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Raumfahrt Baubeginn der eigenen Raumstation: China hat den Schritt zur Supermacht im All geschafft

Ansicht der chinesischen Raumstation
Chinas Raumstation "Tiandong" orientiert sich am Vorbild der früheren russischen Station "Mir"
© Picture Alliance
USA gegen Russland – das war das ewige Duell um die Vorherrschaft im All. Längst gibt es weitere Raumfahrtnationen. Doch die neue Supermacht im All ist China. Das Riesenreich baut nun eine eigene Raumstation.

Während die russische Raumfahrtagentur Roskosmos am Donnerstag ihren Raumfrachter vom Typ Progress MS-14 nach 369 Tagen im All ausrangierte und über dem Pazifik gezielt zum Absturz brachte, stieg am selben Tag eine gewaltige "Langer Marsch 5B"-Rakete auf und beförderte das Kernmodul der künftigen chinesischen Raumstation in den erdnahen Weltraum. Beide Ereignisse standen nicht im direkten Zusammenhang, und doch symbolisieren sie gemeinsam einen Wachwechsel in der internationalen Raumfahrt. Der ehemalige Schüler China hat den früheren Lehrmeister Russland unter den führenden Raumfahrtnationen überflügelt. Mehr noch: Wenn in wenigen Jahren die ISS außer Dienst gestellt wird, ist China die einzige Nation mit einem Außenposten im All. 

"Allgemein demonstriert eine Raumstation die Breite der Raumfahrttechnik in einem Land", betont der frühere deutsche Astronaut Reinhold Ewald, heute Professor an der Universität Stuttgart, wie weit es die chinesische Raumfahrt inzwischen gebracht hat. Allerdings ist es nicht nur der Bau des "Himmelspalastes", wie die Station heißen wird, der belegt, dass China zur Raumfahrt-Supermacht geworden ist. Gerade in jüngerer Zeit hat Chinas Nationale Raumfahrtbehörde CNSA immer wieder mit bahnbrechenden Missionen von sich reden gemacht.

China: Erfolge auf Mond und Mars

Allen voran die historische Landung auf der sogenannten "dunklen Seite" des Mondes im Januar 2019. Keiner anderen Nation ist das bisher geglückt. Dank einer indirekten Kommunikation mit der Erde über eine eigens in den Mondorbit gebrachten Relaisstation läuft die Mission seither soweit bekannt erfolgreich – inklusive regelmäßiger Roverfahrten während der Mondtage. Ende vergangenen Jahres glückte es zudem, erstmals Mondgestein zur Erde zu bringen. Und auch am Rennen um den Mars beteiligt sich China. Seit Februar befindet sich der Orbiter der "Tianwen-1"-Mission in der Marsumlaufbahn. An Bord hat er bereits einen Lander und einen Rover, die in den kommenden Wochen zu einem günstigen Zeitpunkt auf der Marsoberfläche abgesetzt werden sollen. Auch dieses Vorgehen einer verspäteten Landung aus der Mars-Umlaufbahn heraus ist ein Novum in der Raumfahrt. Gelingt die Landung könnte das beispielgebend für künftige Mars-Missionen auch anderer Nationen sein. Allerdings profitiert die CNSA in diesem Fall von den Pionierleistungen der US-Amerikaner und der Russen.

An einem schwarzen Himmel ist der Mond in Großaufnahme zu sehen. Er wirkt grau und seine Krater sind deutlich zu sehen

Und nun der Bau einer eigenen Raumstation. Zum Auftakt des bisher größten Projekts der chinesischen Raumfahrer brachte eine Rakete das Hauptmodul "Tianhe" ("Himmlische Harmonie") in eine Erdumlaufbahn. Problemlos hob die leistungsfähige neue Trägerrakete vom Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der südchinesischen Insel Hainan ab. Zehn Minuten nach dem Start trennte sich das Modul plangemäß von der Rakete, was lauten Applaus im Kontrollzentrum auslöste. Auch die Sonnensegel öffneten sich wenig später reibungslos. Nach drei Jahrzehnten Planung und zwei kleineren Raumlaboren im Erdorbit wird der Traum vom ständigen chinesischen "Himmelspalast" nun allmählich wahr. Natürlich gab es dafür Glückwünsche und pathetische Worte von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Er beschwor den "Geist der Innovation und Selbständigkeit".

Nach Ende der ISS einzige Nation mit Außenposten

China trennt bei seinen Weltraumaktivitäten generell nicht zwischen zivil und militärisch. Dementsprechend fließen die Informationen deutlich spärlicher als bei der Nasa, deren Missionen ein offenes Buch sind. Klar ist aber, dass das 22 Tonnen schwere Modul, das nun als erstes ins All gebracht wurde, den Kern der neuen Raumstation bilden wird, die "um 2022" fertig gestellt werden soll. Wie ihre Vorgänger wird die Station "Tiangong" heißen. Das Hauptmodul ist 16,6 Meter lang und hat einen Durchmesser von 4,2 Metern. Es ist das größte Raumschiff, das China bisher gebaut hat.

Schema der chinesischen Raumstation Tiangong-3
So soll sie voraussichtlich schon im nächsten Jahr aussehen, die chinesische Raumstation "Tiangong". In der Mitte das jetzt ins All geschossene Modul "Tianhe".

Wenn die inzwischen technisch veraltete Internationale Raumstation ISS wie geplant in den kommenden Jahren ihren Dienst einstellt, wäre China danach die einzige Nation, die einen ständigen Außenposten im Weltraum betreibt. Wegen Bedenken der USA war China seinerzeit nicht eingeladen worden, an der Internationalen Raumstation mitzuwirken. Nun kommt das Ende der ISS noch früher als gewollt, weil sich Russland aus der einst als "Menschheitsprojekt" gefeierten Station zurückzieht und wieder eine eigene Station plant. Von 1986 bis 2001 umkreiste mit der "Mir" bereits ein russische Station die Erde.

Raumfahrt: Wieder mehr Konkurrenz als Gemeinschaft

Die Alleingänge sind ein Spiegelbild der politischen Entwicklungen – und eine vorläufige Abkehr vom Gedanken des gemeinsamen Aufbruchs ins All, der der ISS zugrunde lag. Die Nasa legt ihren Schwerpunkt derzeit auf die Vorbereitungen der ersten bemannten Mars-Mission. Vor kurzem setzte der Rover Perseverance auf dem Roten Planeten auf; es werden erste Flugversuche mit einer Drohne unternommen. Mit der Eroberung des Mars einher gehen soll der Bau der unter anderem als Zwischenhalt für die langen Flüge gedachten Gateway-Station in der Mond-Umlaufbahn, an der auch die europäische Esa maßgeblich beteiligt sein wird. Die Verträge sind bereits unterzeichnet.

Zunächst aber liegt die Aufmerksamkeit bei den Chinesen, die schon in den kommenden Wochen weiter an ihrer Station bauen, die größer als die "Mir", aber deutlich kleiner als die ISS sein wird. Im Mai soll das Cargo-Raumschiff "Tianzhou 2" mit Treibstoff und Versorgungsgütern andocken. Auch bereiten sich drei Astronauten vor, an Bord von "Shenzhou 12" im Juni zu "Tianhe" zu fliegen. Sie sollen drei Monate bleiben. Die Bauphase erfordert einen gedrängten Flugplan: Insgesamt sind elf Flüge geplant – drei Flüge mit Modulen, vier Frachtmissionen und vier bemannte Raumflüge.

Ein "Himmelspalast" für zehn bis 15 Jahre

Die Raumstation wird in einer Höhe von 340 bis 450 Kilometern die Erde umkreisen. Drei Raumschiffe können gleichzeitig andocken – zwei auch für längere Zeit. Das Kernmodul sorgt für Strom und Antrieb. Es bietet Unterkünfte für drei Astronauten, die bis zu sechs Monate an Bord bleiben können. Zwei ähnlich große Teile für wissenschaftliche Experimente sollen t-förmig angebaut werden. Die Station ist für eine Laufzeit von zehn Jahren ausgelegt, könnte aber mit entsprechender Wartung vielleicht auch mehr als 15 Jahre betrieben werden.

"Wir werden lernen, wie ein großes Raumschiff in einer Umlaufbahn zusammengebaut, betrieben und unterhalten wird", sagte der Chefdesigner der Raumstation, Bai Linhou, der Nachrichtenagentur Xinhua. Mit "Tiangong" wollten sie ein Raumlabor schaffen, "um lange Aufenthalte von Astronauten zu unterstützen und umfassende wissenschaftliche, technologische und angewandte Experimente vorzunehmen." Der bisher längste Aufenthalt eines chinesischen Astronauten im All dauerte 33 Tage. 2002 flogen Chinesen erstmals ins All.

Russlands "Mir" ist das Vorbild

Chinas Raumstation wird nur rund ein Sechstel der Masse der ISS haben, die es auf mehr als 400 Tonnen bringt. "Himmelspalast" ist laut Experten eher mit der russischen "Mir" vergleichbar. "Sie folgen in der Optik auch sehr stark dem russischen Vorbild", erklärt Ex-Astronaut Ewald. Der Deutsche war 1997 selbst an Bord der "Mir" und hat später federführend die Flüge europäischer Kollegen zur ISS vom Boden aus unterstützt. Zwar wurde die ISS schon als zu groß kritisiert, doch argumentiert Ewald, dass Größe auch mehr Raum für Forschung, für zusätzliche Astronauten und auch mehr Sicherheit in Notfällen biete.

Neben wissenschaftlichen Versuchen in Schwerelosigkeit, im Vakuum und unter Strahlung biete die Station dem chinesischen Raumfahrtprogramm auch neue Möglichkeiten, um Systeme für weitere Missionen in die Tiefen des Weltraums zu entwickeln. "Es lässt sich testen, wie Menschen ins All vorstoßen können und was man auf dem Weg zum Mond oder Mars noch braucht", so Ewald.

Raumfahrt: Baubeginn der eigenen Raumstation: China hat den Schritt zur Supermacht im All geschafft

Probleme mit Trägerrakete verzögern Stationsbau

Trotz des schnellen Aufstiegs Chinas zur Raumfahrtmacht: Auch die CNSA ist nicht vor Rückschlägen gefeit. Eigentlich sollte der Bau der Raumstation schon früher starten, aber Probleme mit der neuen, tragfähigen Rakete sorgten für Verzögerungen. Das Programm wurde dafür jetzt verdichtet, um im Zeitplan zu bleiben und wie ursprünglich geplant 2022 fertig zu werden. Der Druck auf die Verantwortlichen ist groß: "Wir müssen sicherstellen, dass jeder Start verlässlich und der Betrieb der Raumschiffe im Orbit sicher und stabil ist", sagte Zhou Jianping, Chefdesigner des bemannten Raumfahrtprogramms.

Vier bemannte Flüge, dazu sieben Versorgungsmissionen in etwas mehr als einem Jahr – auch das ist eine ambitionierte Aufgabe. Geld und Ressourcen in ausreichendem Maß scheinen aber zur Verfügung zu stehen. Auch das zeigt: China ist im neuen Wettlauf um die Vorherrschaft im erdnahen Weltraum auf der Überholspur. Wie bedeutend Erfolge im All für die Machtverhältnisse auf der Erde sein können, hat der Kalte Krieg bereits gezeigt. Nun scheint es wieder soweit zu sein – und China ist diesmal ganz vorne dabei.

Quellen: CNSA; Xinhua; Nachrichtenagentur DPA; Nasa (ISS); Esa (Gateway); Handelsblatt


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