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43 verschwundene Studenten Das Blut an den Händen des mexikanischen Staats: "Es gehören noch viel mehr Verantwortliche hinter Gitter"

Protestmarsch
Seit ihre Kinder 2014 spurlos verschwunden sind, gehen die Familien der 43 verschwundenen Studenten in Mexiko auf die Straße. Für die Aufklärung des Verbrechens - und für Gerechtigkeit für ihre Kinder.
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Vor acht Jahren verschwanden in Mexiko 43 Studenten. Bis heute fehlt von den meisten jede Spur. Ermittlungen wurden behindert, doch die Familien der Vermissten ließen nicht locker – mit Erfolg. Nun wurde der damals zuständige Ex-Generalstaatsanwalt angeklagt.

Es ist eines der größten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Mexikos – und bis heute ungeklärt. Im September 2014 wurden an einer Landschule nahe der Stadt Iguala im südlichen Bundesstaat Guerrero 43 Lehramtsstudenten entführt. Die jungen Männer waren in der Nacht zum 27. September mit Bussen auf dem Weg von Ayotzinapa zu einer Demonstration in der Hauptstadt Mexiko City, als Polizisten die Fahrzeuge attackierten. Sechs Menschen starben, 43 andere verschwanden - der Jüngste war damals gerade 17 Jahre alt.

Die Tat hatte rund um den Globus für Entsetzen gesorgt. Über die Jahre war das internationale Interesse jedoch abgeebbt – bis vergangene Woche, als eine offiziell eingesetzte Wahrheitskommission den Fall als "Staatsverbrechen" bezeichnete.

Einen Tag später wurde in Mexiko City der frühere Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam festgenommen – von den Leuten, die er ehemals befehligt hatte. Der Vorwurf lautet "Verschwindenlassen", Folter sowie Behinderung der Justiz. Der heute 74-jährige Murillo Karam war von 2012 bis 2015 Generalstaatsanwalt unter dem damaligen mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto und damit verantwortlich für die Ermittlungen im Fall der 43 verschwundenen Studenten. Ihm droht nun der Prozess.

Die "historische Wahrheit" vor Gericht

Nach seiner Verhaftung räumte Murillo Karam ein, dass es bei den Ermittlungen möglicherweise "Fehler" gegeben haben könnte. Einige Dinge seien womöglich "falsch gemacht" worden, sagte er laut einem Medienbericht. Zugleich verteidigte der Ex-Generalstaatsanwalt die "historische Wahrheit", wie die 2015 unter dem damaligen Präsidenten Peña Nieto vorgelegte offizielle Erklärung zu den Hintergründen der Tat bezeichnet wurde. Demnach waren die Studenten von korrupten Polizisten verschleppt und an die Drogenbande "Guerreros Unidos" ausgeliefert worden. Bandenmitglieder sollen die Studenten für Angehörige eines verfeindeten Kartells gehalten, ermordet und die Leichen auf einer Müllkippe verbrannt haben.

Murillo Karam zufolge habe in den vergangenen acht Jahren niemand eine andere Version des Verschwindens beweisen können. Was jedoch nicht heißt, dass es in der Öffentlichkeit nicht erhebliche Zweifel an den offiziellen Ermittlungsergebnissen gibt.

Besonders von jenen, die selbst betroffen sind.

Clemente Rodriguez, 55, kämpft seit acht Jahren für Gerechtigkeit, organisiert Protestmärsche, veranstaltet Mahnwachen in der Hauptstadt, hält Kontakt zum stern und anderen Medien. Die Leiche seines Sohnes Christian wurde nie gefunden, bislang sind überhaupt nur Überreste von drei Verschwundenen entdeckt worden. Und so hat Rodríguez immer noch etwas Hoffnung, dass Christian eines Tages wieder auftaucht, ihm auf die Schulter klopft und sagt: "Ich bin es, Christian. Ich bin zurück."

Protestmarsch
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Der Fall erschütterte die Welt: Im September 2014 verschwanden 43 politisch aktive Studenten aus ­Ayotzinapa. Sie waren auf dem Weg nach Mexico City, um gegen schlechte Arbeitsbedingungen für Lehrer zu demonstrieren, als ihre Busse angehalten wurden. Laut ­Ermittlungsbericht seien sie dann von korrupten Polizisten ­entführt und an Kriminelle über­geben worden. Die Eltern (bei einem Protestmarsch 2014) suchen bis heute nach ihnen, an vorderster Front Clemente Rodri­guez. Der Aktivist hat früher Wasser ausgefahren.

Ein Verbrechen des Staates Mexiko

Eine letzte Hoffnung, die vielen Angehörigen nun genommen wurde. Die von Peña Nietos Nachfolger Andrés Manuel López Obrador ins Leben gerufene Wahrheitskommission hat die vor acht Jahren entführten jungen Männer offiziell für tot erklärt. Es gebe keine Hoffnung mehr, sie noch lebend zu finden. 

Für größeren Wirbel sorgte jedoch ein anderer Satz bei der Vorstellung des Kommissionsberichts. "Es war ein Staatsverbrechen", bestätigte Alejandro Encinas, Leiter der Wahrheitskommission, und sprach damit aus, was viele schon lange vermutet hatten: Auch der mexikanische Staat hat im Fall von Ayotzinapa Blut an den Händen. Alle Ebenen des Staates trügen eine Mitverantwortung für das Schicksal der Studenten, betonte Encinas – auch das Militär. "Ihre Taten, ihre Beteiligung und ihr Unterlassen ermöglichten das Verschwinden und die Hinrichtung der Studenten sowie die Tötung von weiteren sechs Personen."

Doch damit nicht genug. Der Bericht, der auf mehr als 41.000 Dokumenten basiert – darunter Mitschriften von Telefongesprächen, SMS-Nachrichten und Berichten – enthüllt weitere grausame Details: Demnach wurden wichtige Augenzeugen im Laufe der Ermittlungen getötet. Videos zeigen, wie 77 Verdächtige von Beamten gefoltert und wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Zudem sollen Tatorte verändert und Beweise gefälscht worden sein, die es den meisten direkt verwickelten Kartellmitgliedern ermöglicht haben, frei herumzulaufen.

Bis heute sind die Gründe für das Verbrechen weiter unklar. Fest steht jedoch, die Suche nach der Wahrheit kostet in Mexiko noch immer Menschenleben. Am Montag wurde die Leiche des Journalisten Fredid Román in seinem Auto in Chilpancingo, der Hauptstadt des Bundesstaats Guerrero, gefunden, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Kurz zuvor hatte Román auf Facebook Stellung zu den jüngsten Entwicklungen im Fall bezogen.

Für die Familien ein zweischneidiges Schwert

Für viele Eltern der 43 verschwundenen Studenten sind dies schwierige Tage. Einerseits sind sie froh, dass die Wahrheit allmählich ans Licht kommt, andererseits betrachten sie die jetzigen Verkündigungen nicht als volle Wahrheit. Clemente Rodríguez, Vater des damals verschwundenen Christian Alfonso, sagt: "Wir haben Generalstaatsanwalt Murillo immer für schuldig gehalten, die Wahrheit vertuscht zu haben. Aber er ist nur einer von vielen. Auch hohe Militärs und sogar der damalige Präsident Enrique Peña Nieto sind involviert. Wir Eltern haben immer darauf hingewiesen. Es gehören noch viel mehr Verantwortliche hinter Gittern."

Das Verschwinden der Studenten aufzuklären, war ein zentrales Wahlkampfversprechen von Präsident López Obrador, der als eine seiner ersten Amtshandlungen die Wahrheitskommission einsetzte. "Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir die Wahrheit sagen, wie schmerzhaft sie auch sein mag", verkündete dieser vergangene Woche. Der Fall werde nicht zu den Akten gelegt, versprach er. Die Ermittler sollen weiter nach den Verantwortlichen fahnden.

Weiter fahnden wird auch Clemente Rodriguez. Seine Familie hält sich derweil mit dem Verkauf von Tortillas (Maisfladen) und Handwerksarbeiten über Wasser. Rodriguez selbst sucht tagsüber noch immer nach seinem Sohn und geht jedem Hinweis nach, auch acht Jahre nach der Entführung. "Ich werde es so lange tun, bis ich Klarheit habe", sagt er.

Quellen: "NY Times", "CNN", "El Universal", "Guardian", "Reuters", mit DPA- und AFP-Material

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