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Vor 25 Jahren: Die "Challenger"-Katastrophe

Diese Katastrophe erschütterte nicht nur Amerika: Vor 25 Jahren explodierte die US-Raumfähre "Challenger" kurz nach dem Start. Es war der Anfang vom Ende der Shuttle-Ära.

Ein Zeitdokument von Erich Follath

Der neunjährige Scott drückte der Mama beim Abschied seinen Spielzeugfrosch in die Hand und sagte: "Bitte nimm ihn mit in den Weltraum und lass ihn von dort zu mir herunterwinken." Die sechsjährige Tochter Caroline gab der Mutter "für da oben im Himmel" ein goldenes Kreuz, das sie zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ehemann Steven drückte ihr als Glücksbringer für die Reise seinen Militär-Ring in die Hand. Und am Vorabend des Starts der Raumfähre "Challenger" brachte die Schulklasse ihrer Lehrerin Christa McAuliffe ein weiteres Maskottchen für den Ausflug ins All mit - ein Mini-Werkzeugkasten mit Plastikhämmerchen und Schraubenzieher, "falls Sie unterwegs was reparieren müssen". Den aufgeregten Kleinen hatte eine Fluggesellschaft den Trip zur Startrampe von Cape Canaveral in Forida spendiert.

Die 37-jährige Lehrerin, von der US-Weltraumbehörde aus über 11.000 Bewerbern als erste Zivilistin für einen "Space Shuttle"-Flug ausgewählt, lachte herzlich. Sie fand, das mit den Werkzeugen sei zwar eine liebe Idee, erklärte aber, das Aufspüren und Ausbessern von Defekten werde in der Raumfähre von Computern besorgt. Keine Angst, es gehe schon alles gut.

Dienstag, 28. Januar, 11.38 Uhr. Dreimal war der Startversuch abgebrochen worden, Wetterprobleme, kleinere technische Defekte. Neuer Countdown. "Go, Christa" steht auf der Fahne der Schüler auf der Besuchertribüne. Spannung auf den Gesichtern der Jungen und Mädchen. Spannung bei Christas angereisten Eltern und der Schwester. Spannung auch bei den zurückgebliebenen Lehrern und Schülern in Christas Heimatstadt Concord im US-Bundesstaat New Hampshire: Sie sind live per Bildschirm dabei, sind wie viele Kinder in den USA gespannt auf die Schulstunden, die Christa McAuliffe aus dem Weltraum geben will. Dann der Bilderbuchstart. Der Jubel. Die Trillerpfeifen und Partykracher. 74 Sekunden Routine, normales Wechselgespräch der Techniker. "Ground Control" an "Challenger": "Drehen Sie jetzt auf" - der Befehl, auf volle Kraft zu schalten. "Challenger" an "Ground Control": "Verstanden, drehen auf." Pause.

Eine gewaltige Explosion

Und dann das Ende von "Mission 51 L": Stichflammen, eine gewaltige Explosion - 600 Tonnen Treibstoff haben sich entzündet. Ein Feuerwerk von makabrer Schönheit. Auseinanderschießende Rauchspuren, die am Himmel die Gestalt einer überdimensionalen Wünschelrute annehmen, dann die eines Kreuzes, das noch lange wie das Menetekel eines zerplatzten Traums zu sehen ist.

Keine Chance für eine "Reparatur". Keine für die Rettung. Nicht einmal Schleudersitze hätten der Besatzung etwas genützt: Die Zivilistin und die sechs Profi-Astronauten werden von dem Druck der Explosion in kleinste Stücke zerrissen. Erst später gibt die Nasa zu, dass noch viel mehr Menschen in tödlicher Gefahr waren: Zwei Antriebsaggregate der Rakete schlingerten völlig außer Kontrolle auf die Küstenstädte Floridas zu. Master-Sergeant Charles J. Miller in Cape Canaveral zum stern: "Zwei Angehörige unserer Luftwaffe, abgestellt für die Sicherheit, zerstörten die Aggregate mit einem Sprengstoffzünder, etwa zwanzig bis dreißig Sekunden nach der Explosion. Das war die einzige Chance, die Situation zu entschärfen."

Die folgenden 56 Minuten regneten in einem l00-Kilometer-Umkreis Metallteilchen und Leichenstücke ins Meer: die Überbleibsel eines amerikanischen Traums, der sich unaufhaltsam zu erfüllen schien. Es war die größte Katastrophe des US-Raumfahrtprogramms - fast auf den Tag genau 19 Jahre nachdem drei Astronauten beim fehlgeschlagenen Start ihrer "Apollo"-Kapsel noch am Boden verbrannten.

Mehr als ein Augenblicks-Schock

Flaggen auf halbmast, Gedenkgottesdienst für die Opfer mit dem Präsidenten und Nancy Reagan - die offiziellen Reaktionen auf die Tragödie waren so vorhersehbar wie die Beileidstelegramme der Staatschefs aus aller Welt, sieht man einmal von den Kondolenz-Bezeugungen des Reagan-Erzfeindes Gaddafi aus Libyen ab. Und ebenso wenig überraschend waren die ersten, spontanen Schuldzuweisungen des amerikanischen "Mannes von der Straße". "Ich dachte, da waren bestimmt Terroristen am Werk", sagte etwa die Schuldirektorin Elizabeth Costello aus Denver, Colorado. "Mein erster Gedanke: Die Russen haben das Ding abgeschossen", sagte Oberschüler Brian Schilke zu Reportern in Bellevue, Washington.

Aber dann war da noch viel mehr als Augenblicks-Schock und die Suche nach Schuldigen. Quer durch die Vereinigten Staaten, quer durch alle Bevölkerungsschichten spürte man tiefe Betroffenheit, Erschütterung, mischten sich Zweifel in den chronischen Optimismus der Pioniernation. "Mit den sieben in der Raumfähre ist ein bisschen von uns allen gestorben", sagte - was viele empfanden - der Physiklehrer William Barwick. Er gehörte neben Christa McAuliffe und einem Dutzend anderer Erzieher zur Nasa-Endauswahl für den Unglücksflug. Und immer wieder tauchte bei der Suche nach Worten für das Maß der Betroffenheit ein Vergleich auf: Die Amerikaner fühlten sich an die Ermordung John F. Kennedys erinnert und an die Agonie danach - einen solchen kollektiven Schmerz hatten sie nie mehr seit dem gewaltsamen Tod ihrer Zukunftshoffnung 1963 empfunden. Weder nach dem Terroranschlag auf die US-Botschaft in Beirut noch nach dem vorweihnachtlichen Flugzeugunglück im kanadischen Gander. Beide Male waren weit über 200 junge Amerikaner umgekommen, Soldaten im Dienst ihres Vaterlandes.

Detonation in der Dauerschleife

Da war allerdings auch das Fernsehen nicht so hautnah dabei wie jetzt in Cape Canaveral. Da zeigten die Sender nicht immer wieder Bilder einer gewaltigen Detonation, mehr als dreißig Mal in drei Stunden ging der Film über die Sender. Da ließ sich das Entsetzen nicht miterleben, wie es sich in den Gesichtern der Eltern von Christa McAuliffe spiegelte, wie Stolz und Triumph sekundenschnell in Schock und tiefes Leid übergingen. Und da waren nicht diese Kindergesichter, über die Tränen rollten, als die Kleinen langsam begriffen, dass ihre Lehrerin nicht mehr wiederkommen würde.

Schmerzlich perfekt machte die Fernsehtechnik der stets zukunfts- und technologie-gläubigen amerikanischen Nation klar, wie tödlich unperfekt die fortschrittlichsten und bestkontrollierten Maschinen sein können - und auf keine waren die Amerikaner so stolz wie auf "Space Shuttle", und keiner Technologie waren sie sich so sicher.

Mit feinem Gespür fand Präsident Ronald Reagan zu der Gefühlsaufwallung seiner Mitbürger die passenden Formulierungen: Er erklärte die sieben von der "Shuttle"-Besatzung zu "Helden der Nation". "Die Zukunft gehört nicht den Kleinmütigen, sondern den Tapferen - wir müssen in ihrem Namen weitermachen", sagte er und sprach von dem besonderen Geist", der die Crew erfüllt habe. Eine Anspielung auf den amerikanischen Lieblingsmythos von den Pionieren, die früher die Grenzen immer weiter nach Westen vorgeschoben hatten, um, allen Gefahren und Opfern zum Trotz, Neuland zu erobern. Das Neuland von heute, so machte der Präsident seinen Landsleuten klar, sei der Weltraum; ihn zu erforschen mithin die Fortsetzung bester amerikanischer Tradition.

Sieben Tage Staatstrauer

Reagan ordnete sieben Tage Staatstrauer an. Straßen sollen nach den sieben Nationalhelden benannt werden und gerade von der unbemannten amerikanischen Sonde "Voyager 2" entdeckte Monde des Planeten "Uranus".

Plötzlich ist die Erforschung des Weltraums überaus populär: 80 Prozent der amerikanischen Bürger wünschen nach einer Meinungsumfrage der Fernsehgesellschaft ABC vom Wochenende, dass das Raumfahrtprogramm weitergeführt wird - nach einem Rückschlag wie diesem erst recht. Der unbedingte Wille zum Weitermachen überrascht. Denn zuletzt hatte das scheinbar reibungslos ablaufende "Shuttle"-Programm immer weniger öffentliches Interesse gefunden. So wenig, dass die Nasa auf Tricks verfallen musste, um überhaupt noch beachtet zu werden: Bei Mission 19 durfte ein US-Senator, bei Mission 22 ein Abgeordneter des Repräsentantenhauses mitfliegen, bei Mission 25 die "erste Privatperson" - dass es eine Lehrerin sein sollte, war Ronald Reagans ureigenste Idee.

Ihm liegt viel daran, dass die beiden Häuser des Parlaments neue "Shuttle"-Gelder bewilligen - nicht nur wegen des wissenschaftlichen "Neulands". Ronald Reagans großer Traum vom Schutzschild gegen Raketen, sein "Star Wars"-Programm, sieht eine militärische Nutzung des Weltraums vor, und dabei hat auch der Shuttle seine Funktion: Im vergangenen Jahr wurde bereits einmal eine Raumfähre für eine geheime Mission der Streitkräfte genutzt.

Eine sympathische "Frau von nebenan"

Die Lehrerin aus der Kleinstadt Concord hatte mit "Sternenkrieg" nichts zu tun. Sie war eine perfekte Nasa-Wahl für die Eigenwerbung. Hätte Norman Rockwell, der 1978 gestorbene amerikanische Heile-Welt-Maler, seine Vorstellung von der ersten Pädagogin im All auf die Leinwand bringen können - die Frau hätte wohl so ausgesehen wie Christa McAuliffe: Lockenfrisur, offenes, frisches Gesicht, ein fröhliches, unkompliziertes, praktisch veranlagtes Wesen.

Ein Genie war sie nicht. Bei ihrer Lehrerprüfung landete sie auf Platz 75 unter 181 Kandidaten. Sie hatte einen Rechtsanwalt geheiratet, zwei hübsche, gesunde Kinder geboren: Christa McAuliffe war die bilderbuchperfekte "Frau von nebenan", die Nachbarin, die Freundin, die man sich wünscht. Dass sie es in ihrer sympathischen Durchschnittlichkeit schaffte, als erste Privatperson für eine Weltraumreise ausgewählt zu werden, das kam - auch für die anderen im Land - der Erfüllung des amerikanischen Traums gleich: Ein jeder, so denkt man in den USA gerne, kann hier alles erreichen, wenn er sich nur hart genug dafür einsetzt und an seine Ziele glaubt. Die von ihr geplanten Schulstunden aus dem Weltraum imponierten der Nasa wegen der anschaulichen Schlichtheit: Sie wollte die Wirkung der Schwerelosigkeit zeigen und hatte dazu Bonbons und Trockenfrüchte mit im "Shuttle".

Auch das Astronautenteam für den 25. Shuttle-Flug war von der Nasa werbewirksam zusammengestellt worden. Mit dabei eine zweite Frau, die 36-jährige Judith Resnik, eine Diplomingenieurin - und die erste Jüdin im All. Dann der Diplomphysiker Ronald McNair, ein 36-jähriger Schwarzer aus South Carolina, als Beweis dafür, dass es bei der Weltraumbehörde, und in den USA, nicht nur Weiße zu etwas bringen. Auch der 39jährige Japano-Amerikaner Ellison S. Onizuka, ein Luftwaffeningenieur aus Hawaii, bot sich als Vorzeige-Held einer Minderheit an. Gregory Jarvis, 41, hatte zuvor zweimal für Politiker auf einen Platz im "Shuttle" verzichtet; der Elektronikfachmann war jetzt einfach mal dran, außerdem konnte er als Angestellter der Firmengruppe "Hughes" die guten Nasa-Kontakte zur Privatindustrie vertiefen. Sowohl der 40-jährige Pilot Michael J. Smith als auch der 46-jährige "Challenger"-Kommandant Frands R. Scobee verfügten nicht nur als Weltraum-Flieger über jahrelange Berufserfahrung, sie hatten beide in Vietnam gedient und galten als besonders stramme Patrioten. Alle Astronauten bis auf die Junggesellin Judith hatten Familie.

Amerika konnte sich nicht nur mit der freundlichen Lehrerin, es konnte sich auch mit der gesamten Crew identifizieren - einem geschickt gewählten Querschnitt von Rassen und Regionen der Vereinigten Staaten.

Gefährlicher Griff nach den Sternen

In der emotionalisierten Atmosphäre nach der Katastrophe trat die Frage nach der Unglücksursache zunächst in den Hintergrund - man nahm der eilends einberufenen Untersuchungskommission der Nasa ab, dass sie vor einem endgültigen Urteil erst einmal alle aufgefischten "Challenger"-Trümmer gründlich untersuchen wolle. Kaum jemand gab der Weltraumbehörde direkt Schuld an der Katastrophe. Dass die Nasa die Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt habe, um die für sie so wichtige "Public-Relations-Mission" mit der Lehrerin voranzutreiben, das mochte kaum einer glauben. Die bisherige Erfolgsbilanz der Nasa spricht gegen diesen Verdacht. Wohl aber meinen manche Experten, dass die Weltraumbehörde ihre vier "Shuttles" überstrapaziert habe. Bevor die Katastrophe jetzt das Programm vorläufig stoppte, waren allein für dieses Jahr 15 Starts vorgesehen. Weshalb so viele Starts nötig waren, haben Nasa-Verantwortliche kaum schlüssig beantworten können.

Viele der "Shuttle"-Missionen glichen einander. Ihr Programm bestand aus ähnlichen Aufträgen wie dem, den die "Challenger"-Crew vom Flug 25 hatte: Ein Nachrichtensatellit sollte in eine Umlaufbahn gebracht, Daten und Bilder vom Halleyschen Kometen sollten zur Erde gefunkt werden. Ob bemannte Raumfahrt mit ihren Risiken den Einsatz überhaupt lohnt - die Grundsatzdiskussion findet in den Vereinigten Staaten erst seit der Katastrophe statt.

Professor Thomas Gold von der "Cornell University" ist einer der wenigen, die den "Griff nach den Sternen" nicht uneingeschränkt bejahen. Er bezweifelt die Nutzanwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse im Raum für unseren Alltag. Selbst die vielzitierte Teflon-Pfanne sei kein echtes "Abfallprodukt" der Weltraumforschung, sondern eine "normale" Erfindung. Vieles, was im All versucht werde - etwa die Herstellung von Medikamenten unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit -, habe entweder kaum Nutzen oder geringe Verwirklichungschancen. "Natürlich gibt es für die Wissenschaft im Weltraum Hochinteressantes zu erforschen", sagt der Professor, "nur ist auch wahr, dass praktisch alles mit Instrumenten-Flügen und Roboter-Einsatz und damit mit viel geringerem Aufwand erreicht werden könnte."

Von Reportern gejagte und traumatisierte Schüler

Der Ex-Astronaut und heutige US-Senator John Glenn glaubt dagegen, dass zur Weltraum- Erforschung immer auch bemannte Flüge gehören müssten. Glenn ist allerdings kein Freund des "Bürger-im-All"-Programms und plädiert dafür, dass nur ausgebildete Testpiloten eingesetzt werden. Das "Shuttle"-Konzept diene der Forschung und nicht dem Beweis, "dass wir Schlachter, Bäcker und Kerzenmacher auf die Reise schicken können". Er hätte auch Journalisten erwähnen können. Nach der Lehrerin sollte ein Reporter einen der nächsten "Shuttles" steigen - eine lange Liste von Bewerbern gibt es bereits. Reagan hat die Kandidaten vertröstet. Er wolle das gesamte "Shuttle"-Programm wiederaufnehmen, wenn die Unglücksursache gefunden und für die Zukunft ausgeschaltet sei. Dann sollten auch wieder Zivilisten eine Chance haben, Reihenfolge wie gehabt: erst ein Erzieher, dann ein Journalist.

Doch sicher scheint, dass zumindest dieses Jahr kein "Shuttle" mehr starten wird. Die "Challenger"-Katastrophe ist weder technisch geklärt noch menschlich bewältigt. Besonders die Kinder aus Christa McAuliffes Klasse tun sich da schwer. In den letzten Tagen haben sich Psychologen der von Reportern gejagten Schüler angenommen: Sie beginnen, sich zwischen Weinkrämpfen und Stunden tiefer Niedergeschlagenheit mit dem Unvermeidlichen abzufinden. Für viele, sagt der Kinderpsychologe Dr. Robert Brooke von der "Harvald Medical School", ist es fast so, als sei ein Elternteil gestorben. Er schätzt, dass manche Kinder für längere Zeit unter den traumatischen Eindrücken leiden werden.

"Ihr müsst nach den Sternen greifen"

Unklar sind auch die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe, vor allem für die "Raketenküste" Mittelfloridas. in der Nähe von Cape Canaveral. "Gott segne die Familien unserer Helden", steht da jetzt auf der Anzeigentafel, die sonst "McDonald's"-Hamburger anpreist. Und "Kentucky Fried Chicken" nebenan widmet seine Anzeige auch "In memory of Challenger - den Astronauten zum Gedenken". Bald könnte hier, in Gemeinden wie Titusville oder Cocoa, wo über 80 Prozent der Bevölkerung vom Weltraumbusiness und -tourismus leben, dem Alptraum "Challenger"-Katastrophe auch der Alptraum Arbeitslosigkeit folgen.

Schon vor dem Unglück hielten große amerikanische Firmen den "Shuttle" für zu teuer, wenn sie einen kommerziellen Satelliten losschicken wollten. So könnte die amerikanische Tragödie zu einem Geschäft für die Europäer werden. "Das europäische Ariane-System befindet sich jetzt auf der Siegerstraße", sagt Wolfgang H. Demisch, ein Luftfahrt-Experte von der "First Boston Corporation". "Ariane war bis jetzt schon billiger, nur hielten die Amerikaner ihren 'Shuttle' für weniger störanfällig."

Möglich ist aber auch, dass der Pioniergeist, der typisch amerikanische Optimismus, der lähmende Trauer nicht lange zulässt, der Weltraumforschung neue Schubkraft verleiht. Dann wird für die Shuttle-Technologie eher mehr statt weniger Geld bewilligt. Vielleicht wird das auch des Präsidenten Idee von der "Star Wars"-Verteidigung vorantreiben. Damit wäre der zweite Teil der Prophezeiung widerlegt, die der Ex-Astronaut und heutige Präsident der "Eastern Airlines", Frank Borman, vor sieben Monaten gemacht hat: "Wir werden früher oder später einen Shuttle verlieren, und dann wird die Romanze der Öffentlichkeit mit dem ganzen Shuttle-Programm schnell enden."

Der Amerikaner Borman hat vielleicht unterschätzt, wie stark er noch immer ist, der amerikanische Traum.

"Vergesst nicht: Wenn ihr etwas erreichen wollt, müsst ihr nach den Sternen greifen", schrieb Christa McAuliffe kurz vor dem Start ihren Schülern. Dass der Griff nach den Sternen mit Risiken verbunden ist, hat sie sicher gewusst, aber nicht hinzugesetzt.

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