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Gesichtstransplantation: Wie ein Mann ein neues Gesicht bekam

Andy Sandness ist depressiv und schießt sich in den Kopf. Er wird gerettet, aber sein Gesicht ist zerstört. Jahre später schlägt ihm sein Arzt eine Gesichtstransplantation vor. Sandness willigt ein.

Andy Sandness Kombo

Andy Sandness mit neuem Gesicht: Der Unterschied vor und nach der erfolgreichen Transplantation ist gewaltig

Kurz vor Weihnachten 2006 wollte Andy Sandness seinem Leben ein Ende setzen. Er jagte sich in seiner Wohnung in Wyoming eine Kugel in den Kopf, wurde aber gerettet. Er ahnte damals schon, dass er einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Die eintreffenden Beamten flehte er an: "Bitte, bitte lassen Sie mich nicht sterben!" Die Folgen des Schusses waren verheerend: Die Kugel zerstörte sein Gesicht fast komplett. Er hatte keine Nase und keinen Kiefer mehr, sein Mund war zerstrümmert und es waren nur noch zwei Zähne übrig.

Nach Behandlungen in zwei Krankenhäusern wurde Sandness schließlich in die Mayo-Klinik in Rochester in Minnesota verlegt. Dort arbeitet Dr. Samir Mardini, ein plastischer Chirurg. Mardini und sein Team stellten dem Patienten in mehreren Operationen den Kiefer wieder her. Dafür verwendeten sie Knochen, Muskeln und Haut von Hüfte und Bein des Patienten, mit Titanplatten und Schrauben fügten sie das Geicht notdürftig zusammen. Für die Nase erhielt Sandness eine Prothese. Damit war sein Gesicht zumindest wieder funktionsfähig.

So sah Andy Sandness vor seinem Suizidversuch aus

So sah Andy Sandness vor seinem Suizidversuch aus

Die Nasenprothese fällt häufig runter

Nach viereinhalb Monaten kehrte er nach Hause zurück. Aber das Leben ist mit einem solchen Aussehen ist schwer. Sandness zog sich zurück, unternahm allein Ausflüge in die Natur, Freunde traf er kaum. Wenn er unterwegs war, fiel ihm häufig die Nasenprothese herunter, sein Mund war zu klein, um normal zu essen. Er musste seine Mahlzeiten in kleine Häppchen zerteilen. Als ihm der Chirurg Mardini, bei dem er regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen war, vorschlug, weitere Operationen zu machen, lehnte Sandness ab.

Andy Sandness vor der Transplantation

Andy Sandness vor der Transplantation

Es vergingen Jahre - bis 2012. In diesem Jahr eröffnete Mardini ihm die Möglichkeit einer Gesichtstransplantation. Doch es wäre ein Wagnis, erklärte der Arzt. Es wurden bis zu diesem Zeitpunkt erst zwei Dutzend Gesichtstransplantationen durchgeführt. Aber Sandness war bereit: "Wenn man so aussieht, wie ich aussah, und wenn man so funktioniert, wie ich funktionierte, stürzt man sich auf jeden Hoffnungsschimmer, der sich bietet", sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Und das war die Operation, die mir wieder ein normales Leben ermöglichen würde."

Bevor es soweit war, musste sich der Patient pyschologischen Tests unterziehen. Ist er in der Lage, eine solche Prozedur durchzustehen? Ist er stabil genug? Schließlich war er früher depressiv. Die Gutachter kamen zu einem positiven Ergebnis. Zudem hatte und hat er die Unterstützung seiner Familie. Unterdessen übte das Team um Mardini Gesichtstranplantationen an Leichen.

Andy Sandness umarmt seinen Arzt

Andy Sandness umarmt seinen Arzt

Die Operation dauert 56 Stunden

Im Juni 2016 war es schließlich soweit. Sandness erhielt einen Anruf der Klinik: Ein Spender war gefunden. Es handelte sich um einen 19-Jährigen, der verstorben war. Die Witwe des Mannes hatte zunächst bedenken. Würde der Empfänger nach der Transplantation aussehen wie ihr verstorbener Mann? Nein, versicherten die Ärzte, das würde nicht der Fall sein, weil Sandness unterhalb der Augen das neue Gesicht erhalten würde. Eine Ähnlichkeit wäre ausgeschlossen. Damit war alles bereitet für die große Operation. Sie dauerte 56 Stunden, Sandness erhielt ein fast komplett neues Gesicht unterhalb der Augen.

Andy Sandness

Sandness traut sich wieder auf die Straße

Dann der große Moment: Nach Tagen des Wartens hält ihm der Arzt den Spiegel vor die Augen. Sein Bruder und sein Vater sind anwesend im Krankenzimmer und beobachten, wie Andy wohl reagieren wird. Noch kann er nicht deutlich sprechen. Er schreibt auf einen Notizblock: "Weit über meinen Erwartungen".

Heute kann Sandness wieder ein weitgehend normales Leben führen. Er hat wieder einen Nase und einen Mund, er kann Pizza und Steak essen. Und das Beste: Niemand schaut ihn mehr verstört an. Er hat jetzt wieder ein Gesicht, das nur eines unter vielen ist.


Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

tis