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Höhlenforscher im Interview: Was Menschen in die Tiefe treibt

Ingo Dorsten geht auf Entdeckungsreise in Höhlen. Gefahrlos ist der Abstieg nicht, wie der Fall des im Riesending verunglückten Forschers zeigt. Im Interview erzählt Drosten, was ihn antreibt.

Herr Dorsten, was machen Sie am nächsten Wochenende?
Da will ich mit meinen Kollegen aus dem Verein wieder runtergehen. Wir haben hier im Westerwald in Breitscheid ein großes Höhlensystem, in dem wir in den vergangenen Monaten sehr viel Neuland entdeckt haben. Das wollen wir kartieren.

Wie viele Höhlen kennen Sie von innen?


Seit 22 Jahren betreibe ich mein Hobby, da habe ich eine Menge gesehen. Allein in Deutschland war ich bestimmt in einhundert bis zweihundert Höhlen, aber auch in einer ganzen Reihe in Slowenien, Rumänien, Russland und im Iran.

Warum haben Sie keinen Koch-Kurs besucht oder sind kein Gleitschirmflieger geworden?


Ich war als Jugendlicher lange bei den Pfadfindern und habe dort mit Klettern begonnen. Da aber Norddeutschland, wo ich geboren bin, keine Berge hat, kam ich mit ein paar Freunden auf die Idee, dass es ja Höhlen gibt. So sind wir in den Harz und haben dort die ersten Höhlen befahren.

Was ist der Kick beim Klettern nach unten?


Wir sprechen nicht gerne von einem Kick. Es macht in erster Linie Spaß und ist natürlich auch ein gewisses Abenteuer. Aber mich treibt vor allem das Interesse, mir Wissen über die fantastische Welt im Untergrund anzueignen, das ich sonst nicht bekommen würde. Und natürlich ist es wunderbar, eventuell ein Stück des Planeten zu entdecken, das noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat.

Was gibt es dort zu finden?


Wir finden gelegentlich Knochen von Höhlenbären, die Tiere sind vor über 25.000 Jahren ausgestorben. Auch auf menschliche Überreste aus der Bronzezeit sind wir bei einer Neuentdeckung schon gestoßen. Es gibt wunderbare Tropfsteine und irrsinnige Kristallformen. Den unterirdischen Orten dürfen ihre Entdecker Namen geben. "Wolkenschloss" oder "Märchenland" deuten darauf hin, wie schön sie sind. Und wir finden immer wieder völlig neue mikroskopische Lebensformen. Ich selbst habe Bakterien entdeckt, die bis dahin kein Biologe kannte, Schleimfäden unter Wasser. Mikroben leben bis in viele tausend Meter Tiefe. Weil Höhlen sensible und bewahrenswerte Biotope sind, die manchmal Millionen von Jahren unversehrt geblieben sind, arbeiten wir eng mit den Naturschutzbehörden zusammen.

Es ist dunkel, nass und kalt in der Tiefe. Nervt das nicht? In der Mythologie des Mittelalters waren Höhlensysteme der Einstieg zur Hölle...


Es sind faszinierende Orte großer Ruhe. Gegen die Kälte und Feuchtigkeit von nahezu einhundert Prozent, hilft entsprechende Kleidung. Dafür ist die Luft ganz klar, ohne Staub und Pollen, bestens geeignet für Asthmatiker. An den Helmen haben wir eine sehr gute Beleuchtung in LED-Technik. Wenn man allerdings mal bewusst das Licht ausschaltet, kommt das Gehirn damit nur schwer klar, weil es hier null Restlicht gibt. Man kann keinerlei Kontur erkennen. Das verwirrt, und mit der Zeit macht das Gehirn sich seine eigenen Bilder.

Sie seilen sich an fingerdicken Seilen ab, zwängen sich durch schmalste Felsspalten und lange Erdtunnel - und müssen durch diese Geisterbahn viele Stunden später wieder zurück. Fürchterlich beklemmend ...
... nee, eigentlich nicht. Wer mit Platzangst ein Problem hat, der geht nicht runter. Jeder tastet sich im Laufe der Zeit an seine individuellen Grenzen ran und kann dann damit sehr gut umgehen. Bei mir zum Beispiel ist Schluss, wenn ein Spalt nur neunzehn Zentimeter breit ist.

Durch einen zwanzig Zentimeter breiten Spalt zwängen sie sich also noch?


Ja, wenn es sein muss. Wirklich festgesteckt habe ich jedoch noch nie und echte Gefahrenmomente sind extrem selten. Aber es gab durchaus schon mal brenzlige Situationen, wenn man etwa in einen Bereich hineinkroch und man feststellen musste, dass dort das Gestein nicht besonders fest ist. Wir gehen immer mindestens zu dritt, damit im Falle einer Verletzung einer beim Betroffenen bleiben und der andere Hilfe holen kann. Ein Team draußen weiß zudem, wo wir sind und wann wir zurückkehren wollen. Auf die Team-Arbeit und die Kameradschaft kann man sich einhundertprozentig verlassen. Das ist großartig.

Haben Sie noch nie etwas Unangenehmes erlebt unter Tage?


Doch, einmal stieg Wasser, das aus einer Quelle kam und das wir eigentlich abpumpen wollten, unangenehm hoch. Und vor fünf Jahren hab ich einen Unfall miterlebt. Ein Freund saß neun Stunden in einem Schacht fest, wir konnten ihm nicht helfen. Er wurde aber von der Höhlenrettung befreit und unverletzt geborgen. Grundsätzlich passiert bei den organisierten Kollegen äußerst selten etwas. Die meisten Einsätze hat die Höhlenrettung bei unerfahrenen Neugierigen, bei Wanderern oder Kindern, die einfach mal so in eine Höhle gehen.

Kann jeder auf eigene Faust in eine Höhle steigen?


Im Prinzip ja. Allerdings sind die Höhlen, die sehr schwierig zu begehen sind, meist mit einer Tür oder einem Gitter verschlossen. Die Schlüssel haben die Vereine oder die Behörden.

88 Vereine gibt es in Deutschland, in denen 2500 Höhlenforscher organisiert sind....


... aber nur etwa ein Zehntel davon ist wirklich richtig aktiv. Viele Mitglieder unterstützen einfach die Sache. Höhlenforscher sind in aller Regel Freizeitforscher. In den Vereinen kommen Menschen aus den verschiedensten Berufen zusammen, die sich für die Unterwelt interessieren und sich weiterbilden wollen. Leider haben wir Nachwuchsprobleme, denn immer weniger Leute wollen sich binden und Verantwortung übernehmen. Dabei ist es ein so tolles Hobby.

Sie haben sogar Ihre Frau dort kennengelernt...


Ja, sie hat an einem Schnupperkurs teilgenommen und ist heute begeisterte Höhlenforscherin. Inzwischen haben wir zwei Kinder.

Interview: Horst Güntheroth

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