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Drogen im Dritten Reich: High Hitler!

Adolf Hitler gedopt, Crystal Meth für Blitzkrieg-Soldaten wie für die Hausfrauen: Drogenkonsum war Alltag im Dritten Reich - so schildert es der Autor Norman Ohler in seinem verwegen-fesselnden neuen Buch.

Von Stefan Schmitz

Hitler mit Hund

Hitler mit Hund: War der Führer auf Drogen?

Norman Ohler bricht mit der S-Bahn in Berlin auf, um die Drogenküche der aufzuspüren, den Ort, an dem sie einst Millionen Pervitin-Tabletten pro Woche pressen ließen: "Ein Fenster ist so zerbrochen, dass ich hindurchsteigen kann", berichtet er über die Ruine der ehemaligen Temmler-Werke. "Ein altes Vopgelnest liegt in der Ecke. Bis zur hohen Decke mit ihren kreisrunden Abzuglöchern sind weiße, teils abgeschlagene Kacheln gezogen."

Ein Hauch von , die legendäre Serie über den kochenden Chemielehrer Walter White, strömt aus den Seiten. Dr. Fritz Hauschild, einst oberster Pharmakologe bei Temmler, grüßt als eine Art Nazi-Ausgabe des Drogenkochs. Der Stoff, mit dem Hauschild in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts arbeitete, lebt heute in Labors wie denen aus der US-Kultserie fort: Crystal Meth.


Im Dritten Reich gab es Meth ohne Rezept

Pervitin besteht wie die zerstörerische Modedroge unserer Tage aus Methamphetamin. Im Nationalsozialismus gab es das Zeug in Tablettenform. Ein Rezept war über Jahre nicht nötig, der Konsum gesellschaftlich akzeptiert. Pralinen mit Methamphetamin sollten der Frau den Tag zum Freund und die Hausarbeit leicht machen - außerdem zügelten sie angeblich den Appetit. In den Büros bereiteten sich die Leistungsträger des Regimes mit einer Pille auf ihr Tagewerk vor. Der Einsatz bei der Wehrmacht erleichterte den Blitzkrieg, der nicht zuletzt darauf beruhte, dass niemand einschlief.


Im Frühjahr 1940 überqueren deutsche Truppen die Grenzen zu den Benelux-Staaten und Frankreich. Mit dabei ist , der später in Afrika als "Wüstenfuchs" berühmt werden sollte. Ohler, der routinierte Reporter, schildert den Vormarsch im Stil der Zeit. Das Blut überrollter Feinde habe die Ketten der Panzer verschmiert. "Mitten in der Nacht stürmte er weiter und griff selbst gut ausgebaute Stellungen aus der Fahrbewegung heraus an, feuerte aus allen Rohren wie ein Berserker." Rommel habe zwischen zwei Offizieren im Befehlspanzer gestanden, die Mütze lässig nach hinten geschoben. Ein Krieg auf Droge, so suggeriert Ohler. Undenkbar ohne Pervitin, das in Millionen Dosen an die Front kommt. Jegliches Gespür für Gefahren habe Rommel vermissen lassen – "ein typisches Methamphetamin-Syndrom bei zu hohem Konsum".

Ganz neu ist das alles nicht, was Ohler in seinem jetzt erscheinenden Buch "Der totale Rausch" schreibt. Der Einsatz von Pervitin ist umfassend dokumentiert und analysiert. Ob er der Schlüssel zum Verständnis des Blitzkriegs ist, bleibt allerdings sehr umstritten. Weiter hinten im Buch, im "Filetstück", wie der Autor selbst sagt, betitelt "High Hitler", geht es dann um den Führer und dessen dicken Leibarzt Theo Morell. Der hatte , seinen "Patienten A", gespritzt und mit Tabletten versorgt. Ohler hat die Notizen des Mediziners dazu ausgewertet. Krakelige Einträge mit schwer interpretierbaren Symbolen. Was sie zu bedeuten haben, bleibt in vielen Fällen uneindeutig. Ohler aber zieht den Schluss, dass Hitler zuletzt schwer auf Droge gewesen sei.

Hilft Verzerrung, klarer zu sehen?

Bei Lesungen zeigt sich der Autor zwischen dicken Papierstapeln mit seinen Quellen und beteuert: Alles echt, alles authentisch. Und obendrein durch ein Nachwort des renommierten Historikers Hans Mommsen mit einer Art Gütesiegel versehen.

Das Buch zeigt eine, wie es im Vorwort heißt, "unkonventionelle, verzerrte Perspektive, und die Hoffnung liegt darin, in der Verzerrung manches klarer zu erkennen". Spannend ist sie auf jeden Fall. Umgeschrieben werden muss die Geschichte allerdings wohl auch diesmal nicht.

Mehr als 70 Jahre ist Hitler jetzt tot. Generationen von Historikern haben sich an ihm abgearbeitet, Filme- und Theatermacher, Journalisten sowieso (ja, ja, die Tagebücher). Aber ein bisschen was geht immer noch - zumindest wenn ein Journalist und Romanautor wie Norman Ohler sich der Sache annimmt. Denn der hat viel Phantasie, kann schreiben wie kein Professor es kann und weiß, was die Leute fesselt.