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Russlands Raumschiff Sojus: Der VW-Käfer des Weltalls

Nachdem das Space Shuttle "Atlantis" von seiner letzten Mission zurückgekehrt ist, gibt es künftig nur noch eine Möglichkeit, zur Raumstation ISS zu gelangen: mit der russischen Sojus. Ein Ausblick.

Sie ist der "VW-Käfer des Weltalls": die russische Sojus. Nach dem Ende der Space-Shuttle-Ära ist Moskau erst einmal Monopolist beim Transport von Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS - obwohl sich seine Sojus-Raumschiffe seit dem ersten Start 1966 kaum verändert haben. Neuentwicklungen werden erst in vielen Jahren Raumfahrer ins All bringen können. Für Russland bedeutet das bis dahin Hunderte Millionen an Mehreinnahmen - Geld, das der Marktführer auch in den Bau eines eigenen Weltraumbahnhofs im Fernen Osten des Landes steckt. Derzeit zahlt Moskau jährlich mehr als 100 Millionen Euro Pacht für das kasachische Kosmodrom Baikonur in der zentralasiatischen Steppe.

"Auch wir Europäer werden künftig auf russische Sojus-Raumschiffe angewiesen sein", sagt Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Moskau könne zwar hohe, aber keine astronomischen Preise für die Reisen zur ISS verlangen. "In den Verträgen ist festgelegt, dass Europa für Leistungen wie den Bau eines Labors auf der ISS andere Dienste in Anspruch nehmen kann - zum Beispiel Flüge zur Raumstation", betont der DLR-Chef. Zugleich hat Wörner Bedenken. "Wenn bei der Sojus in den nächsten Jahren eine gravierende Panne auftritt, hätten wir ein Problem mit der ISS."

Günstig und unverwüstlich, aber rückständig

Die Sojus gilt zwar als kostengünstig und unverwüstlich, aber auch als technisch rückständig. Russland modernisiert daher seinen Fuhrpark: 2010 ersetzte die Raumfahrtbehörde Roskosmos das analoge Steuerungssystem durch eine digitale Anlage und sparte damit 70 Kilogramm Technik - Gewicht, das für einen weiteren Kosmonauten genutzt werden soll. "Um Geld zu verdienen, wird Russland auch wieder zahlungskräftige Touristen ins All fliegen", meint der deutsche Ex-Kosmonaut Sigmund Jähn. "Auch im Weltall herrscht Kapitalismus."

Doch Russland ist nicht nur "Taxifahrer" für US-Astronauten und abenteuerhungrige Milliardäre, sondern auch "Spediteur" für Telekommunikationsunternehmen. Progress-Fähren bringen bis zu drei Tonnen Material zur ISS, bevor sie auf dem Rückflug verglühen, und Sojus-Transporter setzen Satelliten von Weltfirmen wie Globalstar aus. Mehr als 600 Millionen Euro wird Russlands künftiger Weltraumbahnhof in Wostotschny unweit der chinesischen Grenze kosten - da muss das Geld auch aus der unbemannten Raumfahrt kommen.

Trotz angespannter Haushaltslage kündigte Kremlchef Dmitri Medwedew vor kurzem an, dass sich Russland nicht aus der Erforschung des Alls zurückziehen werde. 50 Jahre nach Beginn der bemannten Raumfahrt sei die Menschheit "erst am Anfang ihres Weges", sagte der Präsident bei einer Gedenkstunde für Juri Gagarin. Der russische Offizier war am 12. April 1961 als erster Mensch ins All geflogen. Heute verfolge Russland aber "andere Ziele als in diesen romantischen Tagen", sagte Medwedew. Inzwischen gehe es mehr um den praktischen Wert der Missionen. "Der Traum, irgendwann andere Planeten und Sternensysteme zu erreichen, lebt weiter."

Mars-Mission frühestens ab 2030 möglich

Roskosmos geht davon aus, dass eine Mars-Mission frühestens im Jahr 2030 möglich wäre. In Moskau stellen derzeit sechs Männer beim bislang aufwendigsten Mars-Experiment der Geschichte in einem abgeschotteten Container einen solchen Flug nach. Erst Anfang November sollen die Freiwilligen aus dem 180 Quadratmeter großen "Raumschiff" klettern - nach insgesamt 520 Tagen. So lange dauert etwa ein Trip zum Roten Planeten und zurück. Nur als Gemeinschaftsprojekt sei eine solche Reise denkbar, meint DLR-Chef Wörner. Dazu müssten sich die ehemaligen Konkurrenten USA und Russland aber wohl mit dem neuen Stern am Himmel der bemannten Raumfahrt verbünden: mit China.

Wolfgang Jung/ DPA / DPA