VG-Wort Pixel

Beethoven-Projekt Meisterwerk aus dem Computer? Sehen Sie hier, wie Künstliche Intelligenz die 10. Sinfonie zu Ende komponiert

Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven kam noch dazu, Skizzen seiner 10. Sinfonie zu notieren. Gelingt die virtuelle Vollendung?
© imago/Cinema Publishers Collection
Kann künstliche Intelligenz auch Kunst? Ein gewagtes Beethoven-Projekt versucht den Beweis zu erbringen. Nach über hundert Jahren wagt man es, mit künstlicher Intelligenz die 10. Sinfonie zu einem Abschluss zu bringen.

Und so schien es, als wäre das Beethoven-Jahr 2020 ohne besonderen Nachhall verstrichen. Wie bei Jubeljahren großer Persönlichkeiten üblich, hatte der Künstler Ottmar Hörl Gartenzwergversionen des Jahrhundertkomponisten auf einem Platz installiert, die zahlreichen Festakte und Konzerte trotzten mit digitalen Umsetzungen der Pandemie, und so war schnell das passende Narrativ für das Festival unter Notbedingungen gefunden: Der "radikale Künstler" habe sein Genie zu Lebzeiten schließlich auch gegen Widerstände behaupten müssen. Nun also auch noch gegen Corona.

+++ Reinhören: Die Uraufführung der neuen Komposition können Sie hier im Livestream verfolgen – am 9. Oktober um 19 Uhr +++

Zehn Monate nach dem 250. Geburtstag des bis heute meistgespielten klassischen Komponisten bekommt der alte "Ludwig van" doch noch seinen ganz großen Auftritt: Per Computertechnologie soll seine nur in Skizzen überlieferte 10. Sinfonie fertiggestellt werden. Die viel beschworene "künstliche Intelligenz" möge das Genie Beethovens im 21. Jahrhundert posthum illuminieren. Seinen Anfang hatte das Projekt genommen, als der Musikwissenschaftler und Digitalexperte Matthias Röder auf einem Führungskräfte-Event der Deutschen Telekom 2017 über sein Leib- und Magenthema "Die Digitalisierung der klassischen Musik" referierte und auf begeistertes Interesse stieß. "Ein Jahr später erreichte mich die Anfrage, ob ich bereit sei, das Ganze in die Tat umzusetzen und die Zehnte mithilfe von KI fertigzustellen", sagt Röder, der in Salzburg das "Karajan-Institut" zu Ehren des gleichnamigen Stardirigenten leitet. Mit einem Team aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, einem KI-Experten für bildende Kunst sowie einem leibhaftigen Komponisten ging er das Wagnis ein. Am 9. Oktober wird das Bonner Beethovenorchester die angebliche Vollendung der Unvollendeten uraufführen.

Kritik aus der Fachwelt

Noch wird um das Werk ein großes Geheimnis gemacht, nur eine kurze Kostprobe ist bislang zu hören. Und ja, es klingt nach Beethoven, irgendwie. "Es ist eine plausible Version", sagt Röder. Die Fachwelt gibt sich gespannt – und dezent skeptisch. Da ist etwa der belgische Dirigent und Beethoven-Biograf Jan Caeyers, der sagt: "Ein solches Experiment ist interessant, aber dafür Beethoven zu nehmen – gelinde gesagt: überambitioniert." Er fürchte, die künstliche Intelligenz unserer Tage sei zu nicht mehr fähig, als durch einen Algorithmus Bestehendes neu zu formatieren. "Was wir hören, klingt nach Beethoven, aber ganz sicher ist es nichts, das tatsächlich einem originären Beethoven-Werk entspricht." Denn wofür Beethoven mit seiner Kunst stehe, sei "das Unerwartbare", so Caeyers. "Ob dies künstliche Intelligenz hervorbringen kann, bezweifle ich sehr. Das Ergebnis wird ohne Zweifel interessant sein, aber ob es künstlerisch befriedigend sein kann, ist fraglich."

Ähnlich klingt die Erwartungshaltung des KI-Experten Paul Lukowicz, Professor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern. "Tatsächlich ist es eine tolle Leistung, dass sich das Ergebnis nach Beethoven anhört, und damit eine neue Dimension von dem, was Maschinen leisten können", sagt er. Was der Computer aber nicht sei und sein könne: intelligent. Er agiere lediglich logisch und folgerichtig. Das Ganze erinnere ihn an jenes spektakuläre Großereignis in der Vorschulzeit der künstlichen Intelligenz, sagt Lukowicz, als der Computer "Deep Blue" im Jahr 1997 gegen den Schachweltmeister Garri Kasparow einen Wettkampf aus sechs Partien unter Turnierbedingungen gewann. Damals habe der Großintellektuelle Noam Chomsky kommentiert, es sei so spektakulär, als hätte ein Bulldozer über einen Menschen im Gewichtheben gesiegt.

Aber ist es vielleicht ein erster großer Schritt zu jener ersehnten Schwelle, an der künstliche Intelligenz tatsächlich eigene Kreativität hervorbringt? "Um dies zu beantworten, müssten wir erst einmal definieren, was Kreativität überhaupt ist", sagt Lukowicz. "Mit der mythischen Idee menschlicher Kreativität hat es nicht das Geringste zu tun, so etwas ist nicht einmal am Horizont." Müsse es auch nicht. "Was der Computer hier anhand numerischer und statistischer Optimierung schafft, ist großartig", so Lukowicz. "Zur menschlichen kreativen Leistung gehören aber Qualen, Schmerzen, Rückschläge – das widerfährt dem Computer nicht, und er wüsste daraus nichts zu machen."

Kunst und KI – Passt das zusammen?

Der Siegeszug der Technologie im künstlerischen Bereich ist dabei längst Realität. Ähnlich wie beim Beethoven-Projekt haben Informatiker das Werk großer Vertreter der Kunstgeschichte in gigantische Datenmengen übersetzt und damit ihre Computer gefüttert. So ist etwa ein Rembrandt-Selbstporträt entstanden, das aus unzähligen Parametern besteht, die den Alten Meister ausmachten. Und doch sieht das Werk merkwürdig unpersönlich aus, wie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eines vielseitigen genialen Geistes reduziert. Stets bleibt es technische Meisterleistung, aber ohne schöpferischen Effekt.

Werke des Künstlers Mario Klingemann
Werke des Künstlers Mario Klingemann, der mit Algorithmen und Daten arbeitet
© Courtesy Onkaos (Colección SOLO)

Ganz anders verhält es sich, sobald zeitgenössische Künstler aktiv mit der Maschine in Kontakt und Austausch treten.

Im weitesten Sinne könnte man den aktuellen Megatrend NFT in der Kunstbranche als eine solche Kooperation betrachten. International reißen sich Sammler um Kunstwerke, die oft nicht mehr sind als Memes, digitale Bilder oder gar Tweets, die sie als "nichtfungible Token" erwerben, wenngleich ein solches Eigentumsverhältnis nicht viel mehr ist als ein Eintrag auf einer Blockchain.

Viele der NFT-Künstler nutzen auch künstliche Intelligenz. So wären die Arbeiten des brasilianischen Digitalkünstlers Fernando Magalhães, der kürzlich in einem wegweisenden Talk auf der Kunstmesse Viennacontemporary auftrat, ohne Computer gar nicht denkbar. "Ich selbst kreiere nicht mehr als ein System, Rahmenbedingungen und Vorschriften, in denen die Technologie selbst Kunstwerke herstellt", erklärt er. Die Ergebnisse, die der Computer ausspuckt, würde er nicht einmal kuratieren. Und doch sieht auch Magalhães, der unter dem Kürzel mgxs_co firmiert, seine Kunst ohne menschliches Zutun als nicht vorhanden. Und meint damit nicht sich selbst. "Es bedarf des Betrachters, der selbst ein vom Computer erschaffenes Kunstwerk als solches wahrnimmt." Denn was kein Computer je wird leisten können, sei die Empfindung von Freude, Staunen oder auch Abscheu, die ein Werk bei einem Menschen auszulösen vermag.

"Ich bin mir sicher, dass Beethoven, wenn er heute lebte, mit künstlicher Intelligenz arbeiten würde"

Auch Beethoven-Biograf Jan Caeyers wird demnächst den Taktstock erheben, um die Unvollendete in ein alternatives Finish zu bringen. "Rethinking Beethoven X" heißt sein Projekt – und kommt ganz ohne Computer aus.

"Ich bin mir sicher, dass Beethoven, wenn er heute lebte, mit künstlicher Intelligenz arbeiten würde", sagt Matthias Röder, Wissenschaftlicher Direktor des Telekom-Projekts. "Er war revolutionär und scherte sich nicht um Konventionen." Was aber kann der Computer, das ein zeitgenössischer Komponist nicht auch leisten könnte? "Die künstliche Intelligenz hat keinen eigenen Willen, keinen eigenen Stil", sagt Röder. "Sie bedient sich all der Daten, die sie aus dem Werk Beethovens, seinen Skizzen und auch denen anderer Komponisten seiner Zeit hat." Die eigene künstlerische Ambition derart hintanzustellen sei für einen Menschen kaum möglich.

Dabei kam auch dieses Projekt nicht ohne die Begleitung eines echten Komponisten aus. Walter Werzowa, der für einen Drei-Sekunden-Jingle des Chipherstellers Intel berühmt ist, sollte sich so wenig wie möglich selbst einbringen. "Und doch ist das Projekt am Ende eine Kooperation von Mensch und Maschine", sagt Werzowa. "Kreativität bedeutet für mich: Choice. Aus den Tausenden Ideen, die man hat, die richtige auszuwählen. Nichts anderes hat Beethovens Hirn auch gemacht." Seine Aufgabe war es, aus den unzähligen Versionen, die der Computer ausspuckte, eine Auswahl zu montieren. Insofern ist jene Fassung nur eine von unendlich vielen Varianten. In einem wird die KI dennoch nie Konkurrenz zum Menschen werden, das sagt auch Matthias Röder: Zuhörer zu sein.

+++ Reinhören: Die Uraufführung der neuen Komposition können Sie hier im Livestream verfolgen – am 9. Oktober um 19 Uhr +++

Erschienen in stern 41/2021

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker