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Im Viertel des Nizza-Attentäters: Mohamed Lahouij Bouhlel - ein Krimineller, ein Terrorist, aber kein Islamist

Besuch in dem Viertel, in dem der Attentäter von Nizza wohnte. Seine Nachbarn beschreiben ihn als angespannt und unfreundlich. Kriminell sei er gewesen, aber kein Islamist. Nicht einmal ein gläubiger Muslim.

Die Nachbarschaft des Attentäters: Menschen vor dem Wohnhaus von Mohamed Lahouij Bouhlel in den "Abattoires" von Nizza

Die Nachbarschaft des Attentäters: Menschen vor dem Wohnhaus von Mohamed Lahouij Bouhlel in den "Abattoires" von Nizza

Zwischen Eisenbahntrassen und dem ehemaligen Schlachthof liegt jenes Viertel von Nizza, in dem sich Mohamed Lahouij Bouhlel vor etwa zwei Jahren eine Wohnung gemietet hatte. Es stand nicht gut um ihn: Seine Ehe war an seinen gewalttätigen Ausbrüchen zugrunde gegangen, er durfte seine Kinder zeitweise nicht mehr sehen. Und so ging er zur Arbeit, kehrte zurück in sein Viertel, trank, schlief und ging wieder zur Arbeit.

Das erzählen Nachbarn aus seiner Straße, die nie warm mit ihm geworden waren mit dem Mann, den die Welt seit dem 14. Juli als den Attentäter von Nizza kennt. Angespannt und unfreundlich sei er gewesen, und oft betrunken. Auch Drogen habe er wohl genommen. Nur ein gläubiger Muslime, das sei er nun wahrlich nicht gewesen. "Während des Ramadan hat er Schweinefleisch gegessen!", schimpft ein Tunesier, und den Frauen habe er hinterhergeschaut.

"Les Abattoires" in Nizza kein Ghetto

Ein wenig wirkt es so, als genieße ein Teil der hier herumschlendernden Männer die Aufmerksamkeit, die sich gerade auf diesen Straßenzug richtet. Vor dem Haus in der Route de Turin 62 bleiben immer wieder Neugierige stehen, um sich über den Mann zu unterhalten, der hier im ersten Stock gelebt und vermutlich seinen tödlichen Plan ausgeheckt hat. "Les Abattoires" - "die Schlachtereien" - wird das Viertel genannt, nach dem ehemaligen Schlachthof, der schräg gegenüber des Hauses liegt. Ein paar Gewerbehöfe, ein Lidl-Markt, ein ausgebranntes Haus und dazwischen eher abgewohnte Mehrfamilienhäuser. Keine bürgerliche Gegend, aber auch kein Ghetto, wie in vielen Berichten behauptet wird.

Nur einer versucht, den Ruf des Viertels zu retten. Der Vorsitzende der Nachbarschaftsorganisation schiebt seinen eineinhalb Monate alten Sohn im Kinderwagen durch die Straße, daneben, eher schüchtern, seine Frau. "In unserem Viertel leben 42 Nationalitäten, darunter viele Muslime und auch viele Roma", sagt Brahim. Etliche seien zum Islam konvertiert, die Moschee erfülle eine integrative Funktion in dieser Gegend. "Es gibt hier viele Konvertiten", sagt er. "Wenn sie zum Glauben finden, werden sie ruhig und lungern nicht mehr auf der Straße herum."

"Er wirkte irgendwie isoliert"

Mohamed Lahouij Bouhlel kannte er. "Ich glaube, er hatte ein psychisches Problem, und er nahm Drogen. Man sah ihm an, dass er litt. Aber mit radikalen Ideen hatte er sicher nichts am Hut." Der Nachbar nennt ihn einen Kriminellen, auch ein Terrorist sei er, denn das, was er getan habe, sei Terror. Doch ein Islamist sei er sicher nicht gewesen. "Die letzten Tage habe ich ihn sehr reserviert erlebt, er hat niemanden gegrüßt und wirkte irgendwie isoliert." Als die Polizei am Freitag vergangener Woche die Wohnung stürmte und einen Lkw durchsuchte, der ein paar Meter weiter die Straße hinauf parkte, war allen ringsherum klar geworden, mit wem sie hier Tür an Tür gewohnt hatten.

In seiner Stammkneipe ein paar Straßen weiter südlich will sich niemand so recht an Bouhlel erinnern. Die Tische vor dem Haus sind gut besetzt, alle Fenster und Türen stehen offen, die Kundschaft besteht zu nahezu 100 Prozent aus Männern maghrebinischer Herkunft. Bier und Mokka gehen über den Tresen, daneben ist noch ein Verkaufstisch für Tabak, Süßes und Lottoscheine. Der Mann am Zapfhahn sagt, es sei ein Kommen und Gehen hier, da merke man sich nicht so genau, wer im Einzelnen so da sitze. Dann bringt er neue Biergläser nach draußen, scherzt mit Gästen, ruft etwas durch den Saal. Anonym wirkt die Atmosphäre nicht. Vielleicht hat genau das den sozial isolierten Bouhlel hierher gezogen.