Myanmar Helfer befürchten Massensterben


Erst kam der Zyklon, nun drohen Seuchen: Eine Woche nachdem Wirbelsturm "Nargis " über Myanmar hinwegfegte, warnen Hilfsorganisationen vor "einer Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes". Sollten die Überlebenden nicht schnell sauberes Wasser und Medizin erhalten, könnten bis zu 1,5 Millionen Menschen sterben.

Auch eine Wochen nach dem verheerenden Zyklon in Myanmar kommt immer noch zu wenig Hilfe im Katastrophengebiet an. «Wir erreichen zu wenig Leute, und es dauert zu lange», sagte Terje Skavdal vom UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) am Montag in Bangkok. «Normalerweise läuft die Hilfe in einer Situation wie dieser nach drei, vier Tagen auf Hochtouren» - das sei aber leider nicht der Fall.

Die Militärjunta lässt nur wenige Hilfsflüge ins Land und akzeptiert fast nur Lieferungen, die zur Verteilung an das birmanischen Militär übergeben werden. Nur einige UN- und Hilfsorganisationen, die einheimisches Personal vor Ort haben, können die Verteilung selbst organisieren. Das sei aber eine logistische Herausforderung, sagte OCHA-Sprecher Richard Horsey. Große Teile des Katastrophengebietes seien nur mit dem Boot zu erreichen.

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat weniger als zehn Prozent der Leute und des Materials im Land, die angesichts von eineinhalb Millionen Bedürftigen nötig sind, sagte Sprecher Marcus Prior. «Wir müssten jeden Tag 375 Tonnen Nahrungsmittel reinbringen», sagte er. «In Wirklichkeit sind es weniger als 20 Tonnen pro Tag.»

Als Folge des verheerenden Zyklons "Nargis" befürchten Hilfsorganisationen ein Massensterben in Myanmar, wenn die Überlebenden nicht schnell mit sauberem Wasser und Sanitäranlagen versorgt werden. Bei den unhygienischen Zuständen in den behelfsmäßigen Notunterkünften sei der Ausbruch von Seuchen nur noch eine Frage der Zeit, warnte Sarah Ireland von der Hilfsorganisation Oxfam in Bangkok.

"Mehr als 100.000 Menschen sind wahrscheinlich tot, und alles deutet auf eine weitere Katastrophe hin, die diese Zahl um ein 15- faches erhöhen könnte", sagte die Direktorin der Organisation für Ostasien. Oxfam ist eine der weltweit erfahrensten Hilfsorganisationen vor allem für Trink- und Abwasser in Katastrophengebieten.

Die Opfer des Zyklons seien schon stark geschwächt, weil es nicht genug zu Essen gebe und sie verseuchtes Wasser trinken müssten, sagte Ireland. Damit wachse die Gefahr von Cholera- und Typhusausbrüchen. Zudem säßen viele Menschen in Notunterkünften auf engstem Raum zusammen. Dort bestehe große Gefahr für die Ausbreitung von Masern, Lungenentzündung und Diphtherie. In den Überschwemmungsgebieten brüteten jetzt Milliarden von Fliegen und Moskitos, die Malaria und Dengue-Fieber übertragen können.

"Wenn nicht sofort und massiv Experten sowie Versorgungsgüter in die am schwersten betroffenen Gebiete gelangen, wird es eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes geben", erklärte auch Greg Beck vom International Rescue Committee.

Unterdessen hat die myanmarische Militärjunta Vorwürfe zurückgewiesen, dass Hilfslieferungen die Opfer nicht erreichten. Das seien Gerüchte, sagte der stellvertretende Außenminister U Kyaw Thu nach einem Bericht des Staatsorgans "Neues Licht von Birma". Alle Hilfslieferungen würden umgehend ins Katastrophengebiet gebracht.

"Ein positives Zeichen"

Tatsächlich gab das Regime am Wochenende Lieferungen des Welternährungsprogramms (WFP) mit Energiekeksen frei. "Ein positives Zeichen", kommentierte WFP-Sprecher Marcus Prior. "Die Flughafenbehörden waren richtig kooperativ."

Nichtsdestotrotz lagern in den Flughäfen von Thailand und Malaysia weiterhin tonnenweise Nahrungsmittel, Zelte und Medikamente ungenutzt. Myanmars Militärjunta nimmt zwar Hilfslieferungen aus dem Ausland und von den UN an, will die Hilfslieferungen aber allein verteilen, was die Hilfsorganisationen wiederum ablehnen. Sie trauen dem myanmarischen Militär diese Aufgabe nicht zu. Zudem schließen sie nicht aus, dass das Militär Rationen zur Versorgung der eigenen Soldaten abzweigt.

In Folge des Konflikts war es am vergangenen Freitag zum Eklat gekommen, als das Militär Waren des Welternährungsprogramms WFP beschlagnahmte und die Hilfsorganisationen ihre Lieferungen daraufhin kurzfristig einstellten.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) betonte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die internationale Gemeinschaft habe "die Verantwortung und das Recht, Menschen in Not zur Seite zu stehen, auch wenn die eigene Regierung sich dagegen sträubt". Sie unterstütze den Vorstoß Frankreichs, das ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrats fordert. Zudem hat Frankreich ein Kriegsschiff mit Bergen von Reis an Bord auf den Weg nach Myanmar geschickt. Der Reis soll von der Besatzung direkt im Irrawaddy-Delta verteilt werden.

Opposition kritisiert massiven Wahlbetrug

Erstmals seit dem Zyklon tauchte am Samstag Juntachef Than Shwe im staatlichen Fernsehen auf, allerdings nicht bei der Verteilung von Hilfsgütern, sondern bei der Stimmabgabe für die neue Verfassung, mit der das Militär seine Macht auf Jahre hinaus zementieren will.

Bei der Abstimmung hat die myanmarische Opposition der Regierung mittlerweile massiven Wahlbetrug vorgeworfen. Wähler seien massiv bedroht und zu positiven Voten gezwungen worden, berichtete die "US-Kampagne für Birma" nach Kontakten mit Wahlbeobachtern der Oppositionspartei "Nationalliga für Demokratie" (NLD).

Die Junta stellte hingegen einen überwältigenden Sieg in Aussicht. Fast 100 Prozent der Wähler in Kokogyun bei Rangun hätten mit Ja gestimmt, 90 Prozent in der Region Mandalay und 95 Prozent in der Shan-Region, sagte ein Beamter in Rangun "vertraulich" der Deutschen Presse-Agentur dpa. In 47 Bezirken, die von dem Zyklon verwüstet worden sind, soll in zwei Wochen nachgewählt werden. Erst danach wird das Ergebnis veröffentlicht. Die Junta hatte alle Appelle aus dem Ausland ignoriert, das Referendum zu verschieben .

Bei der Abstimmung geht es um eine Verfassung, mit der das seit 1962 regierende Militär seine tragende Rolle im Staat legitimieren will. Nach der neuen Verfassung bleiben bei den für 2010 geplanten Wahlen ein Viertel der Parlamentssitze dem Militär vorbehalten, ebenso mehrere Kabinettsposten.

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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