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Revolution Frauenfrisuren - die blutige Geschichte der kurzen Haare

Pierre-Narcisse Guérins  Portrait eines jungen Mädchens von 1812
Pierre-Narcisse Guérins  Portrait eines jungen Mädchens von 1812
© Commons
Am Ende des 18. Jahrhunderts trug die Pariserin ihre Haare struppig und kurz. Diese Mode-Schickeria spielte mit den Zeichen der Revolution: Kurz zuvor wurden Tausenden von Frauen die Haare geschoren, bevor sie ihren Kopf unter der Guillotine verloren.

Das klassische Ideal bevorzugt lange Frauenhaare und entsprechende Frisuren. Und doch zeigen uns Bilder des ausgehenden 18. Jahrhunderts junge Frauen mit erstaunlich modern wirkenden Kurzhaarfrisuren. Im Ancien-Regime konnten die Frisuren gar nicht aufwendig genug sein. Die echten Haare wurden mit Perücken verknüpft und bildeten gewaltige Aufbauten, die mit Schmuck und Miniaturen verziert wurden. Sogar Schiffsmodelle konnten sich in den Aufbauten befinden. Und auf einmal, kaum 20 Jahre später, waren wuschelige Kurzhaarfrisuren in Frankreich en vogue – struppig und nachlässig geschnitten. Schuld daran war die Französische Revolution. In sicherem Abstand von den Jahren des Terrors kleideten sich junge modebewusste Menschen "à la victime" - so wie die Opfer.

Der industrielle Tod

Die Zeit der "Schreckensherrschaft" bezeichnet eine neunmonatige Periode in den Jahren 1793 und 1794. Damals wurden allein in Paris über sechzehntausend "Staatsfeinde" hingerichtet. Diese Massen konnte das traditionelle Handwerk des Henkers nicht bewältigen. Denn vor der Revolution war jede Hinrichtung ein individuelles und aufwendiges Spektakel. Es musste durch eine industrielle Art des Tötens ersetzt werden – es begann die Herrschaft der Guillotine.

Und die spiegelte sich auch in der Mode der Kurzhaarfrisuren wider. Denn den Opfern wurden vor der Hinrichtung die Haare geschoren. Im Mittelalter sollten die Frauen so ihren letzten Gang als reizlose Sünderinnen antreten, in den Zeiten der Guillotine zählten die Erniedrigung und der praktische Effekt: Dichtes Haar ist erstaunlich zäh, es konnte einen sauberen Schnitt verhindern. Ein Klemmen des Fallbeils hätte die Hinrichtungen am Fließband aufgehalten. Also schickte man Tausenden von Frauen mit struppigen Haaren auf das Schafott.

Als es dann modisch wurde, sich "à la victime" zu kleiden, mussten die Pariserinnen nicht mehr fürchten, von einer Horde Jakobiner geköpft zu werden, die danach den Kopf auf einer Pike triumphierend durch die Straßen tragen würde. Es steckte aber auch kein politisches Statement für die Monarchie dahinter. Die Mode hatte politisch unterschiedliche Quellen.

Das eine waren die Opferbälle, auf denen die Überlebenden ihren ermordeten Verwandten in makaberen Ritualen huldigten. Hinzu kam eine revolutionäre Mode, denn die Männer des Umsturzes orientierten sich nach der Revolution an den Frisuren der römischen Büsten. Dieser Stil nannte sich Frisur à la Titus. Merkwürdigerweise, denn Titus war kein Republikaner wie etwa Brutus, sondern ein römischer Kaiser.

Mehr Spektakel als Politik

Aus beiden Einflüssen entstand eine Mode der Provokation, die mit dem Nervenkitzel des Terrors spielte. Man schlang sich gern rote Bänder um den Hals, um das Blut der Toten nachzuahmen. Beliebt war auch eine umgekehrte Vokuhila: Hinten wurde der Nacken ausrasiert, während vorn die Locken in die Stirn fielen. Bei der Vorstellung bewegten die Herren ruckartig den Kopf, so als ob der abgeschlagen würde.

Kleine Guillotinen wurden als Schmuck getragen, etwas größere Modelle verschönerten die Salons. "Frankreich tanzt", schrieben Historiker des 19. Jahrhunderts. "Frankreich tanzt, um sich zu rächen, Frankreich tanzt, um zu vergessen! Frankreich tanzt zwischen der blutigen Vergangenheit und der dunklen Zukunft, sie tanzt! Kaum vor der Guillotine gerettet, wird getanzt ... Frankreich, noch immer blutverschmiert und völlig ruiniert, dreht und dreht Pirouetten und wirbelt herum".

Wie zu erwarten, wurden Frauen mit kurzen Haaren zunächst als "entstellt" und "unweiblich" bezeichnet, das hielt die Mode-Revolution aber nicht auf. 1802 schrieb das "Journal de Paris", dass mehr als die Hälfte der modischen und wohlhabenden Frauen entweder ihre Haare geschnitten hatten oder zumindest eine Perücke in dem Stil trugen.

Geschmackvoll war diese Art der Schreckensbewältigung nicht, doch sie beeinflusste die Mode enorm. Denn erstmals setzte sich bei den Frauenkleidern eine Idee der Simplizität und Schlichtheit durch. Weil die Opfer des Terrors in Nachthemden und Unterwäsche durch die Straße getrieben wurden, trugen die Frauen einfach fallende Kleider ohne Schnürung und ohne ein stützendes Gestell für den Rock.

Quellen: Timeline, Messy Chick, Fashion Encyclopedia

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