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Videoaufnahmen veröffentlicht: US-Polizisten lachen über einen Mann, der vor ihren Augen stirbt

Polizisten fixierten einen 32-Jährigen, lachten und scherzten – während er vor ihren Augen starb. Die Szenen liegen drei Jahre zurück, wurden aber erst jetzt bekannt. Sie werfen ein neues Licht auf den Fall.

Ein Polizist fixiert Tony Timpa am Boden.

Tony Timpa, 32, hatte Angst. Auf dem Parkplatz vor einem Pornogeschäft rief er die Polizei. Er habe Schizophrenie, sagte er, und seine Medikamente nicht eingenommen.

Als die Beamten eintrafen, lag der 32-Jährige schon am Boden. Zwei private Sicherheitsleute hatten ihm Handschellen angelegt. Er wand sich, trat in die Luft. Die Polizeibeamten fixierten ihn. Er krümmte sich, sein Gesicht im Gras, das Knie eines Polizeibeamten im Kreuz.  

"Ihr werdet mich umbringen."

"Bitte, lasst mich gehen."

"Helft mir."

Verzweifelt, womöglich mit letzter Kraft presste Tony Timpa diese Sätze heraus. Dann wurde er bewusstlos. 20 Minuten später war er tot.

Die Polizisten aus Dallas im US-Bundesstaat Texas ahnten wohl nicht, dass Tony Timpa vor ihren Augen starb. Sie fühlten weder seinen Puls, noch prüften sie ob er noch atmet. Stattdessen machten sie Witze. Zogen ihn auf. Spekulierten, welche Drogen er wohl genommen haben könnte.

"Alles klar, Kumpel?", fragte irgendwann einer der Polizisten. Sie tippten ihn an, schüttelten ihn. Keine Reaktion. "Ist er eingeschlafen?" Das muss es sein. Gibt's ja gar nicht. Es wurde gelacht.

Tony Timpa starb am 10. August 2016. Bislang war jedoch weitestgehend unklar, was in jener Augustnacht wirklich passierte.

Die Lokalzeitung "The Dallas News" und der TV-Sender NBC5 machten am Donnerstag die geschilderten Szenen publik. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit vor dem Bundesgerichtshof konnten sie die Herausgabe der Aufzeichnungen durchsetzen, die die Polizisten mit ihren Dashcams gemacht hatten – jene kleinen Kameras, die bei Einsätzen an ihrer Uniform angebracht sind. Die Zeitung veröffentlichte auf YouTube eine redaktionell bearbeitete Fassung der Aufnahmen.

Die Aufnahmen, die auch der stern gesichtet hat und gekürzt zeigt (siehe oben), schreiben Schlagzeilen. In den USA berichten etwa die "Washington Post", die "Newsweek", CBS News und viele weitere Medien. 

Aufnahmen konterkarieren Polizeiangaben

Das Videomaterial ist brisant. Es konterkariert Darstellungen der Polizei, Timpa sei in jener Nacht aggressiv gewesen, wie mehrere Medien berichten. Oder, dass die Fixierung durch die Beamten notwendig gewesen sei, um zu verhindern, dass Timpa auf eine viel befahrene Straße rolle. 

Die Polizei in Dallas wollte sich gegenüber der "Washington Post" nicht zu den nun publik gewordenen Aufnahmen äußern, schreibt die Zeitung. Da es sich um einen laufenden Rechtsstreit handele, wird ein Sprecher zitiert, könne man die Handlungen der Beamten nicht kommentieren.

Wie mehrere Medien berichten, strengten die Mutter des Toten und ihre Anwälte sowie "The Dallas News" und NBC5 einen Rechtsstreit gegen die involvierten Polizeibeamten an. Im März habe der Bezirksstaatsanwalt von Dallas die erhobenen Vorwürfe fallen lassen, schon im darauffolgenden April seien die Beamten wieder im Dienst gewesen. Gegen zwei der Beamten sei ein Verweis ausgesprochen, berichtet NBC5. Der Rechtsstreit dürfte nach Veröffentlichung der Aufnahmen wieder Fahrt aufnehmen.

"Tony, Zeit für die Schule, aufstehen"

Im Autopsiebericht stehe, so "The Dallas News", dass es sich bei Timpas Tod um eine Tötung handele. Er habe einen Herzstillstand erlitten, durch den "toxischen Effekt von Kokain und den Stress in Verbindung mit den körperlichen Beschränkungen."

Tony Timpa sei für rund 13 Minuten von den Beamten am Boden fixiert worden, berichtet "The Dallas News" nach Auswertung der Aufnahmen. Als der 32-Jährige nicht mehr ansprechbar war, scherzten die Beamten. Einer der Polizisten behauptete, Timpa beim Schnarchen gehört zu haben. Ein anderer verglich Timpa mit einem Kind, das nicht aufstehen wolle um zur Schule zu gehen.

"Tony, Zeit für die Schule, aufstehen." Ein anderer Polizist stimmte ein: "Aber ich möchte nicht zur Schule, Mama", während er die Stimme eines Kindes imitierte.

Als später ein Krankenwagen eintraf, wurde Timpa auf eine Trage gelegt. Die Polizisten rätselten, ob er ausgeknockt wurde, ob er noch atme. Einer der Beamten sagte: "Ich hoffe, ich habe ihn nicht umgebracht." Später im Krankenwagen sagte ein Arzt: "Er ist tot."

Der letzte Anruf

Als Kind, so erzählt es seine Mutter Vicky Timpa, gehörte "Peter Pat and the Policeman" zu seinen Lieblingsbüchern. Es ist ein Kinderbuch-Klassiker und erzählt die Geschichte des fünfjährigen Peter Pat, der sich auf einem Spaziergang verirrt. Der Junge erinnert sich, dass er jederzeit einen Polizisten nach dem Weg fragen kann. Die Polizei, dein Freund und Helfer. "Wenn du verloren gehst, frage einen Polizisten" – das habe Tony Timpa durch das Buch gelernt. Also rief er in jener Augustnacht die Polizei.

Es war der letzte Anruf, den Tony Timpa tätigte.

Quellen: "The Dallas News", "Washington Post", "Newsweek", CBS News

fs