Haiti nach dem Erdbeben Zwei Millionen Kinder sind in Gefahr


Sie irren orientierungslos durch die Straßen, schlafen nachts neben Leichen: Das Erdbeben hat viele Kinder Haitis traumatisiert und zu Waisen gemacht. Etwa zwei Millionen von ihnen sind betroffen.

Nach dem Erdbeben in Haiti sind einer Hilfsorganisation zufolge zwei Millionen Kinder einer akuten Gefahr ausgesetzt. Körperliche Verletzungen, die Trennung von Familien und psychische Traumatisierungen setzten die Kinder von Haiti einer Extremsituation aus, die ihr gesamtes Leben prägen werde, sagte Gareth Owen von der britischen Kinderhilfsorganisation Save The Children.

"Keine Generation haitianischer Kinder in den vergangenen hundert Jahren hat ein Disaster von solchem Ausmaß erlebt", sagte Owen. "Viele sind verwaist oder schwer verletzt und dringend auf medizinische Hilfe angewiesen." Owen zeigte sich besonders besorgt über Berichte, denen zufolge kleine Kinder verwirrt und ohne Orientierung durch die Straßen liefen und nachts im Freien neben den Leichen von Erdbebenopfer schliefen.

Helfern bietet sich ein Bild des Schreckens

Den ersten Helfern aus dem Ausland bot sich zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti überall ein Bild des Schreckens. Angesichts des riesigen Chaos' konnten die internationalen Hilfsorganisationen nur mit großen Schwierigkeit ihre Arbeit aufnehmen. Was die Zahl der Toten betrifft, wurden die schlimmsten Befürchtungen laut: Haitis Botschafter in Berlin, Jean-Robert Saget, sprach von geschätzt mehr als 100.000 Toten. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, er könne nicht ausschließen, dass auch Deutsche unter den Opfern seien. Das Schicksal von knapp 100 Deutschen ist nach wie vor ungewiss.

Internationale Hilfsorganisationen bemühen sich mit Hochdruck, die Notleidenden zu erreichen. Dies ist angesichts der unübersichtlichen Lage und dem großen Ausmaß an Zerstörung äußerst schwierig. Da auch der Kontrollturm des Flughafens in Port-au-Prince eingestürzt ist, konnte die Hauptstadt nur schwer angeflogen werden. Später sorgte die US-Luftwaffe dafür, dass wieder Maschinen landen konnten.

Obama kündigt 100-Millionen-Dollar-Hilfspaket an

Zehn Experten des Technischen Hilfsdienstes sollen am nach Haiti aufbrechen. Sie bringen unter anderem Trinkwasseraufbereitungsanlagen in die Region. Das Deutsche Rote Kreuz will eine mobile Klinik mitsamt Ärzten und Krankenschwestern in die Region fliegen. In dem Hospital sollen rund 250 Menschen ambulant versorgt werden können. Auch andere Länder schickten Medikamente, Nahrungsmittel und weitere Hilfsgüter sowie Spürhunde und Rettungsgerät. Das UN-Welternährungsprogramm teilte mit, noch am Donnerstag würden Flugzeuge mit rund 90 Tonnen Fertignahrung in Haiti erwartet.

Die EU stellte drei Millionen Euro Soforthilfe bereit, die Bundesregierung sicherte 1,5 Millionen Euro zu. Auch US-Präsident Barack Obama versprach umfassende Hilfe: Er kündigte ein Hilfspaket von 100 Millionen Dollar an. Auch der Internationale Währungsfonds sagte dem Karibikstaat diese Summe zu.

"Es sind einfach zu viele Menschen, die Hilfe brauchen"

In Port-au-Prince, das am heftigsten von dem Beben der Stärke 7,0 am Dienstag betroffen war, mussten sich die meisten Menschen indes zunächst noch selbst helfen. Die bereits vor dem Beben anwesenden Vertreter internationaler Hilfsorganisationen beklagten den Mangel an Medikamenten und Ärzten. Zudem waren ihre Angehörigen oft selbst unter den Opfern.

Das haitianische Rote Kreuz sah sich angesichts der Schwere der Katastrophe überfordert. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe benötigen", sagte ein Sprecher. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen muss Verletzte in Notunterkünften behandeln, da ihre drei Krankenhäuser auf Haiti stark beschädigt sind.

Mit bloßen Händen oder mit Vorschlaghämmern versuchten die Haitianer, Überlebende aus dem Schutt zu befreien. Aus den Trümmerbergen drangen vielerorts noch Hilferufe. Kinder lagen schluchzend auf der Straße, einige von ihnen verletzt und voller Blut. Überall waren Leichen zu sehen. Der Strom blieb unterbrochen, Wasser war knapp, viele Straßen waren wegen der Trümmer blockiert. Nach dem Beben, das Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, das Parlament und andere Gebäude dem Erdboden gleichmachte, wurden auch noch bis zu 200 Mitarbeiter der Vereinten Nationen vermisst. Am Donnerstag konnte aus dem zerstörten UN-Gebäude ein Überlebender gerettet werden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte die Rettung des Sicherheitsbeamten "ein kleines Wunder".

zen/Reuters/AFP Reuters

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