbeitstage, er kam in der Mittagspause vorbei. Anfangs war er sehr schüchtern. Aber nach und nach brach das Eis zwischen uns.

Worüber redeten Sie?

Zum Beispiel über seinen Job bei der Regierung als Gesundheitsinspektor. Er kontrollierte Restaurants in unserer Gegend. Noch vor wenigen Wochen sagte ich zu ihm: Farook, du bist ein Glückspilz. Du verdienst gut, dein Job ist sicher. Du hast eine Frau. Ihr habt eine kleine Tochter. Dein Arbeitgeber lässt dich fünf Mal am Tag beten. Ich habe Freunde, die arbeiten bei Fastfood-Läden, wenn die mittags sagen, ich geh beten, sagt ihr Boss: Das ist okay, aber du brauchst dann nicht mehr zur Arbeit kommen.

Was sagte Farook dazu?

Er stimmte mir zu.

Er verdiente gut. 75 000 Dollar im Jahr.

Das ist sehr viel in San Bernardino. Unsere Stadt gehört zu den ärmsten Gemeinden in den USA. Farook konnte den amerikanischen Traum leben. Er hatte doch alles.

Kannten Sie auch seine Frau, Malik?

Ich habe sie zwei Mal getroffen. Aber ich kann nicht sagen, wie sie aussieht. Sie trug eine Burka. Nicht einmal ihre Augen konnte ich sehen. Ich weiß auch nicht, ob sie helle oder dunkle Haut hatte, ob sie dick oder dünn war. Alles blieb komplett verborgen.

Tragen in Ihrer Gemeinde viele Frauen Burka?

Es sind wenige. Fast alle tragen Kopftuch.

Was bedeutet es, wenn eine Frau Burka trägt?

Sie zeigt damit: ich bin besonders gläubig.

Bedeutet es auch, dass Sie ihrem Mann gehorchen musste?

Eigentlich ja. In einer traditionellen Ehe bestimmt der Mann, die Frau hört auf ihn. Sie hat die Wünsche ihres Ehemannes zu respektieren.

Sie soll klein und sehr schlank gewesen sein. Trauen Sie ihr zu, ein Sturmgewehr mit schweren Magazinen zu tragen?

Ich habe sie nie gesehen. Ich will nicht spekulieren. Das FBI hat mir diese Fragen auch gestellt.

Warum war das FBI bei Ihnen?

Ich habe öfter mit Farook telefoniert.

Wie reagieren ihre Glaubensbrüder auf die Morde?

Alle sind geschockt. Auch eine Frau aus unserer Gemeinde ist unter den Opfern. Ich bin hier in San Bernardino aufgewachsen, es ist meine Heimat. Ich trauere und leide sehr. Ich spüre aber auch, wie das Misstrauen gegen uns Muslime wächst.

Gibt es in Ihrer Moschee radikale Prediger?

Nein. Ich schließe aus, dass Farook und Malik in unserer Gemeinde radikalisiert wurden. Das ist unmöglich.

Farook und Malik haben in Saudi-Arabien geheiratet. War das nicht ungewöhnlich? Oder gar auffällig?

Nein. Das kommt häufiger vor. Vor etwa eineinhalb Jahren erzählte mir Farook, dass er eine Frau über ein Onlineportal gefunden hat. Sie lebte damals in Saudi-Arabien. Er flog hin und heiratete dort. Als er zurückkam, feierten wir ein Fest. Ich kochte für etwa 300 Gäste.

War die Braut dabei?

Ja. Aber Männer und Frauen feiern getrennt. Es gab keinen Kontakt.

Hat sich Farook im Laufe der Zeit verändert?

Er war nie wütend, nie aufbrausend. Er sprach stets leise und sanft.

Sie tragen traditionelle Kleidung. Warum?

Ich will als Muslim erkannt werden, um allen zu zeigen, dass ihre Vorurteile falsch sind. Sie sollen ruhig denken: Schau, da kommt einer dieser Terroristen. Wenn sie mit mir reden, werden sie schnell merken, dass sie ganz, ganz falsch liegen.

Wenn Sie in Kaftan und Kopfbedeckung in ein Flugzeug steigen wollen, was erleben Sie?

Ich werde immer besonders genau kontrolliert. Sie sagen dann, es sei eine zufällige Auswahl. Aber das glaube ich nicht. Mir ist das auch egal. Ich bringe diese Opfer gern. Ich beklage mich nicht. Unsere nationale Sicherheit hat einen Preis. Wenn ich dazu beitragen kann, zahle ich diesen gern. Ich will, dass unser Land ein sicherer Ort ist.

Donald Trump, der Immobilienmilliardär, der Präsident werden will, fordert ein Einreiseverbot in die USA für alle Muslime.

Es ist furchtbar. Ehrlich, ich kenne Männer und Frauen in meiner Gemeinde die Angst haben, die um ihr Leben fürchten. Die Stimmung in Amerika ist jetzt sehr, sehr aufgeheizt.

Eine ausführliche Reportage über das geheime Leben des Terror-Paares von San Bernardion lesen Sie im neuen stern.


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