HOME
Interview

Karsten Schwanke: ARD-Wettermann zu Trump und Klimawandel: Brände in Kalifornien und Regen-Chaos in Italien hängen zusammen

Donald Trump vergleicht Kalifornien mit Finnland, um Waldbrände zu erklären. Wie erläutert man ihm den Klimawandel? Der stern hat nachgefragt. ARD-Wettermann Karsten Schwanke wird nicht müde, uns allen die Auswirkungen des Jetstreams zu schildern.

Karsten Schwanke

ARD-Wettermann Karsten Schwanke: "Es ist bitter, dass Donald Trump für Fakten nicht em

Picture Alliance

Donald Trump hat die durch das verheerende "Camp Fire" völlig zerstörte kalifornische Kleinstadt Paradise besucht. Dass das Feuer etwas mit dem Klimawandel zu tun hat, will er nicht erkennen, der US-Präsident empfiehlt stattdessen lieber, die Wälder zu harken, wie angeblich in Finnland üblich. Dabei lässt sich die seit Monaten anhaltende Trockenheit in Kalifornien durchaus mit der Klima-Entwicklung erklären. Im Gespräch mit dem stern erklärt ARD-Wettermann Karsten Schwanke, wie sich der Klimawandel in unseren Breiten abspielt, was also die Regenfluten in Italien und die Dürre in Kalifornien miteinander zu tun haben - und wie schwierig es ist, einen Mann wie Donald Trump mit Argumenten zu erreichen.

Herr Schwanke, hätten Sie die Chance: Wie würden Sie Donald Trump verständlich machen, was der Klimawandel mit den Waldbränden in Kalifornien zu tun hat?

Es gibt vielleicht keine schwierigere Frage, das ist mir schon oft durch den Kopf gegangen. Man muss versuchen zu verstehen, wie er tickt, wie seine Agenda aussieht. Vielleicht müsste man ihm sagen, ab wann seine Golfplätze absaufen … Nein, es ist schon sehr bitter, dass dieser Mann für Fakten nicht empfänglich ist und überhaupt so wenig Empathie zeigt.

Das heißt, Sie würden ihm gar nicht erst den Zusammenhang zwischen der anhaltenden Dürre und den Bränden erläutern wollen?

Die US-Klimaforscher argumentieren ja auch sehr emsig. Aber man muss sich mal vor Augen führen, dass das Weiße Haus im Oktober 2017 den nationalen Klimabericht veröffentlicht hat, der alle Vorhersagen des Weltklimarates IPCC sogar noch verschärft, einen noch schnelleren Anstieg des Meeresspiegels vorhersagt. Das unterschreibt Trump, das ist ihm egal.Und später äußert er sich wieder anders. Aber man muss es weiter versuchen. Er hat ja zumindest inzwischen zugegeben, dass es einen Klimawandel geben könnte. Auch bei ihm gibt es also einen nächsten Schritt. Dann aber sagt er, dass der Wandel nicht vom Menschen gemacht ist.

Ist es nicht schon fast egal, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht? Fakt ist, wir müssen etwas dagegen tun.

Es wäre ja etwas völlig anderes, wenn wir beispielsweise gottgegeben in die nächste Eiszeit schlittern würden. Dann müssten wir ja ganz andere Maßnahmen überlegen – beispielsweise Menschen in wärmere Gebiete umsiedeln. So aber wissen wir, wo es herkommt, dass wir unser Verhalten ändern und an vielen Stellschrauben drehen müssen. Deshalb ist das ein großer Unterschied.

Ein Begriff, den wir uns im Zusammenhang mit dem Klimawandel merken müssen, ist Jetstream. Was hat es damit auf sich?

Der Jetstream ist ein starkes Westwind-Band, das sich in den mittleren Breiten wellenförmig von West nach Ost über die Nordhalbkugel bewegt. Unser Wetter an der Oberfläche, der Wechsel von Hochdruck- und Tiefdruckgebieten, wird zum großen Teil von diesem Höhenwind gesteuert. Er wird angetrieben durch die Temperaturunterschiede zwischen der kalten Arktis und den warmen Tropen. Je größer der Temperaturunterschied umso schneller der Jetstream. Das ist auch der Grund, warum wir im Winter stärkere Winde und ausgeprägtere Tiefdruckgebiete haben als im Sommer. Umgekehrt haben wir im Sommer keine Orkantiefs. Der Jetstream ist insgesamt in der wärmeren Jahreszeit schwächer.

Und wie lässt sich anhand des Jetstreams beobachten, dass der Klimawandel im Gange ist?

In den letzten Jahrzehnten hat die Temperatur weltweit zugenommen. Wobei: Ein Grad hört sich erstmal so wenig an, niemand würde unterscheiden können, ob es draußen sieben oder acht Grad ist. Weltweit sind die Auswirkungen der Erwärmung um ein Grad aber enorm. Und in der Arktis verläuft die Erwärmung zudem deutlich schneller ab als anderswo – auf Spitzbergen beispielsweise 15-fach schneller. Die Folge: Der Antrieb schwächelt, weil die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und Äquator geringer werden. Es ist also nicht nur ein Gefühl, dass sich durch den heißen, trockenen Sommer in diesem Jahr der Klimawandel bemerkbar gemacht hat, es ist tatsächlich so.

Folgen, die zunächst niemanden gestört haben…

Das war alles erstmal schön, da war ganz viel Positives. Alles war sehr nett. Blauer Himmel - Sonnenschein. Aber jetzt sehen wir: Es wird nicht nur wärmer, und das jetzt schon, da die globale Erwärmung "nur" bei einem Grad liegt, sondern es ändern sich auch die Wetterprozesse. Bei einem schwachen Jetstream setzen sich die Wetterlagen für lange Zeit fest. So entstehen anhaltende sintflutartige Regenfälle wie kürzlich in Italien oder eine Dürre wie im vergangenen Sommer, die zum Teil immer noch anhält. Wir haben immer noch einen niedrigen Grundwasserspiegel, in den Flüssen herrscht immer noch Niedrigwasser, weshalb es im Rheinland an mancher Tankstelle schon mal kein Benzin gibt, weil die Transportwege nicht voll zur Verfügung stehen. Im Supermarkt sehen wir es ja nicht, weil immer alles da ist. Aber wenn wir uns auf heimische Produkte beschränken müssten, dann würden wir das spüren, auch an den Preisen.

Der Klimawandel ist also im Gange und spürbar. Was glauben Sie: Werden wir es noch schaffen, die Erwärmung in den Griff zu kriegen?

Zunächst einmal wird es interessant sein zu sehen, ob es passieren kann, dass es beispielsweise in Mitteleuropa mal anderthalb Jahre nicht regnet. Genauso gut kann es in den nächsten Sommern ständig regnen – und das mit der gleichen Begründung, dass sich die Wetterlagen festsetzen.

Anderthalb Jahre kein Regen, das wäre aber nicht nur interessant…

Nein, nein, das wäre ein Drama. Und es macht umso deutlicher, dass wir etwas tun müssen. Trump da als einzigen Buhmann zu nehmen, ist übrigens zu bequem. Auch Deutschland macht viel zu wenig. Es ist eine Riesenherausforderung, praktisch die gesamte Weltbevölkerung in eine andere Richtung zu drehen. Wenn die entwickelten Länder dabei nicht vorangehen, wer denn dann? Man muss die richtigen Anreize setzen. Dann ist durchaus Bereitschaft da mitzuziehen. Als beispielsweise in Norwegen kürzlich ein E-Mobilitäts-Programm aufgelegt wurde, war der Andrang so groß, dass man es wieder einstellen musste.