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Rettung vor Japan: Noch nie gesegelt, aber dann über den Pazifik - Geschichte einer monatelangen Odyssee

Zwei Seglerinnen sind in ihrer Jacht monatelang über den Pazifik getrieben. Nach ihrer Rettung haben sie sich nun erstmals geäußert - und geben sich selbstkritisch. Eine der beiden war zuvor noch nie gesegelt.

Haferflocken. Reis. Nudeln. Haferflocken. Reis. Nudeln. Abwechslungsreich ist der Speiseplan nicht gewesen, und doch hat er zwei Seglerinnen und ihren beiden Hunden das Leben gerettet. Denn Jennifer Appel und Natasha Fuiava waren fünf Monate lang im Pazifik verschollen. Im Mai hatten sie auf Hawaii abgelegt, um mit ihrer gut 15 Meter langen Segeljacht nach Tahiti zu segeln. Achtzehn Tage hatten sie für die Überfahrt eingeplant, sechs Monate lang wollten sie dann die Inseln des Südpazifiks erkunden, berichtet die englische Zeitung "The Guardian".

Doch auf Tahiti sind sie nie angekommen. Stattdessen entdeckten taiwanesische Fischer die Jacht mit den beiden Frauen und ihren zwei Hunden vergangenen Dienstag 1450 Kilometer vor der japanischen Küste - mehrere tausend Kilometer von ihrem eigentlichen Ziel entfernt.

Ein Segeltörn voller Unglücke?

Die Seglerinnen schildern ihren Törn als eine Aneinanderreihung von Unglücken und Missgeschicken. Am ersten Tag auf See fiel ihnen laut "New York Times" eines ihrer Handys über Bord und versank in den Tiefen des Pazifik. Für die Navigation hatten die Seglerinnen laut "New York Times" zwei GPS-Geräte dabei. Als das erste ausgefallen sei, habe man sich auf ein Hand-GPS verlassen müssen.

Am 30. Mai geriet ihre Jacht in einen Sturm, der die Maschine und den Mast beschädigte. Von da an trieben sie hilflos über das Meer. Ihr Trinkwasser bekamen sie aus einer Meerwasserentsalzungsanlage an Bord, die sie nach einem Schaden glücklicherweise reparieren konnten. Zwei Monate, nachdem sie Hawaii verlassen hatten, begannen sie, täglich Notrufe abzusetzen. Dafür hatten sie laut der "New York Times" ein UKW- und ein Amateur-Funkgerät sowie ein Funk-Telefon an Bord - doch niemand hörte ihre Notrufe. Das lag wohl nicht nur daran, dass ihre Jacht abseits von Schifffahrtsrouten über das Meer trieb. Keines der Geräte habe funktioniert, sagte Appel der Zeitung. Offenbar habe es Probleme mit ihrer neuen Antenne gegeben. Auch ihr Satellitentelefon habe keine Verbindung bekommen.

Haiangriffe auf die Segeljacht

Während ihrer Odyssee habe eine Gruppe Tigerhaie das Schiff mehrfach gerammt. Am nächsten Morgen sei ein einzelner Hai zurückgekehrt und habe die Jacht abermals gerammt. "Wir hatten unglaubliches Glück, dass der Rumpf stabil genug war", sagte Appell dem "Guardian". Manche Nächte hätten die beiden sich schlafen gelegt und nicht gewusst, ob sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang erleben würden.

Als selbst die Haferflocken langsam zur Neige gingen, entdeckte die Besatzung eines taiwanesischen Fischereischiffes die treibende Jacht.  Sie benachrichtigte die Küstenwache von Guam. Am Morgen des 25. Oktober erreichte die "USS Ashland" das Boot mit den Frauen und ihren Hunden an Bord. "Die Mannschaft der 'USS Ashland' hat uns das Leben gerettet", sagte Appel nach dem glücklichen Ende ihrer Seefahrt. "Als wir das Schiff am Horizont entdeckten, waren wir sehr erleichtert."

"Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse"

Ein Video der Rettung der beiden zeigt, dass der Mast der Jacht noch immer stand. Warum Appel und Fuiava also nicht zumindest ein Segel flicken und am Mast befestigen konnten, ist bislang unklar. Dann hätten sie zumindest ein wenig Fahrt machen können und ihre Überlebenschancen deutlich erhöht. Vielleicht erklärt aber auch ein Ausspruch von Appel Vieles, was auf diesem Segeltörn schiefgegangen ist: "Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse", sagt Appel, die seit zehn Jahren die Inseln Hawaiis besegelt, laut der Zeitung "The Guardian". "Als ich Natascha fragte, sagte ich ihr, dass ich keine Ahnung habe, was da draußen passieren wird und sie sagte 'Das ist okay, ich bin noch nie gesegelt.'" 

Obwohl die US Navy ihr Schiff als nicht mehr seetauglich einschätzt, hofft Appel laut "The Guardian", es wieder fit machen und wieder hinaussegeln zu können. "Irgendwann muss man sterben", sagte Appel der Zeitung. "Dann kann man doch genauso gut bei etwas sterben, das man gerne tut."

Dieses Mal haben die beiden Seglerinnen überlebt - vor allem, weil Appel auf den Rat erfahrenerer Segler in Honolulu gehört hatte. "Sie sagten mir: 'Nutze jeden freien Quadratzentimeter für Essen. Und wenn Du einen Monat unterwegs sein willst, packe Essen für sechs Monate ein. Denn Du weißt nie, was da draußen alles passieren kann.'", sagte Appel dem "Guardian". Und so belud sie ihr Schiff gleich mit einem ganzen Jahresvorrat: Haferflocken. Reis. Und Nudeln.