VG-Wort Pixel

stern-Kolumne Winnemuth Ach Minibar, warum interessierst Du keinen mehr?!

Die Hotel-Minibar stirbt
Eine feste Größe in Hotelzimmer: die Minibar
© picture-alliance
Seltsam - bis eben hat man noch etwas geliebt und dann plötzlich nicht mehr: Männer, Zeitschriften. Und jetzt auch noch die Minibar.
Von Meike Winnemuth

"Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuß des Ngong-Gebirges ..." Nein, nicht ganz. Ich hatte eine Minibar, zu meinen Füßen unter dem Schreibtisch. Die Geschichte ist von ähnlich sehnsuchtsvollen Seufzern getränkt wie der berühmte erste Satz aus "Jenseit von Afrika", voller Erinnerungen an ein erfüllteres Leben, und das kam so: Die Minibar war ein Überbleibsel einer abgewickelten Zeitschriftenredaktion, einer von vielen, die ich zu Grabe getragen hatte. Die Minibar - ein kniehoher brauner Kühlschrank - hatte zuvor lange einer Führungskraft gehört, die darin die zur Ausübung unseres Berufs nötigen Alkoholika aufbewahrte. Die Zeitschrift starb, der Kühlschrank lebte bei mir weiter, kühlte Riesling und Tonicwater, Schokolade und Weingummi  was man halt so zum Schreiben braucht - und wärmte mein altes, müdes Journalistenherz.

Es war seltsam tröstlich, sich mit einer kleinen Drehbewegung vom Schreibtisch hinabzubeugen, die Kühlschranktür zu öffnen und eine weitere Nachtschicht einzuläuten. Hin und wieder spang die Minibar polternd an, ansonsten schnurrte sie zu meinen Füßen. Bis auch sie eines Tages verstarb und ich sie am Fuß der Ngong-Berge begrub.

Immer mehr Verkaufsautomaten statt Minibars

Daran musste ich denken, als ich heute vom Tod der Minibar als Instiution las, der Hotel-Minibar. Die Dinger lohnen sich nicht mehr, sie fahren trotz der Apothekerpreise für die darin enthaltenen Winzfläschen Verluste ein, sind personalintensiv und zudem von räuberischen Gästen geplagt, die Wodka durch Wasser ersetzen, die Schufte.

Mehr und mehr Hotels schaffen ihre Minibars ab und ersetzen sie durch Verkaufsautomaten in den Foyers, andere rüsten mit aufwendiger Überwachungstechnik auf: 85 Prozent der verbliebenen Kühlschränke sind mit Sensoren und Waagen ausgestattet, die jede verdächtige Bewegung registrieren. Moderne Minibars sind Hochsicherheitsknäste für Cola und Ritter Sport: Es reicht, einen Schokoriegel auch nur in die Hand zu nehmen, um ihn sofort automatisch auf der Rechnung landen zu lassen.

Die abgekühlte Liebe der Hotels für die Minibar entspricht der ihrer Gäste: In einer Befragung unter 20.000 Reisenden landete der kleine Kühlschrank auf dem letzten Platz unter den wichtigsten Ausstattungsmerkmalen eines Hotelzimmers; nur 21 Prozent der Befragten wollten einen. Hauptsache, WLAN, mehr Trost braucht heute keiner mehr. Dabei ist die Minibar doch eine verlässliche Schulter in Zeiten der Müdigkeit, Einsamkeit und Schwäche. Man ist allein in einer fremden Stadt oder nach einem anstrengenden Tag zu faul, noch mal zur Nachttanke zu gehen, oder man war zu blöd, sich im örtlichen Supermarkt mit Junkfood für eine Nacht im ungewohnten, leicht knarrenden Bett mit den zu steifen Laken und der besorgniserregend riechenden Wolldecke zu rüsten.

Jetzt will sie keiner mehr

Also Minibar, die letzte Rettung. Wenig ist beruhigender als eine gut gekühlte und folglich steinharte Toblerone (die ich in allen anderen Situationen unerträglich süß finde), ein Gin Tonic, sogar ohne Eis, und anschließend ein Glas Cashewnüsse für schlappe zwölf Euro. Was soll's die Nacht ist lang und das Leben kurz.

Und dann liegt man da im fremden Bett, das Salz der Cashews auf dem Laken, das Brummen der Minibar im Ohr. Vor 40,45 Jahren war sie mal das Tollste, Größte, Begehrenswerteste, was ein Hotel zu bieten hatte. Und jetzt will sie keiner mehr. Es ist eines der größten Rätsel der Liebe: Bis eben noch hat man etwas gemocht und plötzlich nicht mehr. Männer, Zeitschriften, Minibars, ein jegliches hat seine Zeit. Entschuldigung, ich muss mir kurz noch eine Toblerone holen gehen.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker