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Loveparade von Duisburg: "Die müssen bei der Planung irre gewesen sein"

Am Samstag wurde aus einer der größten Partys der Welt eine Tragödie mit 20 Toten. Wie konnte es dazu kommen, und ist die Loveparade nun wirklich am Ende? Szene- und Loveparade-Veteran Rainer Schmidt im Interview.

Von Sophie Albers

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Unglück erfahren haben?
Ich war einfach nur geschockt und wollte und konnte es erst gar nicht glauben. Dem folgte unglaubliche Trauer und später - als die Umstände klarer wurden - auch ohnmächtige Wut, dass ausgerechnet bei dieser Veranstaltung so etwas passieren musste.

Sie waren von einem frühen Zeitpunkt an intensiv bei der Loveparade dabei.
Ich bin erst 1996 dazugekommen, weil ich vorher in England wohnte. 1996 war die erste Parade auf der Straße des 17. Juni, und ich war von der Stimmung, der Euphorie und der Friedfertigkeit so begeistert, dass ich bis zum Berliner Ende wahrscheinlich Deutschlands größter Loveparade-Fan war.

Haben Sie danach auch außerhalb Berlins an einer teilgenommen?
Ich bin 2008 in Dortmund auf der B1 auf- und abgelatscht. Und auch wenn ich mich gefreut habe, dass dort Hunderttausende Spaß hatten, war es schon nicht mehr meine Veranstaltung.

Warum nicht?
Für mich ist die Love Parade ein Berliner Kind. Hier ist sie entstanden, hier ist die Techno-Welthauptstadt, nur hier hat sie ihre Strahlkraft - auch in die Welt hinaus: An der Siegessäule, vor dem Brandenburger Tor, das ist die Loveparade. Danach war es nur noch eine Regionalveranstaltung. Die Londoner würden den Notting Hill Carnival ja auch nicht nach Birmingham verkaufen.

Haben Sie in diesen zehn Jahren Loveparade je Paniksituationen erlebt?
Nein. Das Großartige an der Loveparade war ja, dass ich nie auf einer anderen Massenveranstaltung in der Welt war, wo so viele Menschen auf so dichtem Raum zusammen kamen und - abgesehen von dem Verbrechen 1999, als ein junger Mann erstochen wurde - trotzdem immer friedlich blieben. Obwohl da teilweise wirklich extrem prollige Leute herumliefen, habe ich nie wirklich problematische Situationen erlebt. Natürlich waren die Leute teilweise sehr euphorisch, natürlich waren sie teilweise auch auf Drogen - aber wer eine Pille intus hat, der will schmusen oder tanzen, aber keinen Stress. Bei schönem Wetter wurde mehr Alkohol getrunken, das war manchmal ein bisschen unangenehm, weil Alkohol die Jungs teilweise aggressiver macht - und trotzdem habe ich nie eine Prügelei miterlebt. Geschubse, ja, blöde Sprüche, ja, aber für eine Veranstaltung in dieser Größenordnung war das verschwindend gering. Wirklich: Die größten Proleten und Muskelpakete zogen da in buddhistischer Ruhe mit und tanzten vor sich hin. Das habe ich auch immer als einen extremen Sieg der Veranstaltung empfunden.

Aber Gedränge gab es doch sicher auch.
Um die Wagen herum wurde es manchmal für einige Momente etwas eng, aber ein paar Schritte dahinter ging man dann eben über die Böschung in den Tiergarten. Es gab sicher auch Gedränge, aber nirgends ein echtes Nadelöhr, es hat sich nie durch irgendeine Begrenzung etwas aufgestaut. Selbst vor den Absperrgittern rund um die Siegessäule, mitten auf dem Platz, blieb immer genug Platz zum Tanzen.

Halten Sie es für einen der entscheidenden Fehler von Duisburg, dass die Loveparade in einem geschlossenen Areal stattfand?
Also wenn man das Gelände betrachtet - so wie ich es aus der Ferne beurteilen kann - und nur diesen einen Zugang sieht, denkt man sich, die müssen bei der Planung und Genehmigung völlig irre gewesen sein. Das ist absolut unbegreiflich. Ich kenne viele der Veranstalter der Berliner Loveparade sehr gut und weiß, dass gerade die Sicherheitsdiskussion nicht nur denen allen immer den Schlaf geraubt hat, sie waren alle total angespannt, bis dann um 23 Uhr der letzte Ton erklang, und sie wussten, dass es gut gelaufen ist. In den Wochen und Monaten davor wurde auf den Sicherheitsaspekt "Wie kriegt man die Massen sicher zu der Veranstaltung und wieder sicher raus" allergrößte Energie verwandt. Vergessen Sie nicht: Warum ist man 1996 weg vom Ku'damm und hin zur Straße des 17. Juni? Weil man 1995 festgestellt hat, dass es langsam zu eng wird. Aber selbst auf dem Ku'damm waren alle paar 100 Meter Seitenstraßen, in die die Leute ausweichen konnten. Wenn man nach all diesen Erfahrungen sieht, dass ein Plan wie der in Duisburg genehmigt wird, ist das echt nicht nachvollziehbar.

Glauben Sie, dass in Duisburg die Sicherheit aus Profitgier vernachlässigt wurde?
Das finde ich schwierig zu beurteilen. Ich weiß auch nicht, für wen da wo Profit entstehen soll, das kostet ja keinen Eintritt. Die Parade wurde ja damals an Schaller verkauft, weil nicht mehr genug Geld durch Sponsoren etc. reinkam, um die hohen Kosten zu decken. Wenn überhaupt, reden wir wahrscheinlich eher über "Spargier", aber auch das wäre reine Spekulation. Ich hoffe, dass irgendwann die wahren Gründe herauskommen, warum man dieses Gelände mit dieser Art von Zufahrt gewählt hat. Man sollte mit Urteilen sehr vorsichtig sein, denn all diese Dinge entscheidet auch (Loveparade-Rechteinhaber, Anm.d. Red.) Rainer Schaller nicht allein, sondern in enger Absprache mit den Verantwortlichen der Stadt und anderer Gremien. Dann wird sich hoffentlich zeigen, wer welchen Konzepten warum zugestimmt hat. Dass es Schuldige gibt, scheint völlig klar. Aber wer das konkret ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu beurteilen.

Wer geht eigentlich noch hin zur Loveparade?
Die war auch in Berlin in den letzten Jahren mehr Volksfest als Technoveranstaltung. Das meine ich jetzt durchaus im positiven Sinne. Das war eine Art moderner Karneval im Sommer, wo wirklich alle Bevölkerungsschichten und Alterstufen zusammen gekommen sind. Als ich in Dortmund war, hat sich dieser Eindruck noch mal verstärkt. Da gehen Leute hin mit unterschiedlichem Musikgeschmack, die einfach Lust auf Party haben, und an diesem Tag feiern sie eben zu elektronischer Musik. Einige Techno-Pioniere und Geschmackskontrolleure hatten sich ohnehin schon früh abgewandt, weil sie den Erfolg, den Massenandrang, als Niederlage verbucht haben, aber das ist ja bei Bewegungen, die sich aus dem Underground entwickeln, völlig normal. Die Alten jammern den vermeintlich besseren Zeiten hinterher, dafür kamen und kommen neue junge Leute dazu, die das zu ihrer Party gemacht haben. Gut so.

Hat bei der Loveparade im Ruhrgebiet der Anfangsgedanke von Doktor Motte "Tanzen für den Frieden" noch eine Rolle gespielt?
Der hat für die meisten schon lange keine Rolle mehr gespielt. Das finde ich aber auch nicht schlimm. Es war einfach ein schöner Feiertag, an dem viele unterschiedliche Leute friedlich zusammenfinden und tanzen. Allein das, finde ich, ist schon eine großartige Leistung, die man gar nicht hoch genug bewerten kann. Die wurde in Deutschland allerdings immer extrem kritisch beäugt, was mir immer unverständlich war. Die Loveparade war viele Jahre lang Deutschlands größte und schönste Party, auf der Millionen ohne Eintritt (!) zur Musik der weltweit besten Vertreter der elektronischen Musik feiern konnten. Das fand ich immer sensationell! Meine englischen Freunde und der Rest der Welt übrigens auch. Eine Million Deutsche friedlich tanzend auf der Straße zu sehen, ist für viele halt immer noch News.

Ist die Party jetzt für immer vorbei?
Das ist eine schwierige Frage. Rainer Schaller hat ja bereits vollmundig das Ende der Loveparade verkündet. Das kann er als Inhaber der Rechte auch tun. Allerdings habe ich bereits im Internet gesehen, dass viele Leute erbost darüber sind. Denn mit der Szene selbst hatte Rainer Schaller nie viel zu tun. Der hat die Loveparade als Geschäftsmann gekauft, der die nötigen Mittel hatte, um eine Veranstaltung zu retten, die auf Grund der finanziellen Belastung so nicht hätte weitergeführt werden können. Am Anfang dachten alle, das sei eine Win-Win-Situation: Schaller kriegt sein Marketing für McFit, und die Loveparade als Veranstaltung wird gerettet. Jetzt ist es zu diesem Desaster gekommen, und er verkündet - völlig nachvollziehbar - das Aus. Das klingt erst einmal richtig, logisch und konsequent. Mit Schaller wird es also keine Loveparade mehr geben. Aber vielleicht ohne ihn? Damals nach den Unglücken im Heysel- (1985) oder im Hillsborough-Stadion (1989) hat man auch nicht gesagt :"Jetzt hören wir mit dem Fußball auf." Aber das ist im Moment wirklich die unwichtigste aller Fragen.