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Atlantik-Überquerung: "Greta, we love you!" – wie Thunberg der jungen US-Umweltbewegung Hoffnung gibt

Greta Thunberg ist in der neuen Welt angekommen. Ihr Protest scheint zwar in der Heimat von Donald Trump noch aussichtsloser als in Europa - in New York haben Hunderte junge Aktivisten sie aber euphorisch gefeiert. Wie geht ihr gemeinsamer Kampf nun weiter?

Von Christian Fahrenbach, New York

Über Stunden haben sie gesungen, Interviews gegeben und ihre Plakate in Fernsehkameras aus der ganzen Welt gehalten, aber jetzt, da werden sie andächtig. Jetzt, als es nur noch wenige Minuten sind, bevor ihr großes Vorbild Greta Thunberg endlich nach 15 Tagen und fast 7.000 Kilometern auf hoher See ihre Atlantiküberquerung beendet. Plötzlich stimmen sie fast ehrfürchtig die Melodie von "Bruder Jakob" an. Leise weht ihr Chor durch die Luft: "Welcome Greta, welcome Greta! To New York, to New York!". Für einen kurzen Moment spüren sie, dass hier vielleicht Geschichte geschrieben wird. Kurz darauf ist es dann soweit.

"Greta, we love you!"

Die "Malizia II" läuft in die North Cove Marina ein - und dann kippt die Stimmung doch ins Euphorische. Lauter Jubel brandet auf, die jungen Umweltschützer stimmen genauso in den Applaus ein wie die erwachsenen Fans der Schwedin, Hunderte skandieren klatschend: "Greta, we love you!". Um 16.05 Uhr Ortszeit betritt Thunberg New Yorker Boden, unter dem Arm ihr Protestschild vom "Skolstrejk för klimatet", dem "Schulstreik fürs Klima". Die bekannteste Klimakämpferin Europas ist in der neuen Welt angekommen.

Sie trifft hier eine Protestbewegung, die auf den ersten Blick genauso aussieht, wie bei ihr daheim, die aber stramm professionell organisiert ist. Viele Gruppen kommen zusammen an diesem Mittwoch, von 350, einem Zusammenschluss gegen den Verbrauch fossiler Brennstoffe, über Climate Nexus, einer Beratungsfirma zu strategischen Fragen des Klimakampfs, bis hin zum lokalen Bündnis aus der New Yorker Bronx über den progressiven "Green New Deal". Sie sind geschult im Umgang mit den Medien, einige haben Zettel mit wichtigen Kernforderungen zum Spicken dabei. 

Zum Protest durch Instagram

Eine der jungen "Fridays for Future“-Teilnehmerinnen ist Jade Lozada, eine 17 Jahre alte New Yorkerin. Sie selbst sei erst seit wenigen Wochen an Bord, sagt sie, aber längst stark engagiert. "Ich kümmere mich vor allem um Visuals des Protests, Grafiken, Schilder, Logos", erklärt sie völlig selbstverständlich. Von Greta und den New Yorker "Fridays for Future“-Protesten hat sie über das Internet erfahren. "Instagram" - wie auch sonst? Für sie sei es zwar wichtig, Thunberg hier zu begrüßen, aber sie hoffe vor allem, dass vom 20. September ein Signal ausgehe, erzählt Lozada weiter. Für den Protestzug am weltweiten Streiktag, an dem die jugendliche Klimabewegung auch auf viele erwachsene Teilnehmer hofft, gestaltet sie große Fallschirme als bildstarkes Element. "Wir haben gerade die Demo-Erlaubnis bekommen: Unser Protestzug wird bis in den Battery Park an der Südspitze Manhattans führen", sagt sie hoffnungsvoll.

Teil der jungen US-Umweltbewegung: die 17 Jahre alte New Yorkerin Jade Lozada

Teil der jungen US-Umweltbewegung: die 17 Jahre alte New Yorkerin Jade Lozada

Wie sie wissen viele der anwesenden Jugendlichen, welche Wirkung sie erzielen und halten ihre gemeinsam bei Aktivistentreffen gemalten und zuvor verteilten Schilder passend in die Kameras. Sie alle sind Teil einer Protestmischung, in der viele gleichzeitig Fans und Kämpfer sind. Nach dem Anlegen wird Thunberg schnell an dieser langen Reihe ihrer Anhänger vorbeigeführt. Sie winkt ein paar Mal zögerlich und schüttelt einige Hände, bevor sie eine kleine Bühne betritt, Dutzende Kameras auf sie gerichtet.

Greta Thunbergs Message an Donald Trump

"Das ist alles sehr überwältigend", ist ihr erster Satz, nachdem einige der New Yorker "Fridays for Future"-Organisatoren sie willkommen heißen. "Der Boden unter meinen Füßen vibriert immer noch." Überraschend gut sei er gewesen, ihr Trip, ohne ein einziges Mal seekrank zu sein. Es sei aber "Wahnsinn", dass eine 16-Jährige mit einem Boot über den Atlantik fahren müsse, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. "Ich will ganz sicher nicht, dass das jeder machen muss." 

In den folgenden Journalistenfragen zeigt sich, wie übermenschlich längst die Anforderungen an diesen Teenager sind. Fragen zum Amazonas und zu Bodenschätzen in Nigeria muss sie beantworten und dann wieder das Unvermeidbare: Ob sie nun in dessen Heimatstadt doch noch Donald Trump treffen wollen würde? "Jeder fragt mich das immer, es ist wirklich seltsam. Meine Message an ihn wäre aber nur: Hör auf die Wissenschaft!", pariert sie ruhig. Stattdessen möchte Thunberg erst einmal ausspannen, gibt sie noch zu Protokoll.

Ganz so lang wird das nicht gehen. Schon am Freitag will sie vor den Vereinten Nationen zusammen mit New Yorker Schülern ihren Klimastreik fortsetzen, im September dann steht die UN-Vollversammlung auf dem Plan, im Dezember der Klimagipfel in Chile. "Das muss eine Art Wendepunkt werden", kündigt sie an. "Ich hoffe es zumindest, es muss einfach so sein.“

Auch in den USA kommt Klimapolitik immer mehr an

Um diesen Enthusiasmus in die USA zu retten, unterstützen erwachsene Graswurzel-Aktivisten die jugendliche Protestbewegung. Eine von ihnen ist Valentina Stackl von Greenpeace USA. Für sie ist Thunbergs Ankunft Teil eines Trends, hin zu einer immer stärkeren Umweltbewegung in den USA, erkennbar auch an Gallionsfiguren wie dem jungen Polit-Star Alexandria Ocasio-Cortez, dem bis vor Kurzem als Präsidentschaftskandidat mit Klimabotschaft auftretenden Gouverneur des Bundesstaats Washington, Jay Inslee, und dem Liebling der Linken, Bernie Sanders, der gerade erst ein milliardenschweres Umweltprogramm präsentiert hat.

"Wir brauchen einfach große Veränderungen und Greta repräsentiert das", sagt die 34-jährige Stackl. Bisher sei zu viel auf die Verantwortung Einzelner gesetzt worden. "Es gibt aber ein viel größeres strukturelles Problem, zum Beispiel die Zusammenarbeit der Energieunternehmen mit der politischen Elite", findet sie.

Darauf angesprochen, ob bei ihr die Freude über Menschen wie Thunberg die Wut auf Donald Trump übersteige, sagt sie schließlich: "Es ist hart. An manchen Tagen denke ich, wir sind verloren. Aber an Tagen wie heute, da denke ich: Die jungen Leute haben’s verstanden."