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Studie Bevölkerungsentwicklung Der Mensch wird zur bedrohten Art – China verliert in 80 Jahren die Hälfte der Einwohner

Zu einer menschenleeren Ödnis wird es nicht kommen, aber ein Rückgang der Bevölkerung um die Hälfte wird die Gesellschaft verändern. 
Zu einer menschenleeren Ödnis wird es nicht kommen, aber ein Rückgang der Bevölkerung um die Hälfte wird die Gesellschaft verändern. 
© Leolintang / Getty Images
Anstatt der Überbevölkerung droht die Entvölkerung der Erde. Ab 2064 wird es weniger Menschen geben. Viele Länder werden bis 2100 auf die Hälfte schrumpfen – wenn sie den Frauen jetzt kein Angebot machen.

Noch vor einigen Jahrzehnten fürchtete man, dass der Planet an allzu vielen Menschen ersticken werde. Das Wachstum der Bevölkerung durch hohe Geburtenraten schien unaufhaltsam. Das Blatt hat sich längst gewendet. Das Wachstum hat sich stark abgebremst und es ist absehbar, wann die Bevölkerung zu schrumpfen beginnt.

In immer mehr Ländern wird die Zahl der Sterbefälle, die der Geburten übersteigen. In Industriestaaten wie Japan und Deutschland ist dieser Trend schon länger zu beobachten, doch erst als er die meisten asiatischen Länder erfasst hat, wirkt er sich weltweit aus. Ausgerechnet Elon Musk hat nun Alarm geschlagen. Die Befürchtung des SpaceX-Chef lautet, dass sein Lebenstraum, den Mars zu besiedeln, um eine "Arche Noah" für die Menschheit zu schaffen, ins Wasser fällt, wenn die Menschen nicht einmal mehr die Welt besiedeln können. "Wir sollten uns viel mehr Sorgen über einen Bevölkerungszusammenbruch machen", warnte Musk letzte Woche in einer Reihe von Tweets und nannte die optimistischeren Prognosen der UN "völligen Unsinn".

"Wenn es nicht genug Menschen für die Erde gibt, dann wird es definitiv nicht genug für den Mars geben."

Abrupt einsetzender Schrumpfprozess

Musks Problem, keine Freiwilligen für die Mars-Kolonien zu finden, wird die meisten kalt lassen. Und ohne Frage wird eine abnehmende Bevölkerung das Ökosystem des Planeten entlasten, weil weniger Menschen auch weniger Raum und Ressourcen verbrauchen werden. Doch ist zu befürchten, dass dieser Prozess nicht reibungslos vonstattengehen wird. Dafür setzt er viel zu abrupt ein. Forscher erwarten, dass sich die Bevölkerung in Ländern wie Spanien, Südkorea und China bis zum Jahr 2100 glatt halbieren wird. Und bei diesen Projektionen ist die Zunahme des Durchschnittsalters bereits berücksichtigt. Es wird daher nicht nur sehr viel weniger Menschen geben, die Gesellschaften werden zugleich vergreisen.

Die UNO geht optimistisch noch davon aus, dass die Weltbevölkerung um das Jahr 2100 ihren Peak erreichen wird. Eine Prognose des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington sieht den Höhepunkt schon im Jahr 2064. Demnach werde in 23 Ländern im Jahr 2100 die Bevölkerung nur noch halb so groß wie heute sein. Das bevölkerungsreichste Land der Welt, China, wird von einem Höchststand von 1,4 Milliarden auf nur 732 Millionen Einwohner im Jahr 2100 zurückfallen.

Dort führen die Nachwirkungen der Ein-Kind-Politik zwischen 1980 und 2015 dazu, dass die Bevölkerung nun rasch altert. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen der kanadische Sozialwissenschaftler Darrell Bricker und der Journalist John Ibbitson schon vor einigen Jahren. In ihrem Buch "Der leere Planet" (Empty Planet: The Shock of Global Population Decline) lautet ihre These: "Das bestimmende Ereignis des 21. Jahrhunderts tritt in drei Jahrzehnten ein, dann wenn die Weltbevölkerung zu sinken beginnt. Sobald dieser Niedergang beginnt, wird er nie enden."

Lange Nachwirkungen

Das Beispiel China zeigt eine Besonderheit der Studien: Einerseits ist es unsicher, Annahmen über Zeiträume in der Zukunft zu treffen. Wer will exakt sagen, welche Wünsche, Lebens- und Familienvorstellungen Personen im Jahr 2080 haben werden, die heute noch nicht einmal geboren sind? Andererseits wirken Entscheidungen lange nach. Denn eines ist auch sicher: Kinder, die heute nicht geboren werden, werden in 20, 30 oder 40 Jahren gewiss keine Familie gründen.

Sicher ist auch, dass der dramatische Bevölkerungsrückgang die Gesellschaften vor große Herausforderungen stellen wird. Wenn keine politischen Maßnahmen ergriffen werden, verschlingt eine ältere Gesellschaft mehr Geld für Gesundheits- und Sozialausgaben und Rentenzahlungen. Einzelne Staaten können durch Einwanderung versuchen, den Prozess zu verlangsamen, weltweit gesehen wird das Problem damit aber nicht gelöst. Anzunehmen ist, dass es einen starken Wettbewerb um qualifizierte Migranten geben wird.

Länger arbeiten

Die Zeit, in der die staatlichen und sozialpolitischen Ausgaben im Wesentlichen durch die Belastung der menschlichen Erwerbsarbeit finanziert wurden, wird zu Ende gehen. Ben Zaranko, Wirtschaftswissenschaftler am Institute for Fiscal Studies, sagte dem britischen "Telegraf", dass eine schrumpfende Bevölkerung nicht unbedingt ein Problem für die Wirtschaft darstellt. "Wenn man eine kleinere Bevölkerung hat, hat man auch eine kleinere Wirtschaft, aber jeder Einzelne kann genauso wohlhabend sein. Das Problem ist, dass dies mit einer Veränderung aller Strukturen einhergeht."

"Wenn die Volkswirtschaften reicher werden, bekommt jeder Einzelne im Durchschnitt weniger Kinder. Wir sollten die Tatsache, dass wir eine wohlhabendere Gesellschaft sind, nicht schlecht reden. Das wird Herausforderungen mit sich bringen, aber viele der zugrunde liegenden Ursachen sind Dinge, über die man sich freuen kann."

Das gilt aber nur für Volkswirtschaften, die das Kunststück schaffen, bei schrumpfender und stark alternder Bevölkerung auf Wachstumskurs zu bleiben. Vor allem Bereiche, die bislang noch kaum menschliche Arbeit durch industrialisierte Prozesse oder Roboter ersetzen konnten, werden unter Druck kommen. Das wären etwa die Pflegebranche, aber auch Gastronomie und Schulen. An einem längeren Arbeitsleben wird auch kein Weg vorbeiführen. Prof. Sarah Harper, Direktorin des Oxford Institute of Population, nimmt an, dass durch den medizinischen Fortschritt und die Förderung eines gesunden Lebensstils das Arbeitsleben bis in die 70er-Jahre verlängert werden kann.

Muss es so kommen?

Grundsätzlich sind Frauen der Schlüssel zu allen Fragen der Bevölkerungsentwicklung. Rechtliche Gleichstellung, die Erosion traditioneller Familienformen, bewusste Familienplanung und die bessere Schulbildung bestimmen heute die Entwicklung. Weltweit sinkt die Geburtenrate bei Frauen daher weit schneller, als früher angenommen wurde. Gleichzeitig steigt die Zahl der Frauen, die bewusste Familienplanung vornehmen. In Brasilien und China entscheiden sich heute viele Frauen für eine dauerhafte Sterilisation – in China soll die Hälfte der Paare diesen Weg gehen. In Südkorea und Japan verschieben Frauen eine Schwangerschaft bis nach dem 30. Lebensjahr oder verzichten ganz darauf.

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Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass die Option "Kein Kind" oder nur "Ein Kind" häufig aus der schwierigen Lage zwischen Karrierewünschen, Unsicherheit über die Zukunft und verfügbarem Einkommen resultiert. Frauen optieren gegen Kinder, weil sie ihre Stellung in der Gesellschaft nicht gefährden wollen. Das ist aber kein Naturgesetz. Eine Gesellschaft könnte es auch schaffen, dass ein erfüllter Kinderwunsch etwa bei alleinerziehenden Müttern nicht mehr ein eklatantes Armutsrisiko darstellt, die Mutterschaft angesehen ist und Karriere und Kinder kein Widerspruch bedeuten. Diese Gesellschaft kann dann durchaus vorführen, dass die Krise des Bevölkerungsrückgangs nicht über sie hereinbrechen wird.


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